ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Vergangenheit: Auch im Westen kein Schlaraffenland

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Vergangenheit: Auch im Westen kein Schlaraffenland

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1315 / B-1120 / C-1048

Schröder, Horst

Zu dem Beitrag „Ärztliche Praxis vor fünfzig Jahren: Bericht aus einer fernen Zeit“ von Dr. med. Wolfgang Dau in Heft 13/2001:
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LNSLNS Herr Kollege Dau schildert sehr anschaulich seine Tätigkeit als junger Arzt in der damaligen DDR. Beim Lesen dieses Berichtes sah ich meine eigenen ersten Schritte nach dem Staatsexamen 1949 in Heidelberg als Medizinalpraktikant in einem kleinen Kreiskrankenhaus in Niedersachsen vor mir, die sich eigentlich kaum von den beschriebenen Verhältnissen „drüben“ unterschieden. Während meiner Famulaturen 1948/49 waren zum Beispiel Stromsperren an der Tagesordnung, und das hauseigene Aggregat lieferte während der Operationen einen Strom, bei dessen Licht heute keine Hausfrau mehr einen Kuchen backen würde. Bluttransfusionen wurden mittels eines Dreiwegesystems – Spender und Empfänger lagen sich gegenüber – durchgeführt. Ich denke noch oft an die Szenen, wenn nach einem abdominellen Eingriff die Bauchdecken wegen der ständigen Husterei des Patienten bei der Chloräthyl-Äthertropfnarkose nicht geschlossen werden konnten und die Narkoseschwester unter ihrem Tuch hervorrief: „Der Patient ist schon ganz blau!“ Überhaupt war man beim Operieren oft mehr mit der Narkose beschäftigt als mit dem Eingriff. Unsere Oberschwester hätte an unserem Verstand gezweifelt, wenn wir Fertig-Gipsbinden verlangt hätten. Die Gipsbinden wurden von uns morgens vor Dienstbeginn in der von Herrn Dau beschriebenen Weise vorbereitet (1949), und neue Op-Handschuhe bekam zunächst der Chef, wir Assistenten erhielten die x-mal gewendeten und sterilisierten, bis diese beim Überstreifen auseinander fielen. Bei Vertretungen von Kollegen auf dem Lande wurden selbstverständlich Dammnähte und Aborte zu Hause auf dem Küchentisch erledigt, wenn man den Hof auf grundlosen Wegen mit einem Pferdefuhrwerk glücklich erreicht hatte (Bilddokumentation vorhanden). Desgleichen musste auf heute kaum vorstellbare hygienische Bedingungen eingegangen werden, wenn die Plazenta nicht vollständig war. Besonders beglückend war, wenn die Hebamme morgens um drei Uhr mit einer in Zeitungspapier eingewickelten Plazenta ankam und man im Halbschlaf entscheiden sollte, ob sie vollständig sei. Von meinem Vater hatte ich eine Art Vakuumpumpe übernommen, mit der ich bei Blutdruckkrisen oder Lungenödemen einen Aderlass machen und die abgezapfte Blutmenge ablesen konnte. Von ihm habe ich auch das Rezeptieren gelernt. Der „Heilmeyer“ hat mich noch in den ersten Jahren meiner Praxistätigkeit begleitet, und Nackenkarbunkel habe ich noch 1956 – dann allerdings in Evipan-Kurznarkose – ausgeräumt und die abgehobenen Ecken fein säuberlich mit Mullstreifen unterlegt. Auch wir hatten als Antibiotikum nur Penicillin, das anfangs noch nicht als Depotmedikation zur Verfügung stand und daher meist nur in der Klinik angewandt wurde. Und auch das Salär sollte man nicht vergessen: Von 1949 bis 1951 erhielt ich als Medizinalpraktikant und später nach der Approbation als Stationsarzt und im Landvierteljahr sage und schreibe ganze 40 (in Worten vierzig) DM monatlich bei freier Station! Eine Versicherung in einer Pflichtkrankenkasse war gesetzlich nicht vorgeschrieben und wurde vom Arbeitgeber nicht abgeschlossen.
Zugegeben, diese Verhältnisse besserten sich dann von Jahr zu Jahr, dennoch sollte der interessante Artikel von Herrn Dau nicht den Eindruck erwecken, als hätten wir Jungärzte im Westen in diesen ersten Jahren nach dem Krieg ein medizinisches Schlaraffenland vorgefunden.
Dr. med. Horst Schröder, Bühlstraße 140, 57080 Siegen
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