ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2001Einheit statt Ausbeutung

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Einheit statt Ausbeutung

Dtsch Arztebl 2001; 98(22): A-1449 / B-1233 / C-1156

Schröder, Ove

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst-
verschuldeten Unmündigkeit.“ Immanuel Kants Diktum prägte den Weg aus dem Mittelalter in die moderne Gesellschaft. Kritisches Denken, Wissenschaft und Freiheit statt Dogmen, Ausbeutung und Feudalismus. Auch die medizinische Welt ist ein Kind dieser Entwicklung. Fragt man, wie weit sie es mit ihrer Modernität, ihrer Aufgeklärtheit, ihrer Mündigkeit gebracht hat, tritt eine eigenartige Spaltung, eine tiefe Ambivalenz hervor.
Einerseits ist der harte technisch-wissenschaftliche Kern der ärztlichen Welt rund, schön und vorzeigbar. Die Entschlüsselung des humanen Genoms ist der Kristallisationspunkt für Hoffnungen auf ein echtes Verständnis pathophysiologischer Vorgänge auf molekularer Ebene und die Entwicklung neuartiger, kausal wirksamer Therapien gegen die alten, bitteren Krankheiten. Gewiss, der medizinische Fortschritt triumphiert.
Ganz anders hingegen ist die menschliche Wirklichkeit in den deutschen Krankenhäusern. Hier ist die mittelalterliche Sozial- und Führungsstruktur oft noch sehr präsent. Insbesondere die jungen Ärztinnen und Ärzte sind unzufrieden. Ihre Situation ist inzwischen so problematisch, dass der Deutsche Ärztetag schon früher darauf hinwies, dass „die Ausbeutung insbesondere der jungen angestellten Ärztinnen und Ärzte zu unterbinden“ sei.
Die Phase des Arztes im Praktikum (AiP) wurde 1988 gesetzlich eingeführt. Seitdem sind nach Abschluss des sechsjährigen Studiums diese eineinhalb Jahre in der Billiglohngruppe, die BAT 10 entspricht, Pflicht für jeden, der auf dem Weg zum Arzt vorankommen will. Die größten Leidtragenden in dieser Gruppe der „working poor“ sind junge Familien. Sie werden durch die AiP-Tarifverträge zu Sozialhilfeempfängern degradiert, weil weder Kinderzuschläge noch die Ortszuschläge für die Partner gezahlt werden. Diese massiven Ungerechtigkeiten sind Teil der Lebenswirklichkeit junger Ärzte. Keine andere Berufsgruppe duldet eine solche Behandlung ihrer jungen Kollegen. Auch im europäischen Vergleich ist das System AiP entweder nicht etabliert – wie in der Schweiz –, oder es wird wenigstens besser bezahlt.
Fast gleichzeitig mit dem AiP wurde in den Tarifverträgen die Möglichkeit verankert, Ärzte in befristeten Verträgen zu beschäftigen. Viele Ärzte hangeln sich von Vertrag zu Vertrag. Eine längerfristige Lebensplanung findet nicht statt. 80 Prozent der jungen angestellten Ärzte sind nach Schätzungen des Marburger Bundes befristet beschäftigt. Hier liegt für die Arbeitgeber eines der Instrumente, mit dem sie auf ihre Angestellten den Druck aufbauen können, um zum Beispiel unbezahlte Überstunden durchzusetzen.
Am 3. Oktober 2000 hat der Europäische Gerichtshof mit seinem Urteil zum Bereitschaftsdienst im Krankenhaus Wellen geschlagen. Der Bereitschaftsdienst in Form persönlicher Anwesenheit sei als reguläre Arbeitszeit zu werten, urteilten die Richter und stellen damit klar, dass die gängige Praxis in deutschen Krankenhäusern rechtswidrig sei. Wie dieses Urteil umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Es ist aber ein bedeutendes Signal der Judikative, dass die gegenwärtige Situation unhaltbar ist.
Das Elend des AiP hat zwei Seiten: seine Existenz und seine Bezahlung. Die Abschaffung wird noch länger dauern, weil sie zwar mittlerweile auch politisch von den Verantwortlichen gewollt wird, aber an die noch immer ausstehende 8. Novelle der Approbationsordnung für Ärzte geknüpft ist. Für die Zwischenzeit muss also die finanzielle Seite verbessert werden. Wo leben wir, dass die Ärzteschaft es duldet, dass Kollegen in der eigenen Abteilung unter dem Existenzminimum bezahlt werden. Würden Juristen, Lehrer, Bankfachleute oder Piloten sich so auseinander dividieren lassen? Hat es der Ärzteschaft in der Bilanz genützt oder ihren Status oder ihr Ansehen gehoben, dass sie der Konstruktion eines Billiglohnsektors zugestimmt hat?
Die Weiterbildungsverträge sollten für die gesamte Weiterbildungszeit, mindestens für die Dauer der Weiterbildungsbefugnis des Chefarztes, hin ausgelegt sein. Ferner müssen die Weiter­bildungs­ordnungen auf den realistischen Gehalt ihrer Anforderungskataloge hin überprüft werden und in der Durchführung einer Qualitätskontrolle unterliegen.
Die Ärztekammern sollten der Garant dafür sein, dass die feudalen Abhängigkeiten dort, wo sie noch existieren, durch moderne Arbeitsbedingungen auf rechtsstaatlicher Basis abgelöst werden. Es müssen dringend geeignete Instrumentarien entwickelt werden, um die Missstände im Hinblick auf die Weiterbildung und die Einhaltung der Arbeitszeitgesetze zu unterbinden. Die Kammern sind demokratisch legitimiert und politisch dieser Aufgabe gewachsen.
Im Übrigen darf eine ebenengerechte Analyse die Rolle der Gesellschaft nicht vernachlässigen. Es ist ein Irrtum zu glauben, den medizinischen Fortschritt nutzen zu können, ohne die Rechnung zu bezahlen. Es kann nicht ewig so weitergehen, dass Ärzte mit ihren kostenlosen Überstunden diese ökonomische Illusion decken. Wir brauchen auch eine Debatte über die Verteilung der Ressourcen. Die jungen Ärzte sind müde, als einfach verfügbare Rationalisierungsreserve herzuhalten.
Sie erhoffen sich keine roten Teppiche, aber sie fordern konkrete schnell umsetzbare Verbesserungen, um sich ohne existenzielle Sorgen um ihre
Patienten kümmern zu können. Davon würden alle Ärzte profitieren.

Ove Schröder, Berlin, AiP in der Unfallchirurgie
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema