ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2001Medicina cubana: Insideransicht

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Medicina cubana: Insideransicht

Dtsch Arztebl 2001; 98(21): A-1386 / B-1178 / C-1105

Herrero, Ernesto

Zu dem Beitrag „Zeitreise durch die Sechzigerjahre“ von Jens Winkel in Heft 16/2001:
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LNSLNS . . . Die von Herrn Wenkel verfasste Schilderung erinnert mich an meine eigenen zwölf Semester als Medizinstudent, die ich an der Universität von Havanna und dem Calixto-Garcia-Hospital bis 1957 verbrachte. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert bewirkte eine gut organisierte theoretische und praktische Unterweisung durch einen qualifizierten Lehrkörper, dass die medizinische Fakultät in Lateinamerika ein hohes Ansehen genoss und bereits seinerzeit etliche Gäste im Calixto-Garcia-Krankenhaus Praktika machten . . .
Das Calixto-Garcia-Universitätskrankenhaus in der Hauptstadt war und ist sicher noch als das hochstehendste im Land einzustufen. Umso betrüblicher ist die Schilderung von Herrn Wenkel in Bezug auf die veralteten, kaum mehr funktionstüchtigen Gerätschaften und den dramatischen Mangel an Medikamenten. Zur Zeit meiner Ausbildung herrschten keine so schlimmen Zustände, und das Krankenhaus war für alle Bevölkerungsschichten offen, nicht nur für die Wohlhabenden, wie der Einwand kommen könnte. Alle Patienten wurden damals vom Krankenhaus verpflegt, es mussten ihnen nicht wie heute von den Angehörigen Nahrungsmittel, Bettwäsche und auf dem Schwarzmarkt erstandene Medikamente gebracht werden. Trotz vorhandener Defizite vor fast 50 Jahren war eine Knappheit dieses Ausmaßes nicht bekannt.
Die ehemalige UdSSR hat Kuba jahrzehntelang mit jährlich fünf Milliarden Dollar unterstützt. Ein gewaltiger Marshall-Plan für ein elf Millionen zählendes Volk. Statt die großzügige Unterstützung in die Entwicklung des Inselstaates zu stecken, finanzierte Castro mit horrenden Summen Revolutionsarmeen in ganz Lateinamerika und unterstützte jahrelang mit Geld und eigenen Soldaten den Krieg im afrikanischen Angola, natürlich von den Sowjets wohlwollend betrachtet. Wäre die enorme sowjetische Entwicklungshilfe in Kuba selbst angelegt worden, hätte die amerikanische Blockadepolitik nicht die geringsten wirtschaftlichen Auswirkungen auf Kuba haben können. An dieser Stelle sei auch zu erwähnen, dass die jetzt herrschende Misere nicht nach dem Zusammenbruch der UdSSR einsetzte, sondern schon Anfang der Sechziger-jahre. (Die Nachrichten meiner Eltern erhielt ich hier in Deutschland zum Teil auf Toilettenpapier geschrieben, da es an Briefpapier mangelte.) Solange es die ineffizienten Strukturen des Kommunismus in Kuba gibt, wird sich kein wirtschaftlicher Fortschritt einstellen, da kann die Hilfe von außen wenig bewirken. So bleibt nur zu hoffen, dass die kubanischen Austauschstudenten, die an die Berliner Charité kommen, sich nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet fortbilden, sondern sich auch von unserer Demokratie und den Menschenrechten, die in Kuba mit Füßen getreten werden, beeindrucken lassen, um dazu beizutragen, in ihrem Land für eine bessere Zukunft für das ganze Volk und nicht nur für die Parteioberen zu streiten.
Dr. med. Ernesto Herrero, Kirchstraße 16, 78259 Mühlhausen-Ehingen
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