ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2001TOP I: Ethik - Die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens

POLITIK: Deutscher Ärztetag

TOP I: Ethik - Die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens

Dtsch Arztebl 2001; 98(22): A-1440 / B-1224 / C-1148

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die Delegierten des Ärztetages legten sich (vorerst) fest: nein zur embryonalen Stammzellforschung, nein zur aktiven Euthanasie. Bei der Präimplantationsdiagnostik konnten sie sich auf keine eindeutige Position einigen. Der Gesetzgeber soll zunächst die Rechtslage klären.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das wird wohl von niemandem bestritten. Doch ab wann besitzt ein Embryo eine menschliche Würde? Darf an menschlichen Embryonen geforscht werden, oder dürfen gar embryonale Stammzellen zu Forschungszwecken hergestellt werden? Nein – ist die Antwort des 104. Deutschen Ärztetages. Er erteilt der Herstellung, dem Import und der Verwendung von embryonalen Stammzellen eine klare Absage. Einschränkend wurde allerdings das Wort „derzeit“ eingefügt. Der Ärztetag wandte sich damit gegen die Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die den Import embryonaler Stammzellen und langfristig auch deren Gewinnung in Deutschland zulassen will (dazu DÄ, Heft 19/2001).
Dieser Vorstoß der DFG ziele auf
eine Änderung des Embryonenschutz-gesetzes ab, um die Forschung mit
embryonalen Stammzellen auch in Deutschland zu ermöglichen. Der Ärztetag stimmt in dieser Frage mit Bundespräsident Johannes Rau überein, der sich in seiner Berliner Rede „Wird alles gut? – Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß“ am 18. Mai ebenfalls für eine Beibehaltung des Embryonenschutzgesetzes ausgesprochen hatte: „Auch hochrangige Ziele wissenschaftlicher Forschung dürfen nicht darüber bestimmen, ab wann menschliches Leben geschützt werden soll.“
Um die vielen noch offenen Fragen der zellulären Entwicklungsbiologie
zu klären, seien weitere intensive
Forschungsanstrengungen notwendig, heißt es in dem Beschluss. „Die Wissenschaftler müssen die Öffentlichkeit sachlich und fundiert über die Grundlagen der Forschung mit embryonalen und adulten Stammzellen informieren“, forderte der Ärztetag. Auch die Quellen für menschliche Stammzellen müsse man genau benennen (überzählige Embryonen, fetales Gewebe, adulte Stammzellen). Dabei dürften sich Ärzte und Patienten keine übertriebenen Hoffnungen auf eine baldige therapeutische Anwendung dieser Techniken machen. Die Öffentlichkeit müsse „ergebnisoffen“ in den Dialog über die ethischen und rechtlichen Probleme eingebunden werden, um Möglichkeiten, aber auch Grenzen der Forschung mit embryonalen Stammzellen zu erkennen.
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, sagte, er erwarte, dass der Beschluss eine politische Entscheidung zur embryonalen Stammzellforschung zumindest hinauszögere. Eine ethisch vertretbare Alternative sei die Forschung mit adulten Stammzellen oder Stammzellen aus Nabelschnurblut. Diese müsse gefördert werden, so wie es die Deutsche Forschungsgemeinschaft in ihrer vorletzten Stellungnahme noch empfohlen habe.
Der Beschluss des Ärztetages wurde mehrheitlich gefasst. Zum Thema Embryonenforschung gab es zuvor jedoch erheblichen Diskussionsbedarf. Eine ganze Reihe von Delegierten wollte einer Empfehlung des Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Sewing, folgen, der dafür plädierte, zunächst das Votum des Beirates, der sich in einem eigenen Ausschuss mit dem Problem beschäftige, abzuwarten. Zahlreiche Delegierte betonten dagegen, dass man die Debatte nur befördern könne, wenn man sich daran beteilige, statt abzuwarten.
Die Delegierten fordern rechtliche Klarheit
Schwieriger als bei der embryonalen Stammzellforschung fiel dem Ärztetag eine Einschätzung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Auf eine klare Pro- oder Kontraposition wollte sich die Mehrheit der Delegierten nicht festlegen. Ein Grund dafür ist die bisher noch ungeklärte Rechtslage. Die Delegierten des Ärztetages appellierten deshalb an den Gesetzgeber, rechtliche Klarheit über die Zulässigkeit der PID herzustellen. Es müsse geklärt werden, inwieweit genetische Untersuchungen von Embryonen vor einer möglichen Übertragung in die Gebärmutter mit der geltenden Rechtslage zu vereinbaren seien.
