ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2001Vom Nutzen der Madeira-Mauereidechse

VARIA: Post scriptum

Vom Nutzen der Madeira-Mauereidechse

Dtsch Arztebl 2001; 98(20): [92]

Wirtz, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Bevölkerung von Madeira mag die dort einheimische Mauereidechse (Podarcis dugesii) nicht. Die Eidechsen fressen nämlich Weintrauben und Bananen. Deshalb (und weil viele Leute auf Madeira vor den kleinen harmlosen Eidechsen ganz furchtbar Angst haben) werden auf Madeira jährlich viele Tausende Eidechsen mit einer Mischung aus Bananen und Strychnin vergiftet.
Kaum jemand weiß, dass die große Zahl an Eidechsen die Bevölkerung von Madeira vor Borreliose schützt. Der Auslöser dieser vor allem in den südlichen USA weit verbreiteten Krankheit ist ein Bakterium (Borrellia burgdorferi), das normalerweise in Mäusen und in anderen Kleinsäugern lebt und für diese in keiner Weise schädlich ist.
Der wahre Übeltäter in dieser Geschichte ist die Zecke. Um zu wachsen und um sich fortzupflanzen, muss eine Zecke dreimal in ihrem Leben Blut saugen. Wenn sie erst Blut von einer mit Borrellia infizierten Maus saugt und dann beim nächsten Mal Blut von einer nicht infizierten Maus saugt, überträgt sie das Bakterium auf die zweite Maus. Wenn eine Zecke mit Borrellia-Bakterien allerdings an einem Menschen Blut saugt, überträgt sie das Bakterium auf den Menschen und damit den Erreger der Krankheit Borreliose.
Untersuchungen haben gezeigt, dass es auch auf Madeira mit Borrellia infizierte Mäuse gibt. Zwar nur wenige, aber es gibt sie. Warum ist dann aber Borrelliose auf Madeira praktisch unbekannt? Dank der Madeira Mauereidechse!
Auf Madeira gibt es mehr Eidechsen als Mäuse. Eine Zecke auf der Suche nach einem „Blutspender“ wird also mit höherer Wahrscheinlichkeit auf eine Eidechse treffen als auf eine Maus. Zecken trinken durchaus auch an Eidechsen Blut. Eidechsen enthalten aber niemals das Borrellia-Bakterium. Mehr noch: Wenn eine bereits mit Borrellia infizierte Zecke Blut einer Eidechse saugt, sterben die Borrellia-Bakterien!
Die enorme Zahl von Eidechsen auf Madeira hat also gleich zwei Effekte: Sie verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sich Zecken mit Borrellia-Bakterien infizieren, und sie reinigt ständig die Zeckenpopulation von Bakterien. Es ließ sich sogar eine Beziehung zwischen der Häufigkeit von Eidechsen und der Anzahl infizierter Mäuse zeigen: infizierte Ratten gibt es nur in Gebieten mit wenigen Eidechsen – wo es viele Eidechsen gibt, gibt es keine infizierten Mäuse. Prof. Dr. Peter Wirtz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige