ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Risiken einer Therapie mit Thyreostatika und mögliche Alternativen

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Risiken einer Therapie mit Thyreostatika und mögliche Alternativen

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LNSLNS Für die Therapie der Hyperthyreose stehen die Behandlung mit Thyreostatika, mit radioaktivem Iod oder die operative Schilddrüsenresektion zur Verfügung.
Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) weist hiermit auf die Risiken einer Therapie mit Thyreostatika sowie auf mögliche Alternativen hin:
Fallbericht: Bei einer 42jährigen Patientin ergab sich anläßlich eines ausgeprägten Schubes einer langjährig bestehenden Hyperthyreose die Notwendigkeit, eine Wartezeit bis zu einer geplanten Radioiodtherapie zu überbrücken. Sie erhielt daher unter Hinweis auf die möglichen Nebenwirkungen zunächst 40 mg/d, dann 30 beziehungsweise 20 mg/d Thiamazol. Fieber und Rachenreizung wurden vom Hausarzt zunächst als Zeichen eines Infektes der oberen Luftwege gedeutet. Nach zwei Wochen trat ein Leukozytenabfall mit einer Verminderung der neutrophilen Granulozyten von 74 auf 41 Prozent auf. Schließlich betrugen die Leukozytenwerte nur noch 1,3/nl ohne Nachweis von neutrophilen Granulozyten. Dazu bestanden eine ulzeröse Gingivitis sowie Fieber von 40 C, die sich nach einer stationären Notfallaufnahme unter einer DreifachAntibiotikagabe rasch zurückbildeten. Sechs Tage nach Absetzen von Thiamazol lagen die Leukozytenwerte wieder bei 3,5/nl und nach weiteren zwei Wochen im Normbereich. Die jetzt durchgeführte Radio-iodtherapie führte nicht nur zu einer Normalisierung der Stoffwechsellage, sondern auch zu einer Größenreduktion der Struma um etwa 50 Prozent.
Thioharnstoffderivate (Thiamazol, Carbimazol, Propylthiouracil) verursachen nicht selten allergische Reaktionen mit Exanthem, Fieber, Gelenk- und Muskelschmerzen; auch werden Thrombo- und Leukopenien sowie Kopfschmerzen und selten Leberenzymveränderungen oder Cholestasezeichen beobachtet. Dabei ist zwischen – dosisabhängigen – geringergradigen Leukozytopenien und lebensbedrohlichen allergischen Agranulozytosen zu unterscheiden. Wenn auch die absolute Inzidenz Thyreostatika-induzierter Agranulozytosen als selten gilt, zählt die Substanzgruppe doch zu den Medikamenten, die am häufigsten eine medikamentös-allergische Agranulozytose auslösen können.
Über die Risiken einer Therapie mit Thyreostatika wurde im Ausschuß "Unerwünschte Arzneimittelwirkungen" beraten. Auch bei sorgfältiger Patientenaufklärung erscheinen die Möglichkeiten gering, die Gefahren Thyreostatika-bedingter allergischer Granulozytopenien zu vermeiden. Deshalb wird noch einmal an die begrenzten Indikationen für den Einsatz der Thyreostatika erinnert: Schilddrüsenautonomie bis zur Radioiodtherapie bzw. Operation, Morbus Basedow über maximal ein Jahr. Begrüßenswert wäre daher eine stärkere Verbreitung der im Vergleich zur Operation nicht invasiven Radioiodtherapie, die selektiv alle funktionell überaktiven Thyreozyten erreicht und damit den Vorzug einer "definitiven Therapie" bei weitgehender Nebenwirkungsfreiheit aufweist. Da stationäre Behandlungsplätze in Deutschland mit nur 10 Betten je 1 Mio. Einwohner (bei doppelt so hohem Bedarf) oft erst nach längeren Wartezeiten zur Verfügung stehen, könnte derzeit eine breitere Anwendung der Radio-iodtherapie nur über eine Lockerung der geltenden Strahlenschutzbestimmungen ermöglicht werden. Eine Therapie mit Radioiod könnte auch in Deutschland – wie in benachbarten europäischen Ländern und den USA – ambulant durchgeführt werden. Alternativ würde bereits eine Anhebung der für die Entlassung vorgeschriebenen Grenzwerte für die Restradioaktivität zu einer Halbierung des in Deutschland obligaten stationären Aufenthaltes in den speziellen nuklearmedizinischen Therapieeinheiten und damit zu einer entsprechend höheren Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten führen. Dies würde nicht nur den bestehenden "Radioiodtherapie-Tourismus" ins Ausland, sondern auch die Risiken einer vielfach eigentlich unnötigen chirurgischen Sanierung sowie die potentiell tödlichen Nebenwirkungen der Thyreostatika-Therapie wirksam eindämmen.
Nachdem die Europäische Schilddrüsengesellschaft (ETA) den vermehrten Einsatz der Radioiodtherapie bei Hyperthyreosen zunehmend empfiehlt, setzt sich die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft mit Nachdruck dafür ein, daß diese Therapie den Behandlungsbedürftigen durch eine entsprechende Lockerung der in Deutschland strikten Strahlenschutzbestimmungen in größerem Umfang zugänglich gemacht wird. Umweltgefährdungen sind durch eine solche insgesamt risikovermindernde Maßnahme nicht zu befürchten.
Außerdem bittet die Arznei­mittel­kommission, ihr unerwünschte Wirkungen von Thyreostatika, insbesondere Blutbildungsstörungen, in der üblichen Weise entweder auf den bekannten Berichtsbogen oder formlos telefonisch oder schriftlich mitzuteilen.
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233–237, 50931 Köln, Telefon 02 21/
40 04-5 18, Fax 02 21/40 04-5 11
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