Ärzte sähen sich häufig dazu gedrängt, Rat suchende Paare in einer Konfliktsituation auf eine Behandlung im Ausland hinzuweisen und sich dadurch möglicherweise strafbar zu machen. „Dies ist für die Ärzteschaft eine untragbare Situation“, heißt es in dem Beschluss. Für den Fall einer Zulassung müsse der Gesetzgeber weitere Kriterien für eine maximale Eingrenzbarkeit dieser Methode mitgestalten. Außerdem sollten zahlreiche noch offene Fragen geklärt werden, zum Beispiel wie es zu gewährleisten sei, dass der Embryo nur auf die genetischen Belastungen oder Chromosomenstörungen der Eltern untersucht wird und ob sich die Möglichkeit eines Spätschwangerschaftsabbruchs nach Pränataldiagnostik mit einem Verbot der PID widerspruchsfrei vereinbaren lässt.
Ein Antrag von Prof. Dr. med. Win- fried Kahlke, Ärztekammer Hamburg, sprach sich dafür aus, „PID nicht in die medizinische Praxis aufzunehmen und das Embryonenschutzgesetz in seiner gegenwärtigen Fassung zu belassen“. Nach Auffassung Kahlkes bedeutet die Etablierung dieser Methode, dass die Entscheidung, welche Kinder ausgetragen werden sollen, bereits vor der Schwangerschaft getroffen werde, um die Geburt von kranken und behinderten Kindern zu verhindern. Damit stelle PID den Einzug einer genetischen Selektion in die medizinische Praxis dar. Das Argument, dass ein möglicher Schwangerschaftsabbruch durch die Vorauswahl des zu implantierenden Embryos vermieden werden könnte, hält Kahlke nicht für überzeugend. Der Schwangerschaftsabbruch erfolge, um eine als unerträglich beziehungsweise als unzumutbar empfundene Belastung der Schwangeren abzuwehren, die anders nicht abzuwenden sei. Das Verwerfen eines ungewollten Embryos im Rahmen der PID beabsichtige, den Anspruch auf ein bestimmtes Kind zu erfüllen: „Eine Notlage, die durch kein anderes Mittel abzuwenden wäre, liegt hier nicht vor.“ Kahlke wies auch auf die Gefühlslage der Betroffenen hin. Die in der Selbsthilfevereinigung Mukoviszidose vertretenen Eltern und Patienten hätten schwere Bedenken gegen eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik.
Dass Behinderte dieser Methode äußerst kritisch gegenüberstehen, ist nachvollziehbar. Eine Äußerung von Dr. med. Norbert Metke, Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, dürfte sie in ihrer Sorge bestärken. Metke bezeichnete die PID als „Pflicht der Ärzte“. Ärztliches Handeln sei immer ein Eingriff in die Natur. „Wenn wir künstliches Leben schaffen, haben wir auch die Pflicht, gesundes Leben zu schaffen.“ Metke, der als Orthopäde selbst behinderte Kinder behandelt, ging sogar noch weiter und sagte: „Ich sehe keinen Eigenwert in behindertem Leben.“ Die Bemerkung löste Pfiffe und Buh-Rufe aus. Wenig später nahm Metke den „schlimmen Satz“ zwar wieder zurück, sagte aber, dass er im Leid von Behinderten nichts Positives erkennen könne.
Mehrere Delegierte kritisierten Metke scharf. So meinte Dr. med. Helmut Peters, Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz, dass Kinder mit Trisomie 21 häufig zufriedener als „ambitionierte Wissenschaftler“ seien. Peters zitierte unter großem Beifall Erich Kästners Gedicht „Der synthetische Mensch“. Den darin beschriebenen Katalog-Menschen, „mit Bärten oder mit Busen, mit allen Zubehörteilen, je nach Geschlecht“, wollten die Delegierten offenbar nicht. „Behindertes Leben hat denselben Eigenwert wie das von jedem Delegierten hier im Raum“, sagte Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer. !
Bundespräsident Johannes Rau hatte in seiner Berliner Rede die PID als eine Praxis bezeichnet, „die das Tor weit öffnet für biologische Selektion, für eine Zeugung auf Probe“. Ein Recht auf gesunde Kinder gebe es nicht. Noch so verständliche Wünsche und Sehnsüchte seien keine Rechte. Diese Auffassung wurde auch von Delegierten des Ärztetages geteilt, unter anderem von Dr. med. Astrid Bühren, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer. In einem von ihr eingebrachten Antrag fragte sie, ob es gerechtfertigt sei, dass eine grundsätzlich fertile Frau als Patientin dem In-vitro-Fertilisationsprogramm mit seinen potenziellen medizinischen Risiken zugeführt werde. Bühren forderte eine „Abwägung, ob es gerechtfertigt ist, einem grundsätzlich fertilen Paar, das Kinder in intimer Zweisamkeit ohne technische Eingriffe und Laboratmosphäre zeugen könnte, die invasive Eizellentnahme, die masturbatorische Samenzellspende, eine reduzierte Konzeptionschance, das Risiko emotionaler Krisensituationen und psychosomatische Auswirkungen mit Einfluss auf die Paarbeziehung anzuraten“. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer, sagte ebenfalls, dass die Präimplantationsdiagnostik keine „schöne, saubere Methode“ sei.
