ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2001Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Der Ärzteboom ebbt allmählich ab

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Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Der Ärzteboom ebbt allmählich ab

Dtsch Arztebl 2001; 98(21): A-1367 / B-1163 / C-1090

Clade, Harald

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LNSLNS Die Statistik der Bundes­ärzte­kammer signalisiert
einen Umbruch auf dem Arbeitsmarkt.

Die jüngste Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die anlässlich des 104. Deutschen Ärztetages in Ludwigshafen Ende Mai veröffentlicht wurde, lässt einen kurz- und mittelfristigen Umbruch im Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte erkennen: Der seit Anfang der Achtzigerjahre anhaltende Ärzteboom mit jährlichen Nettozugängen in einer Größenordnung von zwei bis vier Prozent ebbt allmählich ab. Waren die im Bereich der ambulanten ärztlichen Versorgung tätigen Ärztinnen und Ärzte in den Sechzigerjahren noch in der Überzahl, so hat die Zahl der Krankenhausärzte erstmals 1976 die Zahl der im ambulanten Sektor tätigen Ärzte übertroffen. Sie lag am 31. Dezember 2000 um rund 11 000 berufstätige Ärzte höher als die der im ambulanten Sektor tätigen Ärzte.
Zurzeit zeigt die Ärztestatistik eine weitgehende Bedarfsdeckung in nahezu allen Bereichen. Standen noch vor einigen Jahren manche ärztliche Berufsfelder noch weniger in der Gunst der Aspiranten auf einen Job und der Berufsanfänger, so sind auch diese „Nischenbereiche“ heute weitgehend besetzt, zum Teil sogar überfüllt. Dies gilt zum Beispiel für den Bereich der Arbeits- und Betriebsmedizin, in dem heute mehr als 13 400 Ärztinnen und Ärzte mit betriebsmedizinischer Qualifikation haupt- und nebenberuflich tätig sind. Allerdings gibt es bei Klein- und Mittelbetrieben noch Zusatzbedarf, da die Einsatzzeiten bei der betriebsmedizinischen Versorgung ständig erhöht werden. Sektoren haben inzwischen aufgeholt. Dies betrifft insbesondere den auch durch den Gesetzgeber 1989 in ihrer Kompetenz und Aufgabenfülle aufgewerteten Medizinischen Dienst der Krankenkassen, die Gesundheitsämter und die sozialmedizinischen Dienste der Sozialleistungsträger, insbesondere der Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung, der Arbeitsverwaltung, der Unfallversicherungsträger und der Sozialämter. Auch in der pharmazeutischen Industrie, in der medizinisch-technischen Industrie, bei Verbänden und Körperschaften und den Gesundheitsabteilungen des Bundes, der Länder und der Regionalgebietskörperschaften (insbesondere bei den Regierungspräsidenten) ist ein nur knappes Beschäftigungsreservoir. Auch privatwirtschaftlich organisierte Einrichtungen, wie etwa Arbeitsmedizinische Zentren der Technischen Überwachungsvereine, Forschungsinstitute und mit Marketingaufgaben im Gesundheitswesen beauftragte Agenturen, Unternehmensberatungsgesellschaften und Institute für Demoskopie beschäftigen zunehmend Ärzte mit Berufserfahrung und Zusatzqualifikationen, häufig im Bereich Public Health und Medizinökonomie. Untersuchungen und Prognosen von Arbeitsmarktforschungsinstituten zufolge bieten gerade die letztgenannten Berufsfelder noch Aufnahmefähigkeit für Berufsaspiranten, die sich auch mit gesundheitspolitischen und gesundheitsökonomischen Fragen auseinander gesetzt haben und sich bewusst sind, dass sie weitgehend von ihrem erlernten medizinischen Berufsfeld entrückt werden oder den Arztberuf vollends aufgeben müssen, weil sie zum Teil in andere Berufsfelder – etwa in den Medizinjournalismus oder in die Verwaltung – wechseln.
Die Statistik der Bundes­ärzte­kammer für 2000 gibt im Vergleich zu den Statistiken früherer Jahre und im Zehnjahresvergleich einen guten Überblick über die Verteilung der Ärztinnen und Ärzte auf die verschiedenen Tätigkeitssektoren, die Entwicklung in den einzelnen Facharztgebieten, in den Bundesländern (Ost-West-Vergleich) und vermittelt zugleich eine Übersicht über den Anteil der Berufstätigen und Nicht-Berufstätigen und die Entwicklung der arbeitslosen, Beschäftigung suchenden Ärztinnen und Ärzte.
Nach längeren Jahren eines akuten Ärztemangels wurden bereits Ende der Sechzigerjahre vonseiten der ärztlichen Körperschaften und Verbände Bedarfsdeckung und in einzelnen Facharztgruppen Überfüllung gemeldet und allein unter Rückgriff auf die Ärztestatistiken die Bildungspolitik und Thesen von Georg Picht Ende der Sechzigerjahre widerlegt, als ob sich kurzfristig in der Bundesrepublik ein „Bildungsnotstand“ und ein Akademikermangel abzeichnete. Allerdings mag es auch ein Closed-shop-Denken der beati possidentes gewesen sein, keine neuen Berufsaspiranten in den Arbeitsmarkt Ärzte hineinströmen zu lassen, mit der Folge, den nicht mehr so üppig wachsenden Gesundheitsetat mit einer größeren werdenden Zahl von Kolleginnen und -kollegen teilen zu müssen.
In den frühen Siebzigerjahren wurden denn auch in politischen Bestrebungen zur Reform des Rechtes der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung und des Kassenarztrechts (von 1955) Forderungen laut, mit reglementierenden Eingriffen den Zugang zum Arbeitsmarkt für Ärzte zu drosseln, um einerseits die Krankenkassenbudgets vor anbieterbedingten Ausgabenschüben zu schonen, andererseits den berufstätigen Ärztinnen und Ärzten eine ausreichende existenzielle Sicherheit zu garantieren.
Zu leicht geriet innerhalb der ärztlichen Berufsverbände und Körperschaften in Vergessenheit, dass es gerade die Ärzteschaft war, die mit Musterklagen seitens des Marburger Bundes und des Verbandes der niedergelassenen Nicht-Kassenärzte (des heutigen NAV-Virchow-Bundes) gelungen war, mit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 23. März 1960 die Niederlassungsfreiheit zu erzielen. Die bis dahin gültige Anhaltszahl für die Niederlassung – ein Arzt auf 500 Einwohner – wurde, da verfassungswidrig, gekippt.
In der Folge wurden trotz aller Brems- und Interventionsversuche seitens des Bundes und der Länder, der Parteien und vor allem der Krankenkassenverbände zum Teil über den bedarfsnotwendigen Ersatzbedarf hinausgehende Nettozugänge bei den Arztzahlen verzeichnet. Die Mitte 1977 einsetzende Stafette von mehr als 50 Kostendämpfungs- und Strukturänderungsgesetzen, flankiert durch eine staatlich sanktionierte Bedarfsplanung im ambulanten Sektor, hat den Ärzteboom und den Zuzug zur freiberuflichen Tätigkeit kaum bremsen können. Hinzu kommt: Die Approbationsordnung für Ärzte wurde zwar seit 1970 mehrfach, aber nur unwesentlich inhaltlich geändert. Die für Hochschulkapazitäten ausschlaggebenden Kapazitätsverordnungen blieben von den dafür zuständigen Bundesländern praktisch unangetastet. Die Folge: Die Zahl der Studienbeginner im Fach Humanmedizin erreichte in der Folge einen Rekordstand von rund 11 000 Medizinstudenten; die Zahl der Hochschulabsolventen und frisch approbierten Ärzte erreicht heute mit rund 10 000 eine Zahl, die um rund 3 000 bis 4 000 Absolventen über den Ersatzbedarf hinausgeht. Die (bereits fertig gestellte)
8. Novelle zur Approbationsordnung für Ärzte, die immer noch auf sich warten lässt, will rund 20 Prozent der Studienbeginner im Fach Humanmedizin reduzieren. Diese rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen führten entscheidend zu dem jetzt erreichten Höchststand bei den Arztzahlen.
Zuwachs rückläufig
Jetzt deutet sich erstmals eine Trendwende an. Ende vergangenen Jahres gab es 369 312 Ärztinnen und Ärzte. Dies sind 1,6 Prozent mehr als am Jahresende 1999. Im Jahr 1999 erhöhte sich die Zahl der Ärzte ebenfalls um 1,6 Prozent, 1988 dagegen noch um zwei Prozent. Werden von der Gesamtzahl aller Ärzte die 74 643 Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit subtrahiert, waren Ende vergangenen Jahres 294 676 Ärztinnen und Ärzte beruflich tätig. Ende 1999 waren dies noch 291 171 Ärztinnen und Ärzte. Der Zugang betrug mithin 3 505 Ärztinnen und Ärzte gegenüber dem Vorjahr. Die Zuwachsrate von 1,2 Prozent im Jahr 2000 ist niedriger als in den beiden vorangegangenen Jahren (1,5 beziehungsweise 1,4 Prozent). Der Nettozugang an berufstätigen Ärztinnen und Ärzten liegt deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt seit 1990: +2,2 Prozent jährlich.
1997 wurde der geringste Zugang der letzten zehn Jahre mit 1,2 Prozent gegenüber 1996 erzielt. Unterhalb der Zugangsrate bei der Gesamtzahl aller Ärzte lag der Zuwachs im Bereich der niedergelassenen Ärzte bei einem Plus von 1,5 Prozent (Vorjahr: 1,6 Prozent) – von 125 981 auf 128 488 Ärztinnen und Ärzte. Davon waren 120 217 Ärztinnen und Ärzte niedergelassen; die übrigen rund 8 000 Ärztinnen und Ärzte waren als Assistenzärzte, Ärztinnen und Ärzte im Praktikum oder als angestellte Ärzte tätig.
Die Arztstruktur zeigt folgendes Bild (Grafiken 1 und 2): Im ambulanten Sektor gibt es derzeit rund 128 500 Ärztinnen und Ärzte. Im stationären Sektor (Krankenhäuser) gab es Ende letzten Jahres 139 500 Ärztinnen und Ärzte; bei Behörden und Körperschaften arbeiteten rund 10 000 Ärztinnen und Ärzte, in anderen Berufsbereichen, nämlich in Verwaltung, Industrie, Verbänden, Körperschaften, in Ministerien und Aufsichtsbehörden, bei Bundeswehr und Bundesgrenzschutz, gab es rund 16 700 Ärztinnen und Ärzte.
Einen Facharztmangel gibt es derzeit bei der Bundeswehr. Die Verlängerung der Weiterbildungszeit zum Facharzt für Allgemeinmedizin von drei auf fünf Jahre erschwert der Bundeswehr, ihren Bedarf an Sanitätsoffizieren zu decken, wie Dr. Wilfried Penner, der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, kürzlich feststellte. Um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Ausbildung und folgendem Einsatz zu wahren, sei das Angebot der vollen Weiterbildungszeit nur bei Verlängerung der Dienstzeit um zwei Jahre oder einer bei Übernahme als Berufssoldat möglich. Bei der Neustrukturierung der Streitkräfte sind nach Angaben Penners 3 175 Stellen für aktive Sanitätsoffiziere eingeplant – 275 mehr als zuvor.
Bemerkenswert ist der anhaltende Zugang im stationären Sektor mit einem Plus von 2 111 Ärztinnen und Ärzten, ein Jahr davor: 1 166 Ärzte. Die Zuwachsrate von 1,5 Prozent im Jahr 2000 liegt allerdings unter der linearen Entwicklung seit 1990 (+1,8 Prozent jährlich), die Rate ist aber noch etwas höher als 1998 (+0,9 Prozent). Trotz der sektoralen Budgetdeckelung auch im Krankenhaussektor und der engen Spielräume eines grundlohnbezogenen dynamisierten Budgetlimits dürften auch in naher Zukunft der Krankenhausbereich und der Bereich der semistationären Einrichtungen und vor allem der Vorsorge- und Rehabilitationskliniken noch weiter aufnahmefähig sein. Hauptgrund: Die Arbeitsverdichtung und die Einweisungshäufigkeit, der „Patientendurchsatz“ infolge der weiter reduzierten Verweildauer im Akutsektor dürften künftig weiter spürbar zunehmen. Die Nachfrage nach Leistungen der medizinischen Rehabilitation dürfte
bis 2006 überdurchschnittlich wachsen, prognostiziert die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Die Konsequenz: Die dadurch erforderliche Mehrarbeit müsste dann auch auf mehr Fachkräfte in einem Dauerbeschäftigungsverhältnis verteilt werden.
Allein infolge der für das Jahr 2003 gesetzlich fixierten Umstellung der Krankenhausfinanzierung und der Pflegesatzsystematik auf durchgängige, flächendeckende und leistungsbezogene pauschale Entgeltformen (auf der Basis diagnosebezogener Fallpauschalen) dürfte eine Konzentration auf größere Betriebseinheiten und auf (private) Klinikketten fortschreiten. Experten rechnen damit, dass allein infolge des sich verschärfenden Wettbewerbs und der geänderten Finanzierungsmechanik auf dem Krankenhaussektor zehn bis 20 Prozent aller Klinikbetreiber aus dem Markt ausscheiden werden und sich das Beschäftigungspotenzial auf größere Krankenhäuser und zentrale Standorte konzentrieren dürfte. Darauf deuten auch die revidierten Krankenhausplanungen der Bundesländer hin (aktuelle Beispiele: Berlin; Nordrhein-Westfalen). Hinzu kommt: Die Vorabentscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom 3. Oktober 2000 über die völlige Anrechnung der Bereitschaftsdienstzeiten auf die volle Arbeitszeit dürfte die Krankenhausarbeitgeber dazu zwingen, arbeits- und ablauforganisatorische und strukturelle Änderungen vorzunehmen, um den Druck auf die Planstellen im klinikärztlichen Dienst abzumildern. Dennoch rechnen Experten damit – mit Verweis auf ein Arbeitsgerichtsurteil in Gotha (vom 3. April 2001) und die jüngsten Abklärungsgespräche auf Bundes- und europäischer Ebene –, dass das Planstellenreservoir zur Abdeckung der Bereitschaftsdiensteinsätze bis zu maximal 15 000 Planstellen für Ärztinnen und Ärzte erweitert werden müsste (Kosten: 1 bis 2 Milliarden DM pro anno).
Eine Trendwende in der Beschäftigungssituation im stationären Sektor dürften die jetzigen Beschäftigungsverhältnisse im Krankenhaus weiter zugunsten der Klinikfachärzte und der sich zum Facharzt weiterbildenden Ärzte verschieben. Bereits heute dominieren unter den Krankenhausärzten mit 125 100 Stelleninhabern Ärzte in nicht leitender Funktion, zum überwiegenden Teil Fachärzte mit längerer Berufserfahrung, die das Krankenhaus als Dauerarbeitsplatz gewählt haben, ihn beibehalten müssen, weil der Sprung in die Selbstständigkeit und in den Sektor der ambulanten ärztlichen Tätigkeit erschwert oder völlig ausgeschlossen ist, weil in den meisten vertragsärztlichen Planungsbezirken und Fachgebieten bereits Bedarfsdeckung und Überfüllung ausgewiesen ist. Für den Sprung in die Selbstständigkeit ist durch das Gesundheitsreformgesetz 1989 eine obere Altersgrenze vom vollendeten 55. Lebensjahr eingeführt worden. In leitender Funktion (Chef- und Oberärzte) waren Ende vergangenen Jahres rund 14 400 (im Vorjahr: 13 900) Klinikärzte tätig.
Zunehmend werden Chefarztverträge insoweit unter geänderten Rahmenbedingungen und Konditionen offeriert, als für Betriebsführungsfunktion und administrative Aufgaben leistungsbezogene Verträge mit Boni und Tantiemen und befristeten Vertragslaufzeiten angeboten werden – ein weiteres Indiz dafür, dass der Arbeitsmarkt im Kliniksektor ähnlich wie in der übrigen freien Wirtschaft flexibilisiert wird und befristete Arbeitsverhältnisse und zumindest in Führungspositionen auch zunehmend Verträge mit begrenzter Laufzeit gang und gäbe werden.
Künftig werden in die dreigegliederte Betriebsführung größerer Krankenhäuser bevorzugt solche leitenden Ärzte aufgenommen werden, die neben ihrer Facharztqualifikation und langjährigen Berufserfahrung zusätzliche administrative Funktionen und Betriebsführungsaufgaben im Team ihrer Kollegen professionell übernehmen können (und wollen). Insgesamt dürfte sich der berufsbedingte und dem Spezialisierungstrend folgende Wettbewerb innerhalb der leitenden Führungspositionen erheblich verschärfen.
Trotz restriktiver finanzieller, personeller und kapazitätsmäßiger Rahmenbedingungen und gesetzlicher Auflagen (Bedarfsplanung, Budget, Arbeitszeitgesetz und andere) nahm die Zahl der im Krankenhaus beschäftigten Ärztinnen und Ärzte seit 1980 ständig und überproportional zu. Von den am 1. Januar 1979 bei den Ärztekammern gemeldeten 152 565 Ärztinnen und Ärzten waren 62 474 im Krankenhaus tätig. Hinzu kamen damals noch 1 880 Medizinalassistenten, eine Berufs- und Funktionsbezeichnung, die inzwischen entfallen ist. In freier Arztpraxis waren 1979 57 566 Ärzte niedergelassen. In Forschung, Körperschaften und Verwaltung gab es 9 948 Ärztinnen und Ärzte; 20 754 übten ihren Beruf nicht aus. Anfang 1999 waren rund 8 000 ausländische Ärzte in den mehr als 3 500 Krankenhäusern tätig. Vor allem die kleineren Krankenhäuser waren ein Aufnahmereservoir für qualifizierte weitergebildete Ärzte mit Gebietsbezeichnung.
Zu Beginn des Jahres 1990 waren von den 234 900 registrierten Ärzten 74 000 im ambulanten ärztlichen Sektor tätig, weitere 92 500 in Krankenhäusern. Der Hauptzugang im stationären Sektor von 7 330 entfiel damals überwiegend auf den neu eingeführten Status des „Arztes im Praktikum“. Ohne diesen wäre im Kliniksektor ein Rückgang von 419 Ärztinnen und Ärzten verzeichnet gewesen. Anfang 1990 waren 9 413 ausländische Ärzte tätig. Schon damals hatte sich der „Jugendberg“ auf die Altersklassen 40 bis 49 und 50 bis 59 verschoben. Der Anteil dieser beiden Arztgruppen machte 1989 zwei Drittel aller niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte aus (63,3 Prozent). 1984 waren es erst 53,1 Prozent.
Überkapazitäten beklagt
Die Krankenkassen beklagen schon lange das Überkapazitätenproblem sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor und drängen den Gesetzgeber und die Selbstverwaltung auf Abhilfemaßnahmen. Allein die Statistik könnte dies rechtfertigen: Innerhalb von 20 Jahren hat sich die Zahl der an der vertragsärztlichen Versorgung direkt oder indirekt eingeschalteten Ärztinnen und Ärzte mehr als verdoppelt. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass im gleichen Zeitraum der Leistungsumfang und die Behandlungsintensität infolge des medizinischen und technischen Fortschritts, der demographischen Entwicklung und der ständigen Gesetzesänderungen überdurchschnittlich gewachsen ist – bei nahezu unbegrenzten, gesetzlich garantiertem Leistungsumfang und ungezügelter Nachfrage und Beanspruchung.
Zurzeit ergeben sich folgende Relativanteile in den einzelnen Tätigkeitsbereichen für Ärzte: Mit 47,3 Prozent ist der Anteil der im Krankenhaus tätigen Ärztinnen und Ärzte praktisch konstant geblieben (1997: 47,6 Prozent). Der Anteil der „Praxisärzte“ hat im Jahr 2000 um rund zwei Prozent zugenommen; dies sind 2 507 Ärztinnen und Ärzte. Im Jahr 1999 betrug der Zuwachs noch 1 880 Ärztinnen und Ärzte. Der Anteil der Praxisärzte liegt heute bei rund 44 Prozent. Die Zuwachsrate von zwei Prozent weicht von dem zwischen 1998 und 1999 unveränderten Bestand im Arztregister geringfügig ab. Dies geht zum Teil auf Umschreibungen von praktischen Ärzten auf die Berufsbezeichnung „Facharzt für Allgemeinmedizin“ und erfassungssystematische Änderungen bei einzelnen Ärztekammern zurück, aber auch auf die ab 1. Januar 1999 eingeführte Zwangsaltersausscheidegrenze für niedergelassene Vertragsärzte (ab dem vollendeten 68. Lebensjahr). Der Bereich ambulante ärztliche Versorgung mit einer Gesamtzahl von 120 300 dürfte für niederlassungswillige Ärzte im vertragsärztlichen Sektor in naher Zukunft kaum noch aufnahmefähig sein. Grund: Fast alle Fachgebiete und Regionen signalisieren Rot, das heißt Zulassungssperre wegen Überfüllung und Bedarfsdekkung. Nur in einigen wenigen hoch spezialisierten Gebieten gibt es noch
Niederlassungsmöglichkeiten. Allerdings könnte sich wegen des „Altersbergs“ und infolge der Zwangsausscheidegrenze ab vollendetem 68. Lebensjahr für Kassenärzte mittelfristig eine Entspannung und ein Zusatzbedarf ergeben. Möglicherweise werden sich auch mittelfristig günstigere Rahmenbedingungen für die belegärztliche Tätigkeit niedergelassener Fachärzte im Krankenhaus ergeben. Bereits im vergangenen Jahr hat sich gezeigt, dass ein mögliches Ventil im Bereich der privatärztlichen Tätigkeit sein könnte; deren Zahl hat sich im Jahr 2000 um weitere 200 auf etwa 5 700 erhöht.
Das Arbeitsmarktsegment Behörden, Körperschaften und sonstige Bereiche, das in den vergangenen Jahren noch beachtliche Zugangszahlen aufwies, signalisiert jetzt erstmals einen Stillstand beziehungsweise Abschwung. Insgesamt wurde bundesweit noch eine geringe Zunahme um 700 Ärztinnen und Ärzte festgestellt, unter Beachtung einer in Baden-Württemberg vorgenommenen Zuordnung der ambulant tätigen Ärzte sogar ein Abgang um 1 450. Bundesweit ergibt sich eine Abnahme um 774 Ärzte (–2,7 Prozent). Damit setzte sich hier die Entwicklung der letzten Jahre fort. In diesem Bereich wurde seit 1995 ein Rückgang um 765 Ärztinnen und Ärzte festgestellt (–7,1 Prozent).
Die im vergangenen Jahr festgestellten Bestandsbewegungen sind in den Facharztgruppen unterschiedlich: Von den zahlenmäßig größeren Arztgruppen verzeichneten die Anästhesiologie mit +8,8 Prozent, die Psychiatrie und Psychotherapie mit +34,3 Prozent und die psychotherapeutische Medizin mit +12,6 Prozent besonders starke Zuwachsraten. Dies geht darauf zurück, dass die Anästhesiologie und die Psychiatrie erst 1999 neu in die Bedarfsplanung aufgenommen wurden und daher zu Jahresbeginn 2000 noch eine größere Zahl offener Planungsbereiche nachgewiesen werden konnte.
Ebenfalls hohe Zugangsraten hat die Arztgruppe Diagnostische Radiologie (+26,2 Prozent). Diesem Trend steht ein Abgang von 13,1 Prozent im Fachgebiet Radiologie gegenüber.
Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit hat sich um 3,3 Prozent erhöht (1999: +2,2 Prozent; 1997: +6 Prozent).
Arbeitsmarkt: Entspannung
Noch vor fünf Jahren wurden von Repräsentanten der Ärzteschaft, so unter anderem des Marburger Bundes, prognostiziert: Kurz- und mittelfristig werde die Zahl der arbeitslosen Ärztinnen und Ärzte einen Höchststand von rund 60 000 erreichen. Damals waren mehr als 10 500 bei der Akademikervermittlungsstelle der Bundesanstalt für Arbeit (Bonn) als langfristig oder kurzfristig arbeitslos registriert. Hinzu kamen damals rund 4 000 bis 5 000 Ärztinnen und Ärzte, die sich bei der zuständigen Ärztekammer oder beim Arbeitsamt nicht als arbeitslos gemeldet hatten.
Inzwischen ist die Zahl der arbeitslos gemeldeten Ärztinnen und Ärzte in den letzten vier Jahren stetig zurückgegangen – offenbar ein Reflex auf die noch guten Beschäftigungsbedingungen im Gesundheitsmarkt und einer
allgemeinen Arbeitsmarktentwicklung auf dem Markt für Universitäts- oder Hochschulabsolventen. Im September 1989 gab es noch 8 560 arbeitslos gemeldete Ärzte, zum Stichtag 30. September 1999 waren dies knapp 8 000 Ärztinnen und Ärzte. Zum 30. September 2000 lag die offizielle Arbeitslosenzahl bei Ärztinnen und Ärzten bei 7 272. Die Bundesanstalt für Arbeit meldet zum 30. September 2000 insgesamt 9 913 arbeitslose Ärztinnen und Ärzte, Zahnärzte und Apotheker. Dies ist beispielsweise weniger als die Hälfte der bei den
Lehrern festgestellten Arbeitslosigkeit (20 580) und sind rund 5 300 Arbeitslose mehr als bei den Juristen. Verglichen mit der durchschnittlichen Arbeitslosenquote in der gewerblichen Wirtschaft und bei den abhängig Beschäftigten, die zurzeit bei 9,8 Prozent liegt, herrscht bei den Ärzten eine wesentlich günstigere Beschäftigungssituation: Die Arbeitslosenquote im Sektor Ärzte liegt heute bei 2,3 Prozent.
Auf den Arbeitsmarkt für Ärzte streben in den letzten Jahren immer mehr auch ausländische Ärztinnen und Ärzte. Ende 2000 waren 14 306 (Vorjahr: 14 243) ausländische Kolleginnen und Kollegen tätig; dies entspricht einem Zugang um 360 beziehungsweise 2,5 Prozent. Dabei erhöhte sich die Zahl der ausländischen Klinikärzte mit 3,4 Prozent stärker als die der Praxisärzte (+0,7 Prozent).

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 1367–1371 [Heft 21]

Anschrift des Verfassers:
Dr. rer. pol. Harald Clade
Ottostraße 12, 50859 Köln
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