ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Luftrettung in Kenia: Hilfe aus dem Himmel

THEMEN DER ZEIT

Luftrettung in Kenia: Hilfe aus dem Himmel

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1311 / B-1116 / C-1044

Fiebig, Hartmut

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Die Fliegenden Ärzte von Ostafrika retten seit mehr als 40 Jahren das Leben anderer – und riskieren dabei mitunter das eigene.

Captain Moran beginnt mit dem Landeanflug. Durch die Cockpitscheiben ist bereits das staubige Flugfeld zu sehen. Eine Elefantenherde blockiert die Landebahn. Doch die Maschine muss in jedem Fall runter. Der Pilot drückt die Cessna tiefer, Akazien wischen an den Fenstern vorbei. In ein paar Metern Höhe schießt das Flugzeug über die Elefantenherde hinweg. Jim Moran zieht den Flieger hoch und zwingt ihn in eine enge Linkskurve. Der Backbordflügel scheint die ockerfarbene Erde des Samburu National Reserve zu berühren. Die Elefanten räumen das Feld. Nach einer Platzrunde vor dem Panorama der abendlichen Savannenlandschaft Nordkenias setzt der Buschpilot die Propellermaschine unbeschadet auf.
Viel Zeit zum Durchatmen bleibt nicht. Neben den beiden Safari-Bussen am Ende der Piste liegt ein blutüberströmter Mann im Staub. Martha und Alice, die beiden Krankenschwestern an Bord, sind sofort bei ihm. Es ist ein britischer Tourist, der sich, von Depressionen geplagt, über eine Klippe stürzte. Schürfwunden und Knochenbrüche hat er erlitten, es besteht Verdacht auf Schädelbasisbruch. Während Martha eine Infusion vorbereitet, überprüft Alice die Vitalfunktionen. Atmung stabil, Blutdruck zufriedenstellend, Puls schwach, aber regelmäßig. Unter den Augen des Mannes haben sich blau-schwarze Blutergüsse gebildet. Seine Kleidung ist verschmutzt. Aber er ist wieder ansprechbar. Ja, er hat starke Schmerzen.
Die Elefanten stehen siebzig Meter entfernt am Rand des Flugfeldes. Das Leittier fächelt nervös mit den Ohren. Captain Moran treibt zur Eile an. In zwei Stunden schließt der Wilson Airport in Nairobi. Die Trage wird ins Flugzeug gehievt. Während die Maschine zum Start rollt, erhält der Patient eine Sauerstoffmaske und wird an den Herzmonitor angeschlossen. Das Flugzeug beschleunigt und löst sich vom Boden. Meter um Meter steigt es in den Abendhimmel. Zwischen Kumuluswolken glühen die Gletscher des 5 190 Meter hohen Mt. Kenya auf. Dann wird auch die Cessna von der schwarzen Nacht verschluckt. Nach der Landung in der Millionenstadt Nairobi wird der Verletzte vor dem Hangar der Fliegenden Ärzte in einen wartenden Krankenwagen umgeladen. Das zuckende Rotlicht verschwindet in der Nacht. Innerhalb weniger Stunden aus der wilden Savanne in die modernste Klinik Ostafrikas – nur dank dieser schnellen Rettungsaktion der Fliegenden Ärzte überlebte der englische Patient.
Lediglich zwanzig Minuten vergehen im Regelfall zwischen dem Auffangen eines Notrufes aus dem Äther bis zum Start einer Hilfsmaschine der Fliegenden Ärzte vom Wilson Airport. Die Verständigung zwischen Outback, dem Land ohne Telefonleitungen, und der Leitstelle der Flugrettung in Nairobi erfolgt durch 120 – teils solarbetriebene – Funkstationen. Jede von ihnen ist eine Masche im unsichtbaren Hilfsnetz, das ganz Ostafrika überzieht. Die medizinischen Außenposten können über Funk sogar dringend benötigte Arzneimittel bestellen oder bei komplizierten Fällen von Spezialisten fachlichen Rat erhalten. Und da sich Notfälle selten an Dienststunden halten, ist der Funkraum der Flugrettung rund um die Uhr in Bereitschaft. Rund 500 solcher „Feuerwehreinsätze“ jährlich fliegen die Flying Doctors of East Africa, beinahe die Hälfte der transportierten Patienten sind Touristen. Zwischen 700 und 800 Landepisten werden angeflogen. Das Einsatzgebiet reicht von Äthiopien bis hinunter nach Malawi und Sambia: eine Fläche, größer als Mitteleuropa – und deutlich wilder. Die Bandbreite der Notfälle in den letzten Monaten spricht für sich: Tellerminenverletzungen, Schuss-, Schnitt- und Stichwunden, Gasexplosionen, Malariainfektionen, Wildunfälle und Schlangenbisse, aber auch „normale“ Fälle wie Nierenkoliken, Epilepsien, Verbrennungen,
Geburtskomplikationen, Herzinfarkte und Schädelbrüche finden sich darunter. Die meisten Verletzten fordert indes der chaotische Verkehr auf Ostafrikas Straßen. Allerdings machen die Luftrettungseinsätze nur rund zwanzig Prozent der Flüge aus. Mehr als doppelt so viele Flugstunden verbringen die fünf Maschinen der Fliegenden Ärzte für die Mutterorganisation in der Luft, die African Medical and Research
Foundation (AMREF).
AMREF fliegt mit seinen Ärzte-Teams im regelmäßigen Turnus 40 Buschkrankenhäuser Ostafrikas an. Bei den mehrtägigen Visiten nehmen die Fachärzte – vom Urologen bis zum Augenarzt – spezielle Untersuchungen, Behandlungen und Operationen vor, die von den medizinischen Kräften vor Ort nicht selbst durchgeführt werden können. Die Bilanz dieses so genannten Outreach-Programms: Bisher wurden mehrere Millionen Patienten, viele von ihnen traditionelle Nomaden ohne festen Wohnsitz, aus der Luft behandelt. Jährlich wird rund 3 000-mal operiert, seit den Anfängen summiert sich die Zahl der Eingriffe auf über 80 000. Dass die Hilfe aus dem Himmel einmal solche Dimensionen annehmen würde, war 1957, im Gründungsjahr von AMREF, nicht abzusehen. Heute arbeiten rund 700 Menschen aus 15 Ländern für die Organisation, 51 davon für die Fliegenden Ärzte. 95 Prozent von ihnen sind Afrikaner. Der Initiator der Fliegenden Ärzte war Michael Wood, ein britischer Chirurg, der in der Nähe von Nairobi lebte. Hin und wieder wurde der passionierte Flieger mit seinem Flugzeug zu Notfällen in die einsamen Gebiete Kenias gerufen. Wie – so grübelte er auf den langen Flügen – könnte man selbst in entlegenen und dünn besiedelten Landstrichen eine medizinische Grundversorgung und ärztliche Notfallhilfe gewährleisten? Wood wusste aus der eigenen Arztpraxis: „Wer in Afrika ein guter Doktor sein will, muss seinen Patienten aufsuchen. Man kann nicht warten, bis er zu einem kommt. Bis dahin ist er längst tot!“
Die ersten Versuche, Kenias abgelegene Gebiete mit mobilen Fahrzeugkliniken zu erreichen, versackten im Matsch der Regenzeiten und ertranken in Kosten. Ab 1961 wurden systematisch Flugzeuge eingesetzt und erwiesen sich bald als das ideale Transportmittel. Berechnet man sämtliche anfallenden Kosten, war – und ist – Fliegen sogar billiger als Fahren. Und durch die hohe Geschwindigkeit und große Reichweiten erschloss sich der Organisation ein riesiges, ansonsten unwegsames Operationsgebiet. Statt Tage auf staubigen, heißen und ruckeligen Pisten zu vergeuden, konnten die Ärzte bedeutend mehr Zeit auf ihre Arbeit verwenden. Und Arbeit ist das einzige bei AMREF, von dem es immer mehr als genug gab.
120 Projekte hat die humanitäre Organisation mit Hauptsitz in Nairobi sowie Ablegern in Tansania, Uganda und Südafrika ins Leben gerufen, um jene Lücken zu schließen, die das marode staatliche Gesundheitswesen nicht abdeckt. Besonderes Gewicht wird von jeher auf die Aus- und Fortbildung von medizinischen Fachkräften gelegt. Daneben leistet AMREF klassische humanitäre und medizinische Hilfe, unterstützt Hungernde und Flüchtlinge, führt Aufklärungskampagnen – zum Beispiel gegen Aids – durch, propagiert Familienplanung, organisiert Impfkampagnen und betreibt medizinische Forschung. Dabei wird auf lokal verfügbare, preiswerte Methoden gesetzt. Da Vorsorge billiger ist als eine Behandlung, hat sich AMREF beispielsweise auch beim Bau von Trinkwasserbrunnen für 40 000 Menschen engagiert, organisiert Selbsthilfegruppen von Eltern mit behinderten Kindern oder vermittelt allein erziehenden Frauen Kredite für Kleingewerbe. Denn können sich die Mütter etwas hinzuverdienen, verbessern sich erfahrungsgemäß auch Ernährungs- und Gesundheitszustand ihrer Kinder.
Schwer zu glauben, dass der Jahresetat von AMREF – die Fliegenden Ärzte eingeschlossen – nur 15 Millionen Dollar beträgt. Ein großer Teil dieser Gelder stammt von den Beiträgen der rund 30 000 Mitglieder, ein weiterer Löwenanteil wird von Geberländern aufgebracht. Daneben hat AMREF aber auch in zwölf nordamerikanischen und europäischen Ländern Spendenorganisationen aufgebaut, die Gelder sammeln, darunter auch in Deutschland und Österreich.
Inzwischen sind die Helfer vom Himmel selbst in Not. Seit einigen Jahren drängt kommerzielle Konkurrenz in den Luftrettungssektor. Ohne Erfahrung und eigene Flugzeuge, aber
mit den Werbemillionen internationaler Versicherungskonzerne im Rücken, jagen sie den traditionsreichen Fliegern Mitglieder ab. Als Folge geringerer Spenden müssen AMREF und
die Flying Doctors rationalisieren – bisher ein Fremdwort für die gemeinnützige Stiftung. Dennoch: Anders als bei den Kommerziellen soll es auch zukünftig unentgeltliche Transporte in sozialen Härtefällen geben – immerhin ein Fünftel aller Rettungsflüge. Als Tourist hingegen kann man sich für gerade mal 50 Dollar gegen den (Not-)Fall der Fälle versichern lassen. Tritt der Ernstfall nicht ein, hat man zumindest die wichtige Arbeit der Organisation unterstützt.
Der Chefpilot Benoit Wangermez steht zwischen den fünf Rettungsflugzeugen der Flying Doctors auf dem Vorfeld und hat sich den dunkelblauen Fliegerpulli über die Schulter geworfen. Rein äußerlich entspricht der kleingewachsene, wortkarge Franzose nicht gerade dem Klischeebild vom Buschpiloten. Was treibt Benoit und seine Kollegen dazu, täglich das eigene Leben für andere zu riskieren? Geld jedenfalls ist es nicht. Dafür haben die vier Piloten bereits zu viele verlockende Ange-
bote von kommerziellen Airlines abgelehnt. Nach seinen schönsten Erlebnissen im Beruf gefragt, erzählt der Franzose von der tiefen Befriedigung, wenn es gelingt, ein Menschenleben zu retten. Kein Pathos schwingt da mit, aber viel zupackende Menschlichkeit. Und dann erzählt er von dem Turkana-Hirten, der von Viehdieben schwer verletzt wurde. Vier Tage lang trugen ihn seine Verwandten durch die flimmernde Wüste nach Loyangalani, dem nächsten Funkposten, der sofort die Flying Doctors benachrichtigte. Die Notoperation in Nairobi war erfolgreich, der Patient, der noch nie zuvor ein Krankenhaus, geschweige denn ein Flugzeug von innen gesehen hatte, genas. Und was bedeutet ihm das Fliegen? „Fliegen“, behauptet Benoit, „Fliegen besteht zu 99 Prozent aus Langeweile und zu einem Prozent aus Terror.“ Aber wenn er von seiner Arbeit erzählt, klingt das nicht gerade nach langweiligem All-
tag. Offenbar gibt es da ein Problem mit einer
gemeinsamen Definition von „Routine“. Beiläufig erwähnt er Nachtlandungen in wildreichen Nationalparks beim Scheinwerferlicht von aufgereihten Geländewagen und touch downs an abgelegenen Sandstränden. Vor drei Jahren lief ihm während des Landens ein Zebra in den Propeller, eine Beinahekatastrophe. Aber beim Erzählen blitzt es verräterisch in seinen Augen. Da ist klar, dass er seine Arbeit zumindest auch wegen der fliegerischen Herausforderungen so liebt. Ein Prozent Terror, das offensichtlich sehr schwer wiegt. Hartmut Fiebig

Kontakt:
AMREF-Deutschland Mauerkircherstraße 155 81925 München
Telefon: 0 89/98 11 29 Fax: 98 11 89
Spendenkonto:
Hypovereinsbank,
Bankleitzahl: 700 202 70 Konto: 329 488
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