ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2001104. Deutscher Ärztetag: Gespanntes Abwarten

SEITE EINS

104. Deutscher Ärztetag: Gespanntes Abwarten

Dtsch Arztebl 2001; 98(22): A-1429 / B-1213 / C-1141

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die CDU steckt in dem gleichen Dilemma wie alle großen Organisationen, die ein weites Meinungsspektrum in sich vereinen und sich nunmehr zu Gendiagnostik und Embryonenforschung äußern müssen.
Da gibt es einerseits die Befürworter einer liberalen Handhabung, die unser Land nicht vom tatsächlichen oder vermeintlichen Fortschritt abkoppeln wollen, und da gibt es andererseits jene, die auf tradierten Grundwerten bestehen und befürchten, mit Präimplantationsdiagnostik werde der Weg zur Menschenselektion beschritten und mit Embryonenforschung werde bewusst die Tötung von Menschenleben in Kauf genommen.
Die CDU-Spitze, die am 28. Mai stundenlang beraten hat, hat schließlich den bewährten taktischen (Aus-)Weg eingeschlagen: Man bekräftigt das Bekenntnis zu den Grundwerten, man erklärt das Leben von Anfang an für schutzwürdig, man lehnt ganz eindeutig ab, was alle ablehnen, nämlich Klonen und Embryonenforschung aus schnöder Gewinnsucht, und hält sich bei den wirklich umstrittenen Fragen die Türen offen. PID lehnt die CDU „nicht grundsätzlich“ ab, wohl aber deren eugenische Ausnutzung. Sie weiß indes nicht so recht, wie das zu bewerkstelligen ist, und spricht sich für eine weitere offene Diskussion aus. Sie wartet zunächst mal ab.
Das Verhalten der CDU gleicht auffallend dem der Ärzteschaft. Auch die steckt nämlich in jenem Dilemma, auch sie muss gegensätzliche Meinungen miteinander vereinbar machen – doch die Kundigen ahnen, dass das letztlich nicht geht. Am Ende könnten mit verschämter Freude jene stehen, denen der „Durchbruch“ gelungen ist, und auf der anderen Seite jene mit tapferer Miene, die „alles versucht“ haben.
Bis auf weiteres setzt die Ärzteschaft auf gesellschaftliche Diskussion und wartet gleichfalls ab. Sie lehnt, abzulesen an Beschlussfassungen des jüngsten Deutschen Ärztetages, Embryonenforschung, wie sie jüngst die Deutsche Forschungsgemeinschaft befürwortet hat, ab. Allerdings – den Beschluss gilt es aufmerksam zu lesen: Die Ablehnung gilt „derzeit“. Die Haltung zur PID ist weiterhin offen. Auch hier empfiehlt sich, genau hinzusehen: Anträge, die auf eine eindeutige Absage an PID zielten, wurden vom Deutschen Ärztetag mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.
Am Ende des auch vom Ärztetag gewünschten „gesellschaftlichen“ Klärungsprozesses dürfte die „gesellschaftliche“ Entscheidung stehen, und die Ärzteschaft wäre der eigenen Entscheidung enthoben. Sie hat freilich zuvor die nötigen Informationen bereitgestellt, die Alternativen aufgezeigt, wie es der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, in einem Interview, das in Heft 20 erschienen ist, formuliert hat. Alsdann würde die Ärzteschaft, so Hoppe, falls der Gesetzgeber den Embryonenschutz abschwächen sollte, nötigenfalls Richtlinien für die innerärztlich sachgemäße Durchführung beschließen.
Bis dahin wird es noch eine Weile dauern, der gesellschaftliche Diskurs dauert an. Wem nützt die ablaufende Zeit? Vordergründig beiden Richtungen. Die Gesellschaft ist in den letzten Monaten tatsächlich, auch im Sinne derer, die zur Vorsicht raten, problembewusst geworden. Das ist gut so. Jeder soll wissen, dass Grundfragen des Lebens zur Diskussion stehen. Die ablaufende Zeit nützt nicht zuletzt aber auch den Befürwortern der liberalen Handhabung. Sie führen derzeit immer neue medizinische und naturwissenschaftliche Bataillone und philosophische und juristische Hilfstruppen ins Feld.
Bis zur Entscheidung des Gesetzgebers – der wird um eine solche nicht herumkommen – herrscht gespanntes Abwarten. Norbert Jachertz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema