ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Börsebius über Leica Camera: Verwackelt

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius über Leica Camera: Verwackelt

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Wenn sich die Wirtschaftspresse versammelt, erwarten die Anwesenden von der präsentierenden Gesellschaft glasklare Fakten. Wie anders sollen unternehmensrelevante Daten in Erfahrung und später wohlgesetzt unter die Leute gebracht werden?
Dieser Tage präsentierte sich mit der Leica Camera AG ein neuer Börsenaspirant, dessen Markenname ein einzigartiger Mythos ist. Dementsprechend groß war die Spannung, was Leica Camera zu bieten habe.
Es war ein einziges Fiasko. Und eine Frechheit obendrein. Mit einer bunten Bildchen-Show versuchten die Veranstalter, besagten Mythos Leica zu transportieren und zu perpetuieren, aber von einer vernünftigen Informationsdarbietung war weit und breit nichts zu sehen.
Die wirklich interessanten Zahlen über Umsätze, Marktanteile, Ertragsentwicklungen wurden hochgradig zögerlich abgequetscht. In den Presseunterlagen fand sich derlei überhaupt nicht. Selbst die an die Wand geworfenen Grafiken und Charts wurden so schnell wieder ausgeblendet, daß kaum Zeit gewesen wäre, sie mit Leicas abzufotografieren.
Zur Sache: Mit einer ziemlich mickrigen Eigenkapitalquote von 13 Prozent und einem Verlust von rund 3,5 Milliarden Mark für das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres präsentiert sich der Börsenneuling Leica Camera AG alles andere als strahlend. Ob sich das geschätzte Ergebnis je Aktie von 2,25 Mark für 1996/1997 und 3 Mark für ein Jahr später realisieren lassen wird, daran habe ich erhebliche Zweifel.
Das Dilemma: Wenn dieser Börsebius erscheint, wird die Aktie grade an der Börse eingeführt, vermutlich zu einem Kurs um 45 Mark, und die Anleger haben die Stücke längst in ihren Depots, von ihren Beratern mit leuchtenden Argumenten verführt.
Es ist schon verblüffend, wie wenig sich die Konsortialbanken UBS Schweizerische Bankgesellschaft, Commerzbank, Flemings und andere um eine vernünftige Präsentation bemüht haben.
Weitaus wichtiger scheint mir, wie leichtfertig interessierte Anleger eben nicht über die vergleichsweise schlechten Unternehmensdaten unterrichtet wurden, alles nach dem Motto "Mythos geht vor Information". Hauptsache, unterm Strich stimmen die Emissionserlöse für die beteiligten Institute.
Wahrhaftig unverfroren schreibt Leica Camera einen Tag nach der Pressekonferenz in einer HandelsblattAnzeige von "überlegten Unternehmensstrategien für alle erfolgsrelevanten Felder" und resümiert mit dem Schlachtruf: "Das Warten hat sich gelohnt." Für wen, das wäre allerdings noch zu klären. Börsebius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote