ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Multiples Myelom: Antikörper als zukünftige Therapiestrategie

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Multiples Myelom: Antikörper als zukünftige Therapiestrategie

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): A-1340 / B-1121 / C-1048

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LNSLNS Das Multiple Myelom (Plasmozytom) gilt als maligne Erkrankung des höheren Lebensalters mit einem Altersgipfel im siebten Lebensjahrzehnt. Allerdings seien in letzter Zeit vermehrt auch jüngere Patienten betroffen, berichtete Prof. Hermann Einsele (Tübingen) bei einer Pressekonferenz von Chugai Pharma (Frankfurt/ Main) anlässlich des Internistenkongresses in Wiesbaden. Therapie und Prognose dieser hämatologischen Erkrankung seien jedoch besonders altersabhängig.
Genetische Marker als neue Prognosefaktoren
Nach Durie und Salmon wird das Multiple Myelom in drei Erkrankungsstadien eingeteilt. Die bisherige Therapiestrategie sieht eine Behandlung nur in den Stadien II und III vor. In prognostischer Hinsicht habe sich die Stadieneinteilung als unzureichend erwiesen, gab Prof. Hartmut Döhner (Ulm) zu bedenken. Daher setzen die Hämatologen zunehmend auf die Erfassung genetischer Veränderungen. Insbesondere die Deletion eines q-Arms von Chromosom 13 korreliert gut mit dem Überleben von Myelom-Patienten. Eine französische Arbeitsgruppe habe für Patienten ohne 13-q-Deletion ein mittleres progressionsfreies Überleben von 32,6 Monaten, für Patienten mit diesem Marker hingegen von knapp 17 Monaten ermittelt, berichtete Döhner.
Angesichts der schlechten Prognose wird diskutiert, ob Myelompatienten mit dieser genetischen Veränderung in Zukunft statt mit der autologen Stammzelltransplantation mit einer allogenen Knochenmarkspende oder Stammzelltransplantation behandelt werden sollten. Bisher, so Einsele, ist die stadien- und altersadaptierte Chemotherapie der Standard in der Behandlung des Multiplen Myeloms.
Für Patienten in Stadium I existiert derzeit keine Therapie, von der sie nachweislich profitieren. Geprüft wird jedoch der Einsatz von Bisphosphonaten sowie von Thalidomid. Stadium II oder III des Multiplen Myeloms gilt hingegen als klare Indikation für eine Chemotherapie, wobei heute Melphalan plus Prednisolon als Standardtherapie zu betrachten sind.
Hochdosis-Chemotherapie verlängert Überlebenszeit
Patienten unter 60 Jahre in Stadium II oder III erhalten eine Induktionstherapie, gefolgt von einer Hochdo-
sis-Chemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation. Durch die Hochdosis-Chemotherapie lassen sich Ansprechrate und Überlebenszeit gegenüber der Standardtherapie signifikant verbessern. Als Alternative zur autologen Stammzelltransplantation kommt die allogene Transplantation infrage, die jedoch mit dem Risiko
einer Frühsterblichkeit von bis zu 50 Prozent einhergeht.
Einen Ausweg bietet die „Mini-Transplantation“, bei der die Dosis der Konditionierungstherapie erheblich reduziert und dadurch die Toxizität gesenkt wird. Ob diese Therapieform sich auch für ältere Patienten eignet, wird geprüft.
Nach Angaben von Dr. Hartmut Goldschmidt (Heidelberg) wird derzeit auch geprüft der Einsatz von neuen Zytostatika wie Vinorelbin, Bendamustin oder Idarubicin, eine Abwandlung der Chemotherapie-Schemata sowie Verbesserungen der autologen Stammzelltransplantation und der Therapie der „minimal residual disease“.
Gegen Letztere könnte sich die Substanz Thalidomid bewähren. Sie hemmt die Angioneogenese und reduziert dadurch die Blutversorgung der Myelomherde, die sich durch eine siebenfach stärkere Durchblutung im Vergleich zu gesundem Knochenmark auszeichnen.
Eine erste Studie mit Thalidomid von Barlogie (1998) hat durch eine Ansprechrate von über 25 Prozent bei Chemotherapie-refraktären Patienten Hoffnungen geweckt. Derzeit wird prospektiv untersucht, ob Thalidomid gegenüber Interferon, jeweils in Verbindung mit Chemotherapie und allogener Stammzelltransplantation, bei Myelompatienten mit fortgeschrittener Erkrankung einen Vorteil bietet.
Trotz intensiver Behandlung erleiden viele Myelom-Patienten ein Rezidiv, weil auch nach Hochdosis-Chemotherapie und Stammzelltransplantation häufig eine erhebliche Tumormasse zurückbleibt. Um diese Tumorreste unter Kontrolle zu bringen, seien Antikörper „extrem attraktiv“, sagte Einsele. Dr. Walter Singleton (Chugai Biopharmaceuticals, San Diego) stellte zwei neue Antikörper vor, die in Zukunft die
Chancen für Patienten mit Multiplem Myelom verbessern könnten: „AHM“ ist ein humanisierter Mausantikörper gegen das Antigen HM 1.24, das an der Oberfläche von Myelomzellen überexprimiert wird. Der Antikörper weist eine hohe Affinität zu dem Antigen auf, das von normalen Plasmazellen in nur sehr geringem Umfang oder gar nicht exprimiert wird. Mehrere In-vitro-Experimente haben erwiesen, dass AHM zytotoxisch auf Zellen wirkt, die das Antigen HM 1.24 tragen. Bei Tiermodellen mit humanem Multiplem Myelom habe AHM das Tumorwachstum hemmen können, berichtete Singleton.
Ein weiterer Antikörper richtet sich nicht gegen Myelomzellen selbst, sondern gegen den Interleukin-6-Rezeptor. Das Zytokin Interleukin-6 (IL-6) wirkt als Wachstumsfaktor für Myelomzellen. Diese exprimieren vermehrt IL-6-Rezeptoren. Chugai entwickelte mit „MRA“ eine humanisierte Form dieses Antikörpers: MRA ist ein voll humanisierter monoklonaler Mausantikörper gegen den humanen IL-6-Rezeptor. In Pilotstudien waren bei drei von zehn Patienten antiproliferative Effekte zu beobachten, teilweise mit Reduktion der Tumormasse. EB
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