ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2001Onkologie: Aufklärung von Tumorpatienten

POLITIK: Medizinreport

Onkologie: Aufklärung von Tumorpatienten

Dtsch Arztebl 2001; 98(21): A-1366 / B-1162 / C-1089

Wiesing, Urban; Kamps, Hans

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LNSLNS Das Interdisziplinäre Tumorzentrum in Tübingen bietet mit
einer in zweiter Auflage erschienenen Schrift Hilfestellung.

D ie Aufklärung in der Onkologie stellt für Arzt und Patienten eine hohe Belastung dar. Sie ist allerdings eine Vorbedingung für das informierte Einverständnis des Patienten (,informed consent‘) in die weitere Diagnostik und Therapie. Damit dient die Aufklärung in erster Linie der Selbstbestimmung des Patienten und dem Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient, ohne das sich onkologische Therapien nicht anwenden ließen.
Das Interdisziplinäre Tumorzentrum Tübingen bietet mit seinen in zweiter Auflage erschienenen Empfehlungen für die „Aufklärung von Tumorpatienten“ Hilfe an. Danach ist die Aufklärung eines Patienten nicht gesetzlich geregelt, jedoch rechtlich zwingend vorgeschrieben, so auch im § 8 der (Muster-) Berufsordnung. Die höchstrichterliche Rechtsprechung hat festgelegt, dass der Patient rechtzeitig wissen muss, was mit ihm, mit welchen Mitteln und mit welchen Risiken und Folgen geschehen soll. Die Aufklärung besteht in der Regel nicht aus einem einzigen Gespräch, sondern ist ein Prozess, der das Arzt-Patient-Verhältnis stets begleitet. Dies gilt insbesondere für die Übermittlung von Informationen, zu deren Verarbeitung der Patient Zeit benötigt – so auch für die Information, an Krebs zu leiden.
Die ärztliche Aufklärung lässt sich nicht an andere Berufsgruppen delegieren; gleichwohl sollten die nichtärztlichen Heilberufe in den Prozess der Aufklärung mit einbezogen und über den Stand der Aufklärung informiert werden. Die Teilnahme einer verantwortlichen Pflegekraft und/oder eines Mitarbeiters aus dem psychosozialen Dienst am Aufklärungsgespräch kann vorteilhaft sein. Der Arzt hat in den Krankenunterlagen zu dokumentieren, dass er den Patienten aufgeklärt hat.
Die Aufklärung eines Patienten darf nur in einem persönlichen Gespräch erfolgen. Standardisierte Einwilligungserklärungen, die der Patient ohne persönliches Gespräch mit dem Arzt unterschreibt, sind rechtlich unwirksam. Weil das Selbstbestimmungsrecht des Patienten grundsätzlich Vorrang vor der ärztlichen Hilfeleistungspflicht hat, muss der Arzt den Patienten vor jeder diagnostischen und/oder therapeutischen Maßnahme aufklären, und jeder Patient muss zuvor einwilligen. Der Patient ist über seine Diagnose, die Prognose, den Verlauf der ärztlichen Maßnahmen in Bezug auf Art, Umfang und Durchführung des Eingriffs sowie dessen Risiken zu unterrichten – abgestimmt auf die Aufnahmefähigkeit des Patienten.
Ungewissheit ist schlechter zu ertragen als die Wahrheit
Bei mehreren anerkannten Behandlungsmethoden muss der Arzt den Patienten über die jeweiligen Alternativen und Risiken aufklären, selbst wenn der Arzt die Methoden nicht als gleichwertig ansieht. Der Patient muss sich aufgrund der Aufklärung selbst entscheiden können, ob er beispielsweise eine Operation oder eine Bestrahlung bevorzugt.
Ärzte weisen häufig darauf hin, dass viele Tumorpatienten die Wahrheit über ihre Erkrankung nicht ertragen. Die Rechtsprechung sieht darin keinen Grund, auf eine Aufklärung zu verzichten. Nur bei ausreichenden Anhaltspunkten, dass die Aufklärung zu einer ernsten Gesundheitsschädigung führen würde, darf darauf verzichtet werden. Nur in solchen begründeten Ausnahmefällen kann sich der Arzt auf das „therapeutische Privileg“ berufen.
Der Tumorpatient erwartet in der Regel eine Aufklärung über seinen Zustand (Schlömer-Doll/Doll, Dt Ärztebl 2000; 97: A 3076–3081 [Heft 46]). Gefühle von Unsicherheit und Ungewissheit sind auf Dauer schwerer zu ertragen als eine bekannte schlechte Prognose. Die klinische Erfahrung zeigt, dass ungenügend informierte Tumorpatienten eher unter gestörtem Befinden, labilem Selbstwertgefühl und depressiven Verstimmungen leiden.
Aufklärung als Prozess
Der Patient in der Onkologie benötigt Zeit, die Aufklärung zu verarbeiten. Dies vollzieht sich in unterschiedlichen Phasen, die in wechselnder Abfolge von Affekten begleitet werden. Scheinbar widersprüchliche Gefühle wie Aggression und Anklage, Hilfesuche, Nicht-wahrhaben-Wollen, Zuversicht oder Depression können sich in raschem Wechsel einstellen. Ein Arzt sollte auf diese Reaktionen eingestellt sein, sie nicht als Angriff auf seine Person verstehen und Unterstützungsangebote – auch in Zusammenarbeit mit dem psychosozialen Dienst – offerieren.
Angehörige sind durch die Krebserkrankung eines Familienmitglieds häufig ebenso belastet wie der Betroffene. Der Arzt sollte deshalb – sofern der Patient zustimmt – von Anfang an Angehörige und/oder nahestehende Personen in die Aufklärung und Therapieentscheidungen aktiv mit einbeziehen.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing
Lehrstuhl für Ethik in der Medizin
Keplerstraße 15
72074 Tübingen

Prof. Dr. iur. Hans Kamps
Bezirksärztekammer Südwürttemberg
Haldenhaustraße 11
72770 Reutlingen

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