ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1996Lebensrecht: Ernste Fragen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Lebensrecht: Ernste Fragen

Ekkart, U.

Zu dem Beitrag von Gisela Klinkhammer "Wann beginnt das Lebensrecht?" in Heft 34-35/1996
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LNSLNS Mit großer Sorge habe ich dem Bericht die Auffassungen des Mainzer Rechtsphilosophen Prof. Dr. Dr. Norbert Hoerster über den Beginn des Lebensrechts entnommen. Hoerster postuliert als Voraussetzungen für das Recht auf Leben allein "Interesse am Leben beziehungsweise Überleben", wenn man eben dieses Recht gänzlich "frei von religiösen oder metaphysischen Voraussetzungen" begründen wolle. Die Konsequenz seiner Forderungen sei die Abtreibung, das heißt die Fruchttötung, in jedem Stadium der Schwangerschaft. Wir kennen ähnliche Auffassungen bereits aus den Schriften des australischen Philosophen Peter Singer.
Einmal abgesehen von der durchaus unzulänglichen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVG) vom 28. Mai 1993 in der Abtreibungsfrage, die den Hintergrund für Hoersters Theorien liefert, abgesehen auch von den logischen und terminologischen ( zum Beispiel "Interesse") Unschärfen der Argumentation des Mainzer Rechtsphilosophen, erheben sich ernste Fragen: Wer eigentlich will die Abtreibungsproblematik völlig "frei von religiösen oder metaphysischen Voraussetzungen" diskutieren? Welche Lobby treibt Singer und Hoerster? Wir leben in einem Kulturraum, dessen Moral- und Wertevorstellungen durch christlich-jüdische Glaubenssätze geprägt sind. Nach diesen Vorstellungen beginnt das Leben mit der Befruchtung und ist von diesem Moment an schützenswert, und dies völlig unabhängig von den derzeit noch unergründlichen Stadien des "Ichbewußtseins" solchen Lebens. In schmerzlichen Prozessen sind wir dabei, auf der erstrebten Grundlage eines gesellschaftlichen Konsenses hiervon allenfalls Ausnahmeregeln für begründete Notsituationen von Kind und Mutter zu finden. Eine grundsätzliche Debatte um die Frage der Schutzwürdigkeit des Lebens sollten wir uns von ethik-theoriesüchtigen Moral- und Rechtsphilosophen oder selbsternannten Bioethikern nicht aufdrängen lassen. Wir bedürfen ihrer durchaus nicht. Weiterhin muß gefragt werden: Wer eigentlich definiert "Interesse am Leben beziehungsweise Überleben", wie und für wen? Wenn wir den Postulaten Hoersters konsequent folgen wollten, böten sich auf unseren Intensivstationen, in unseren psychiatrischen Kliniken und selbst in unseren Altersheimen hunderttausendfache Möglichkeiten, im Sinne eines pervertierten Euthanasiebegriffs menschliches Leben zu vernichten, dessen Lebens- und Überlebenswille krankheitsbedingt kurz-, längerfristig oder auch auf Dauer nicht ergründbar ist. Will das Herr Hoerster? Erhält die von Peter Singer wieder aufgegriffene Debatte um den Lebenswert nonpersonaler Körper - "Menschenhülsen" hießen sie vor und während der nationalsozialistischen Diktatur - nun neuen Zündstoff aus Mainz?
Leben zu erhalten, Gesundheit wiederherzustellen und Krankheit vorzubeugen ist unser ärztlicher Auftrag. In diesem Sinne sollen wir unsere Studentinnen und Studenten ausbilden. Rationalistisch begründete Lebensvernichtung aber ist nicht unser Ding!
Prof. Dr. Wolfgang U. Ekkart, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin, Universität Heidelberg, INF 368, 69120 Heidelberg
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