ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2001Top III: Weiter­bildungs­ordnung - Richtung vorgegeben

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Top III: Weiter­bildungs­ordnung - Richtung vorgegeben

Dtsch Arztebl 2001; 98(22): A-1450 / B-1234 / C-1157

Korzilius, Heike

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LNSLNS Der 104. Deutsche Ärztetag hat die Grundlagen für die inhaltliche
Reform der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung geschaffen.

Die Weiter­bildungs­ordnung ist auch eine Friedensordnung“, resümierte Dr. med. H. Hellmut Koch, Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, am Ende der rund fünfstündigen Diskussion um die Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung. Der Verlauf der betont sachlichen Debatte auf dem 104. Deutschen Ärztetag in Ludwigshafen gab ihm Recht: Es war kaum noch etwas zu spüren von der Unruhe und den Missstimmungen, die der neu gefasste so genannte Paragraphenteil im Vorfeld vor allem bei den Kassenärzten ausgelöst hatte (dazu DÄ, Heft 21/2001). Diese hatten der geplanten Novelle bei der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) einen Tag vor der Eröffnung des Deutschen Ärztetages einen eigenen Tagesordnungspunkt eingeräumt und ihre Bedenken formuliert – denen der Deutsche Ärztetag schließlich Rechnung trug.
Mit großer Mehrheit stimmten die Delegierten der Beschlussvorlage des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer zu, die den Paragraphenteil der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung neu fasst. Als Abschnitt A der Novelle legt er Strukturen, Begriffe und Regularien fest. Damit hat der Ärztetag die Grundlage geschaffen, die die Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer benötigen, um die inhaltlichen Details der einzelnen Weiterbildungsgänge zu erarbeiten (Abschnitte B und C). Der Beschluss besagt, dass der Ärztetag den Paragraphenteil „als Grundlage für die weiteren Arbeiten zustimmend zur Kenntnis nimmt“. Über das Gesamtpaket, einschließlich Abschnitt A, soll der nächste oder übernächste Deutsche Ärztetag beraten. Es wird ausdrücklich betont, dass Korrekturen des Paragraphenteils auch dann noch möglich sind. Dieser Punkt lag vor allem den Kassenärzten am Herzen, die in Übereinstimmung mit einem Beschluss der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung in einem eigenen Antrag nochmals die Vorläufigkeit des Paragraphenteils betonten. Da auch dieser Antrag mit großer Mehrheit angenommen wurde, konnten sowohl Befürworter als auch Skeptiker der Novelle zufrieden sein. Auch der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien, Koch, betonte: „Abschließend abstimmen können wir erst, wenn alles vorliegt.“
Künftig gibt es vier Qualifikationsarten
Nach dem novellierten Paragraphenteil, dessen Eckpunkte bereits der 103. Deutsche Ärztetag vorgegeben hatte, gibt es künftig vier Qualifikationsarten, die jeweils mit einer Prüfung vor der Ärztekammer abgeschlossen werden. Eine erfolgreich abgeschlossene Weiterbildung führt demzufolge zur Facharzt-, Schwerpunkt- oder Bereichsbezeichnung oder zu einem Befähigungsnachweis. Dabei beschreibt die Gebietsdefinition umfassend alle Leistungen eines Gebietes und bestimmt so die Grenzen für die Ausübung fachärztlicher Tätigkeit. Die Gebietsgrenzen sollen durch keine der Qualifikationen erweitert werden. Da die Weiterbildungsinhalte eines Bereichs mehreren Gebieten zugeordnet werden können, soll nach dem Willen der Weiterbildungsgremien der Erwerb einer Bereichsbezeichnung in einem „Menüsystem“ gestaltet werden. Dazu Koch: „Jeder soll nur das erlernen, was er für sein Fach braucht.“
Der neu gefasste Paragraphenteil beschreibt einen Schwerpunkt als eine auf der Facharztweiterbildung aufbauende Spezialisierung im Gebiet. Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten im Gebiet, die nicht zu den vorgeschriebenen Mindestinhalten der Facharztweiterbildung gehören, bestätigt der Befähigungsnachweis. Dazu zählen insbesondere bestimmte Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Der Abschnitt A sieht weiter vor, dass die Befähigungsnachweise auch der Nachqualifikation dienen können. Sie sollen in einer bundeseinheitlichen Liste veröffentlicht werden, die die Ärztekammern gemeinsam erstellen. Koch betonte, dass auch ein Befähigungsnachweis nicht gebietserweiternd sei. So sei die Voraussetzung für den Erwerb des Befähigungsnachweises Dermahistologie der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten oder der Facharzt für Pathologie. Diese Beschränkung auf das Gebiet war vielen Delegierten wichtig. Dr. med. Max Kaplan, Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer, formulierte es so: „Die Weiter­bildungs­ordnung ist eine Arbeitsteilungsordnung. Wir brauchen keine unnötige Weiterbildung.“
Der Paragraphenteil sieht weiter vor, dass Facharzt-, Schwerpunkt- und Bereichsbezeichnungen sowie Befähigungsnachweise führungsfähig sind. Darüber hinaus wird festgeschrieben, dass die Weiterbildung im Rahmen angemessen bezahlter ärztlicher Berufstätigkeit erfolgt und eine Weiterbildung in Teilzeit anteilig anzurechnen ist. Während der Debatte kritisierten vor allem einige weibliche Delegierte, dass mit dieser Regelung derzeit vielerorts wenig liberal verfahren werde.
Der Paragraphenteil setzt zudem Standards für die Befugnis zur Weiterbildung. Eine solche kann nur erteilt werden, wenn der Arzt, der eine Weiterbildungsbefugnis beantragt, die entsprechende Bezeichnung führt, fachlich und persönlich geeignet ist und eine mehrjährige Tätigkeit nach Abschluss seiner Weiterbildung nachweisen kann. Die Ärztekammer erteilt die Befugnis zur Weiterbildung auf Antrag, wobei diesem ein gegliedertes Programm für die Weiterbildung des Assistenten beigefügt sein muss. Der Ärztetag ergänzte die Beschlussvorlage der Bundes­ärzte­kammer dahingehend, dass dieses Curriculum auch dem Arzt in Weiterbildung ausgehändigt wird. Dr. med. Günter Jonitz, Mitglied des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Ärztekammer Berlin, mahnte in diesem Zusammenhang: „Die Qualität der Weiterbildung hängt auch von der des Befugten ab. Wir brauchen eine konkretere Definition von ,persönlicher Eignung‘. Die Bundes­ärzte­kammer muss diesen Begriff mit Leben ausfüllen.“
Abgleich mit Vertrags-
und Sozialrecht
Als weiteres Element der Qualitätssicherung sieht der Paragraphenteil Dokumentationspflichten vor. So muss der Arzt in Weiterbildung schriftlich festhalten, dass er die vorgeschriebenen Inhalte abgeleistet hat. Darüber hinaus wird der Weiterbilder verpflichtet, mit seinem Assistenten nach Abschluss eines Weiterbildungsabschnitts, mindestens jedoch einmal jährlich, ein Gespräch zu führen, in dem der Stand der Weiterbildung von beiden beurteilt und noch bestehende Defizite aufgezeigt werden sollen. Dieser Punkt war auf Antrag von Dr. med. Alfred Möhrle, Mitglied des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen, in den Paragraphenteil aufgenommen worden. Nur ein persönliches Gespräch gewährleiste, dass Defizite in der Weiterbildung tatsächlich bewusst gemacht und behoben werden könnten. Das bloße „Abzeichnenlassen“ einer Auflistung könne dies nicht garantieren, hieß es zur Begründung.
Ziel der Weiterbildungsnovelle ist es Koch zufolge, eine bundesweit einheitliche Bildungsordnung zu schaffen mit einer transparenteren Struktur und klar definierten Begriffen, die die Flexibilität der Weiterbildung auch zwischen ambulantem und stationärem Bereich garantiert. Diesen Aspekt betonte auch Dr. med. Ulrich Oberschelp, Ärztekammer Westfalen-Lippe: „Die Weiterbildung im Fachgebiet muss allumfassend sein. Es ist nicht mehr möglich, dies in der Klinik zu gewährleisten. 80 Prozent aller Erkrankungen werden mittlerweile kompetent im niedergelassenen Bereich behandelt. ,Banale‘ Erkrankungen findet man in der Klinik gar nicht mehr.“
Kernelement der Reform ist die Abgrenzung von „Gebietsdefinition“ und „Facharztkompetenz“. „Die Differenz zwischen den Gebietsgrenzen und dem Erlernten ist eigentlich das, was wir derzeit leben“, sagte Koch. Das will man mit der Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung beschreiben. Dabei, so Koch, müsse in der Facharztkompetenz der Versorgungsalltag abgebildet werden. Was allerdings in der Novelle bestehen bleibe, sei die Beschränkung auf das Gebiet. Ausüben dürfe der Arzt nur das, was er erlernt habe. Die Zulassung gelte mithin für die Facharztkompetenz, und nicht für das Gebiet. „Mit dieser Regelung müssten wir auch im Vertragsarztrecht besser zurechtkommen als bisher“, betonte Koch. „Die Weiter­bildungs­ordnung ist zwar primär eine Bildungsordnung. Aber selbstverständlich muss sie mit Vertrags- und Sozialrecht abgeglichen werden. Deshalb stimmen wir uns eng mit der KBV ab.“
Zum Hintergrund der neuerlichen Reform erklärte Koch, der Gesetzgeber habe in den Heilberufsgesetzen der Länder nur Fachrichtungen vorgegeben. Seit vielen Jahren sei klar, dass diese Beschreibungen nicht ausreichten, um die hoch spezialisierte Medizin abzubilden. „Wir haben jetzt Gebiete und Gebietsgrenzen definiert, Schwerpunkt und Befähigungsnachweis im Gebiet angesiedelt. Einzig der Bereich ist gebietsübergreifend. Nun müssen wir die Inhalte festlegen. Das wird sich in Teil B und C abspielen.“
Dass diese beiden Teile noch nicht vorliegen, hatte die Unruhe im Vorfeld verursacht. KBV-Hauptgeschäftsführer Dr. jur. Rainer Hess nahm deshalb die Gelegenheit wahr, den Delegierten des Ärztetages die Anliegen der Kassenärzte nochmals nahe zu bringen. Zwar betonte er, die KBV wolle keineswegs etwas blockieren. „Aber von einem müssen wir ausgehen: Die Weiter­bildungs­ordnung definiert die Zulassungsvoraussetzungen. Sie ist für die Kollegen Existenzgrundlage.“ Wenn es dabei bleiben solle, dass die Weiter­bildungs­ordnung Zulassungs- und Arbeitsteilungsordnung sei, müsse auf vertragsärztliche Belange Rücksicht genommen werden. So heißt es beispielsweise in dem Beschluss der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung, dem auch der Ärztetag zustimmte, Fehlentwicklungen in der vertragsärztlichen Versorgung hätten häufig eine Ursache im Weiterbildungsrecht.
„Der Paragraphenteil ist zunächst nur eine Hülse“
Eine Weiterbildungsreform müsse berücksichtigen, dass Gebiete und Schwerpunkte so eindeutig definiert seien, dass sie für die Kassenzulassung das jeweilige Leistungsspektrum möglichst eindeutig bestimmten. Überschneidungen der Weiterbildungsinhalte in den Gebieten und Schwerpunkten sollten möglichst gering und vor allem nicht mit unterschiedlichen Qualifikationsanforderungen verbunden sein. Zudem müsse die Weiter­bildungs­ordnung die Gliederung der vertragsärztlichen Versorgung in eine haus- und eine fachärztliche Versorgung aufgreifen.
Im Zuge der inhaltlichen Reform werde man vor allem in dieser Frage um eine kritische Diskussion nicht herumkommen, erklärte Hess vor dem Deutschen Ärztetag. „Lassen Sie uns die Diskussion offen führen, damit wir korrigieren können, was der Korrektur bedarf.“ In diesem Punkt ist zumindest Dr. med. Leonhard Hansen, Ärztekammer Nordrhein und Mitglied des Vorstandes der KBV, optimistisch. „Wir haben einen Konsens erreicht, mit dem wir jetzt solide arbeiten können“, erklärte er nach der Debatte über die Weiter­bildungs­ordnung gegenüber der Presse. Die Diskussion im Vorfeld sei jedoch unvermeidlich gewesen: „Der Paragraphenteil ist zunächst nur eine Hülse. Daher rührte die Verunsicherung unter den Betroffenen.“
Vereinzelte kritische Stimmen bezogen sich auch auf andere Punkte des Paragraphenteils. So hielt Dr. med. Hartmut Lummert, Ärztekammer Niedersachsen, die Einführung der Befähigungsnachweise für problematisch. Sie könnten zu einer Flut von Qualifikationen führen. Dr. med. Volker Pickerodt, Ärztekammer Berlin, stimmte dem zu: „Die Gremien müssen dafür sorgen, dass die Zahl der Befähigungsnachweise begrenzt wird.“
Mit Blick darauf, dass alle Bezeichnungen von der Ärztekammer geprüft werden sollen, gab Dr. med. Udo Schagen, Ärztekammer Berlin, zu bedenken: „Ich habe die Befürchtung, dass die generelle Einführung mündlicher Prüfungen die Ärztekammern unzumutbar belastet.“ Dieses Argument ließ Koch jedoch nicht gelten: „Allen ist klar, dass die Zahl der Prüfungen steigen wird. Wir haben uns aber mit den zuständigen Gremien abgesprochen. Diese sehen darin kein großes Problem. Wir wollen Qualität.“
Auch mit dem Tempo der Weiterbildungsreform waren einzelne Delegierte unzufrieden. „Jedes Jahr bekommen wir was vorgelegt, das wir zustimmend zur Kenntnis nehmen sollen. Es besteht die Gefahr, dass der Staat regulierend eingreift, weil wir 15 Jahre über die Weiter­bildungs­ordnung diskutieren, bis sie greift. Treffen Sie Entscheidungen“, appellierte Prof. Dr. med. Günter Lob, Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer, an die Delegierten.
Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass Lob seine Ungeduld zügeln muss. Im Rahmen ihrer inhaltlichen Arbeit dürften noch viele Diskussionen auf die Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer zukommen. Dass sehr unterschiedliche Positionen unter einen Hut gebracht werden müssen, belegten die Forderungen, die Prof. Dr. med. Albrecht Encke, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, an eine Weiterbildungsnovelle stellte. Zwar begrüßte er die Reform, betonte aber gleichzeitig: „Zahnschmerzen verursacht uns die Definition der Gebiete.“ Die Medizin lebe von der Interdisziplinarität. Die Trennung zwischen den Gebieten dürfe nicht zu starr sein. Es müsse möglich sein, Gebietsgrenzen zu überschreiten. Solche Forderungen dürften die KBV wenig erfreuen.

Heike Korzilius

Zufrieden mit dem Abstimmungsergebnis: Horst Dieter Schirmer, Justiziar der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Annette Güntert, zuständige Dezernentin, und Dr. med. H. Hellmut Koch (v. l.)

Dr. jur. Rainer Hess erläuterte den Delegierten des Deutschen Ärztetages die Position der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Argumente statt Emotionen: Betont sachlich diskutierten die Delegierten über die Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung.
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