ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2001Sprengel Museum Hannover: „Die Trümmer in meinen Träumen“

VARIA: Feuilleton

Sprengel Museum Hannover: „Die Trümmer in meinen Träumen“

Dtsch Arztebl 2001; 98(21): A-1406 / B-1197 / C-1123

Krannich, Hans-Walter

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LNSLNS Otto Dix’ fünfzig Blatt umfassendes Radierwerk beschäftigt sich mit den Folgen des Krieges.

Auf den Schlachtfeldern von Verdun/ finden die Toten keine Ruhe./ Täglich dringen dort aus der Erde/ Helme und Schädel, Schenkel und Schuhe.“ So der Beginn von Erich Kästners „Verdun, viele Jahre später“. Diese Zeilen drängen sich unwillkürlich bei Betrachtung des Radierzyklus „Der Krieg“ von Otto Dix auf. Er war Zeit-
zeuge der Gemetzel, des (Ab-) Schlachtens während des Ersten Weltkrieges an 27 verschiedenen Frontabschnitten, in Schützengräben als Maschinengewehr-Stoßtruppenführer. „Ich bin eben Wirklichkeitsmensch. Alles muss ich sehen. Alle Untiefen des Lebens muss ich erleben. Deswegen gehe ich in den Krieg.“ (Otto Dix)
Erst 1923 war er fä-
hig, die ihm damals widerfahrenen Traumen künstlerisch aufzuarbeiten. Sein fünfzig Blatt (fünf Mappen) umfassendes Radierwerk „Der Krieg“ zeigt keine naturalistische Wiedergabe des Krieges. Es zeigt vielmehr „eine zur Metapher menschlicher Brutalität verdichtete Hyperrealität“. Der Begriff Karikatur verbietet sich bei dieser Thematik, der millionenfachen sinnlosen Tode. Es ist ein Nekrolog, exemplarisch durch „Residuen“ verschiedenster Individuen dokumentiert. Wozu sich geradezu die von Dix meisterlich beherrschten Techniken, Ätzverfahren, Kaltnadelradierung und Aquatintaverfahren aufdrängten. Er gibt Relikte, vom Krieg Übriggebliebenes, Übrigbleibendes wieder, „Zustände, die der Krieg hervorgerufen hat, und die Folgen des Krieges“. Des Krieges, politisch angeordneten Menschenmordens: gestern, heute und morgen. Der Tod steht im Mittelpunkt des Zyklus: Erstarrte (Giftgas-) Tote, verwesende Leichen, zerfetzte Körper. Unendliche Trümmerfelder, unzählige Bombentrichter bilden ebenso deren Lebens(?)raum wie marode Schützengräben.
Mit einigen Werken der Mappe 4 ergänzt Dix das eigentliche Thema „Krieg“ um einen „zivilen“ Aspekt: weg von den bizarren Körpern auf den Schlachtfeldern und in der Erde hin zu Soldaten, die käufliche Liebe suchen, zu Kneipen, Essen und Trinken fern der Front. Hierzu gehört auch die Darstellung des Versuchs einer Rekonstruktion eines zerfetzten Gesichtes, das, seiner Identität beraubt, durch eine Transplantation und dadurch neu geschaffene Defekte, wiederhergestellt werden soll.
Unter den (nicht allzu häufig im Original zu sehenden) Blättern befinden sich nur wenige Kampfszenen, etwa: „Lens wird mit Bomben belegt“, „Sturmtruppe geht unter Gas vor“ und „Überfall einer Schleichpatrouille auf einen Grabenposten“. Allesamt Vanitasdarstellungen des 20. und folgender Jahrhunderte! Dix, der alles erlebt hatte, was der erste moderne Krieg des letzten Jahrhunderts zu bieten hatte, sagte 1965: „Die Trümmer waren fortwährend in meinen Träumen . . . Ja, nachdem man draußen alle diese Dinge ganz genau, brutal realistisch gesehen, als Zeichner und auch als Mensch registriert hatte, nicht als Literatur hingeschrieben, sondern erlebt, mit den Augen aufgenommen, mit der Nase gerochen, mit allen Sinnen erlitten hatte – dann sah man eben auch, wenn man zurückkam, seine ganze Umgebung in diesem Sinne. (. . .) Wenn es darauf ankommt, können Sie den Menschen groß und auch ganz klein sehen, sogar viehmäßig. Das gehört zur Vollständigkeit seiner Anlage. . .“ „Auf den Schlachtfeldern von Verdun/ wachsen Leichen als Vermächtnis./ Täglich sagt der Chor der Toten: ,Habt ein besseres Gedächtnis‘“ So endet Kästners „Verdun, viele Jahre später“.
Dem Interessierten sei der Erwerb des Kataloges „Otto Dix: Der Krieg – Radierwerke 1924“ empfohlen, herausgegeben vom Verein August Macke-Haus. Er findet dort alle fünfzig Abbildungen und erfährt Wesentliches über deren Geschichte.
Wer das Sprengel Museum bis zum 24. Juni besucht, hat bis dahin noch die Möglichkeit, sich dort die im Kontext zur Dix-Ausstellung stehenden Werke des italienischen Futurismus (1909 – 1918) anzuschauen.
Dr. med. Dr. med. dent.
Hans-Walter Krannich


Die Ausstellung: „Otto Dix – Der Krieg“ ist bis zum 12. August dienstags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu besichtigen. Montags geschlossen. Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, 30169 Hannover, Telefon: 05 11/1 68-4 38 75, Telefax: 05 11/1 68-4 50 93,
Internet: www.sprengel-museum.de
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