ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001KunstWIRKT: Moderne Kunst gegen blauen Dunst

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KunstWIRKT: Moderne Kunst gegen blauen Dunst

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1337 / B-1141 / C-1069

Hasler, Jürgen

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LNSLNS Eine neue und ungewöhnliche Kampagne gegen das Rauchen

Die Idee kam ganz spontan: Im vergangenen Jahr hatten Marlboro und Camel limitierte Sondereditionen mit besonders auffällig gestalteten Zigarettenschachteln herausgegeben. „Wir mussten feststellen, wie kreativ die Tabakindustrie ist und mithilfe moderner Kunst Zigaretten vermarktet. Bei unserer Antwort müssen wir nun mindestens genauso kreativ sein“, begründet Dr. Bertollini, Vizedirektor des Europabüros der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), eine neue und ungewöhnliche Kampagne gegen das Rauchen. Mit Kunstwerken soll für das Nichtrauchen und für die Tabakentwöhnung geworben werden.
Zwanzig europäische Künstler haben für die WHO Kunstwerke zum Themenkreis „Rauchen und Tabakentwöhnung“ geschaffen, die im Rahmen der Kunstausstellung „KunstWIRKT“ bis 3. Juni in Berlin zu sehen sind. Die Themen „Rauchen, Tabakabhängigkeit und Rauchstopp“ wurden vielfältig umgesetzt: Skulpturen, Gemälde, Fotografien und Videos umfassen ein breites Spektrum von der Darstellung der Risiken des Rauchens für Kinder und Erwachsene bis hin zur Demaskierung irreführender Behauptungen in der Zigarettenwerbung.
Zu den ausgestellten Werken gehört beispielsweise
die plastische Darstellung „Kristallwelt“ des Italieners Stefano Arienti, die einhundert Aschenbecher aus feinstem Murano-Glas zeigt. Der Belgier Wim Delvoye pro-
voziert in seiner Fotoarbeit mit einer Scheibe Schinken, die er mit der Comic-Zeichnung eines rauchenden Jungen im Stil der 50er-Jahre schmückt. Die französischen Künstler Dominique Gonzalez-Foerster und Ange Leccia thematisieren hingegen in ihrem Video „Blue Canyon“ die Schönheit einer unberührten Natur, um sie mit den rauen Eigenschaften der Wildnis zu kontrastie-
ren, wie sie gerne in der
Tabakwerbung gezeigt werden. Der Spanier Pedro Barbeito lässt sich wie viele Künstler seiner Generation von der modernen Informationstechnologie inspirieren. „Digital Lungs“ entwickelte er aus einer Fotografie einer gesunden menschlichen Lunge, die er mit Mitteln der Computertechnologie zu einer ästhetischen und farbenfrohen – jedoch abstrakten – Abbildung verfremdet hat.
Die Kunstwerke gehören nicht ausschließlich in die klassische Kategorie einer Kunstausstellung, sondern sind Gegenstand einer Gesundheitskampagne. So wurden von der großformatigen Fotografie des Düsseldorfer Künstlers Thomas Ruff 110 000 Kunstdrucke gefertigt, die allen interessierten Einrichtungen, insbesondere aber Apotheken und Arztpraxen, unentgeltlich zur Verfügung stehen, um Raucher zum Rauchstopp zu motivieren.
Das Poster zeigt einen rotbackigen kleinen Jungen in Lederhosen, der mit den Worten „Papa raucht nicht mehr“ stolz den erfolgreichen Rauchstopp des Vaters verkündet. „Die Zahl 110 000 wurde bewusst gewählt“, erläutert Michaela Goecke, Projektkoordinatorin von KunstWIRKT, die Auflagenzahl der Poster. „Jedes Jahr sterben rund 110 000 Raucherinnen und Raucher an den Folgen ihres Tabakkonsums in Deutschland. Jedem von ihnen ist symbolisch ein Poster gewidmet.“
Darüber hinaus gibt es als Beratungsleitfaden für Ärzte, Psychologen und Apotheker die Broschüre „Rauchersprechstunde“, die vom Deutschen Krebsforschungszentrum mit der Bundes­ärzte­kammer entwickelt wurde. „Obwohl jährlich etwa ein Drittel aller Raucher versucht aufzuhören, schaffen nur ein bis drei Prozent von ihnen den endgültigen Ausstieg“, berichtet Dr. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum über die Schwierigkeiten des dauerhaften Rauchstopps. KunstWIRKT will mithilfe der Kunstwerke das Image des Nichtrauchens und des Rauchstopps fördern und Raucher ermutigen, ihre Ärzte und Apotheker nach Hilfen und Unterstützungsmaßnahmen zu fragen.
Die Kunstkampagne der Welt­gesund­heits­organi­sation findet auch im Deutschen Bundestag Unterstützer. Werner Lensing (CDU), Initiator eines fraktionsübergreifenden Nichtraucherschutzgesetzes, schätzt, dass sein Antrag zur Änderung der Arbeitsstättenverordnung am 31. Mai im Bundestag eine Mehrheit
findet. Dann würde der Schutzanspruch des Nichtrauchers am Arbeitsplatz höherrangig eingestuft als der Entfaltungsraum des Rauchers. Jürgen Hasler

Das Poster und die Broschüre „Rauchersprechstunde“ können bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unentgeltlich unter der Postfachadresse BZgA, 51101 Köln, per Fax: 02 21/89 92-2 57 oder per E-Mail: order@ bzga.de angefordert werden. Abbildungen der Kunstwerke sind als Downloads abrufbar unter: www.who.dk/tobacco/ ArtWorks/ArtWorks/Thumbnails.htm
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