ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1996Ethik: Wertmaßstäbe weitergegeben

SPEKTRUM: Leserbriefe

Ethik: Wertmaßstäbe weitergegeben

Sturm, Wolf

Gedanken zur Euthanasie
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LNSLNS Die Griechen verstanden Euthanasie deskriptiv, das heißt unabhängig davon, ob "schönes (sanftes) Sterben" spontan eintrat oder ob etwa ein Arzt dabei mithalf, zum Beispiel durch Linderung von Schmerzen, Schlafvermittlung und ähnliche Maßnahmen. Die künstlich lebensverlängernden Maßnahmen der modernen Medizin kannten sie noch nicht. So mag denn auch deren Beendigung bei unheilbaren Kranken im Einzelfall noch im Grenzbereich dieser Vorstellungen liegen. Die willentliche Herbeiführung des Todes durch einen Arzt haben die Griechen nie als Euthanasie verstanden. Die den Spartanern zugeschriebene Handhabung, schwächliche Frühgeburten und hochgradig mißgebildete Säuglinge gleich nach der Geburt zu töten, war keine ärztliche Maßnahme, sondern eine Entscheidung der Stadtoberen. Sie erweckte schon damals bei allen Nachbarn Spartas Abscheu und fand weder irgendwo Nachahmung noch etwa gar Eingang in unsere abendländische Kulturentwicklung.
Im "Dritten Reich" war trotz Erziehung der jungen Generation zur "Härte" und trotz gezielter Propaganda für die Tötung sogenannten "lebensunwerten Lebens" . . . das Bewußtsein der humanistischen Grundlagen ärztlichen Handelns unter Medizinstudenten sogar in den letzten Kriegsjahren noch erstaunlich weitgehend erhalten . . . Kein Arzt und kein Mensch, der sich seiner Verantwortung bewußt ist, könnte in einer Reihe irgendwo zwischen zwei Probanden, die sich im Befund kaum merkbar unterscheiden, eine Grenze angeben, bis zu der alle noch mehr beeinträchtigten Probanden zu töten sind und von der ab die anderen weiterleben dürfen.
Diese damaligen Medizinstudenten sind die Ärztegeneration der heute 75- bis 80jährigen und haben ihre Wertmaßstäbe an die jüngeren, heute noch aktiv im Beruf stehenden Kollegen weitergegeben.
Prof. Dr. med. Wolf Sturm, Jakobstraße 18, 39104 Magdeburg
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