Es gab jedoch auch Befürworter der Zulassung dieser Methode; Bührens Antrag wurde ebenso wie der von Kahlke abgelehnt. Wenn jährlich mehr als 200 000 Embryonen weggeworfen würden, warum solle man dann nicht an ihnen forschen, fragte Dr. med. Ulrich Lang, Landesärztekam-
mer Hessen. Wiederholt wurde eingewendet, dass PID im Ausland erlaubt sei und dass diese Möglichkeit von Paaren dann auch genützt würde.
Hoppe äußerte Verständnis für die Befürchtungen der Gegner der Präimplantationsdiagnostik. Er erläuterte aber auch, warum seiner Auffassung nach die Welt durch ein Verbot der PID nicht in Ordnung zu bringen sei (dazu auch das Interview mit Hoppe in DÄ, Heft 20/2001). Er betrachte die Präimplantationsdia-
gnostik und die Pränataldiagnostik nicht primär als selektive Methode, sondern als
eine Möglichkeit, erbbelasteten Eltern zu einem gesunden Kind zu verhelfen. „Man kann das ablehnen, und Paaren mit einer schweren erblichen Belastung empfehlen, auf Kinder zu verzichten. Das wäre uneingeschränkt auch meine Präferenz.“ Es sei jedoch fraglich, ob eine solche Auffassung noch mehrheitsfähig sei, seit die In-vitro-Fertilisation zugelassen sei und Pränataldiagnostik vorgenommen werde, mit dem Ziel, intrauterin mögliche Erbschädigungen bei Kindern festzustellen und diese Kinder dann abzutreiben. Wenn PID zugelassen würde, dürfte sie allerdings nur mit Restriktionen erlaubt werden, „damit nicht Antworten gesucht werden auf Fragen, die wir nicht stellen wollen. Dann nämlich wäre PID der erste Schritt in Richtung Selektion.“
Bei der Einstellung zur aktiven Euthanasie waren sich die Delegierten einig. Die niederländische Regelung wird von ihnen einmütig abgelehnt. „Aktive Sterbehilfe ist das vorsätzliche Töten von Menschen. Das steht in krassem Widerspruch zum ärztlichem Auftrag, das Leben zu schützen. Der ärztliche Beruf würde so ein anderer, der Arzt würde zum Vollstrecker werden“, heißt es in einem Beschluss. Jeder Patient müsse sich zu jeder Zeit sicher sein, dass Ärzte konsequent für das Leben eintreten und weder aus wirtschaftlichen noch aus politischen Gründen das Leben zur Disposition stellen. Diese Sicherheit könne nur dann garantiert werden, wenn Ärzte das Töten von Patienten kategorisch ablehnen. Es gebe schon Wissenschaftler, die von „Sterbekosten“ sprechen, wenn sie die Behandlung und Hilfe in der Zeit vor dem Tod meinen. „Wenn Schwerstkranke schnell und kostengünstig sterben wollen, kommt eine makabre Kostenlogik in Gang“, warnt der Ärztetag.
Inhalt des ärztlichen Auftrages sei, Leiden zu lindern und Angst zu nehmen, um damit ein würdevolles Lebensende zu ermöglichen. Als Alternative zur aktiven Sterbehilfe müssten daher die Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung und Anwendung der Palliativmedizin verbessert werden. Die Ärztetagsdelegierten betonten, dass das Sterben Teil des Lebens sei und auch die letzte Phase des Lebens menschenwürdig gelebt werden könne. Deshalb müssten die für Krankenhausplanung zuständigen Länder bei der Kapazitätenermittlung für die stationäre Versorgung die Notwendigkeit palliativmedizinischer Maßnahmen einbeziehen. Über die Verbesserung der palliativmedizinischen Versorgung im Krankenhaus hinaus sei auch die weitere Förderung und finanzielle Sicherstellung ambulanter und stationärer Hospizarbeit erforderlich.

Gisela Klinkhammer

Prof. Dr. med. Christoph Fuchs: „Der ethische Konflikt ist dadurch gekennzeichnet, dass sich unvereinbare Wertehaltungen gegenüberstehen.“

Prof. Dr. med. Winfried Kahlke plädierte dafür, „PID nicht in die medizinische Praxis aufzunehmen und das Embryonenschutzgesetz in seiner gegenwärtigen Form zu belassen“.

Dr. med. Helmut Peters meinte, dass Kinder mit Trisomie 21 häufiger zufriedener seien als „ambitionierte Wissenschaftler“.
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