ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1996Lebensrecht: Logischer Zirkel

SPEKTRUM: Leserbriefe

Lebensrecht: Logischer Zirkel

Bauer, W.

Zu dem Beitrag von Gisela Klinkhammer "Wann beginnt das Lebensrecht?" in Heft 34-35/1996
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LNSLNS . . . Es erscheint an der Zeit, aus wissenschaftstheoretischer Sicht einmal auf den logischen Zirkel - man könnte auch sagen, auf die argumentative Perfidie - in diesem angeblich "einzigen Weg zur Begründung eines Rechtes auf Leben, der frei von religiösen oder metaphysischen Vorraussetzungen ist" (Hoerster) in aller Deutlichkeit hinzuweisen. Dieser logische Zirkel operiert in etwa nach folgendem Muster:
"1.) Als Professor für Bioethik (Rechtsphilosophie) verfüge ich über ein hohes Maß an kognitiven Fähigkeiten wie Bewußtsein, Selbstbewußtsein und Rationalität. 2.) Mein Amt berechtigt mich dazu, ethische (juristische) Kriterien für das Lebensrecht von Mitgliedern der Spezies Homo sapiens zu erarbeiten. 3.) Zur Erarbeitung dieser Kriterien benutze ich die mir in hohem Maß zur Verfügung stehenden kognitiven Fähigkeiten. 4.) Als Kriterium für die Zubilligung des Lebensrechts an ein Mitglied der Spezies Homo sapiens wähle ich das Vorhandensein von kognitiven Fähigkeiten. 5.) Mitglieder der Spezies Homo sapiens, die nicht über erkennbare kognitive Fähigkeiten verfügen, haben kein Lebensrecht. 6.) Zugleich haben diese Mitglieder der Spezies Homo sapiens, da sie ja nicht über erkennbare kognitive Fähigkeiten verfügen, keine Möglichkeit, mein Kriterium für die Zubilligung des Rechts auf Leben zu falsifizieren. 7.) Im Unterschied zu den mein Kriterium nicht erfüllenden Mitgliedern der Spezies Homo sapiens verfüge ich als Professor für Bioethik (Rechtsphilosophie) über ein hohes Maß an kognitiven Fähigkeiten."
Damit ist der Circulus vitiosus geschlossen, dessen logische Sollbruchstelle in dem willkürlich axiomatisierten, rhetorisch-abduktiven Übergang von Satz 3.) zu Satz 4.) liegt. Die obige Strukturanalyse enthüllt jedoch den tautologischen Charakter solcher Gedankengänge.
Wenn moralische Werte in der Medizin tatsächlich - wie ich glaube - institutionalistischen Charakter haben, wenn sie also einer gesellschaftlichen Konvention oder eines sozialen Konsenses bedürfen, dann muß schlicht die Frage gestellt werden, ob unsere Gesellschaft und ihre politische Verantwortlichen ernsthaft eine neuartige ethische Übereinkunft in Sinne von Peter Singer oder Norbert Hoerster anstreben wollen oder nicht. Wenn man dies will, muß man die entsprechenden Protagonisten möglichst oft in den Medien zu Wort kommen lassen. Wenn man dies nicht will, muß man sich ihnen kritisch entgegenstellen, indem man ihre Axiome transparent macht.
Prof. Dr. med. Axel W. Bauer, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Fakultät für Klinische Medizin Mannheim, Theodor-Kutzer-Ufer, 68167 Mannheim
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