ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2001Das Reizdarmsyndrom: Spasmolytikum, nicht Muskelrelaxanz

MEDIZIN: Diskussion

Das Reizdarmsyndrom: Spasmolytikum, nicht Muskelrelaxanz

Dtsch Arztebl 2001; 98(21): A-1404 / B-1170 / C-1094

Henninghausen, Gerhard

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Jürgen Hotz Dr. med. Ahmed Madisch Prof. Dr. med. Paul Enck Prof. Dr. med. Harald Goebell Dr. rer. nat. Inge Heymann-Mönnikes Prof. Dr. med. Gerald Holtmann Prof. Dr. med. Peter Layer in Heft 48/2000
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LNSLNS In allen Wissenschaften sollten Begriffe nicht beliebig verwendet werden. In der Medizin kann dies sogar ernste Folgen für Gesundheit und Leben haben. Es ist deshalb nur zu hoffen, dass kein Leser des Beitrags tatsächlich Muskelrelaxanzien zur Therapie des Reizdarmsyndroms anwendet. Man muss hoffentlich nicht Pharmakologe sein, um zu wissen, dass Muskelrelaxanzien „Pharmaka mit hemmender Wirkung auf die neuromuskuläre Erregungsübertragung in den motorischen Endplatten sind, wodurch der Tonus der Skelettmuskulatur herabgesetzt wird“ (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch). Der Tonus der quergestreiften Muskulatur kann auch durch andere Pharmaka verringert werden, die vorwiegend im ZNS angreifen und als zentrale Muskelrelaxanzien oder Myotonolytika bezeichnet werden. Keineswegs sind aber die von den Autoren aufgeführten Pharmaka Mebeverin oder Pfefferminzöl Muskelrelaxanzien. Mebeverin soll „einen direkten relaxierenden Einfluss auf die Muskulatur des Gastrointestinaltrakts“ haben. Vorausgesetzt, dieses Medikament hat solche Wirkungen tatsächlich, dann wäre es ein Spasmolytikum. Dieser Begriff ist den Autoren durchaus bekannt, er wird von ihnen an anderer Stelle verwendet, wo eine Kombination von Spasmolytika (wie Butylscopolamin) mit Loperamid zur Stuhlregulation besprochen wird. Weder in alten und neuen Lehrbüchern noch in unter allen Ärzten so verbreiteten Publikationen wie der „Roten Li-
ste“ werden die Begriffe Muskelrelaxanzien und Spasmolytika falsch gebraucht. Leider zeigt aber ein Blick ins Internet, dass auch in den „Leitlinien zum Reizdarmsyndrom“ der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten eine „Substanzklasse“ Mebeverin als Muskelrelaxanzien bezeichnet wird. An den Leitlinien haben die gleichen Autoren mitgewirkt. Eine schnelle Korrektur ist daher geboten, denn selbst ein möglicher Hinweis darauf, dass in englischsprachigen Publikationen Spasmolytika auch als „smooth muscle relaxants“ bezeichnet werden, rechtfertigt nicht die Verwendung des Begriffs Muskelrelaxanzien für diese Substanzgruppe.

Prof. Dr. med. Gerhard Henninghausen
Institut für Experimentelle und
Klinische Pharmakologie und Toxikologie
Schillingallee 70, 18057 Rostock

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