ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Sexueller Mißbrauch von Kindern: In der Mehrzahl der Fälle Verzicht auf Strafanzeige

THEMEN DER ZEIT: Berichte

Sexueller Mißbrauch von Kindern: In der Mehrzahl der Fälle Verzicht auf Strafanzeige

Glöser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bei Verdacht auf sexuellen Mißbrauch von Kindern wird in den seltensten Fällen eine Strafanzeige erstattet. Die Mehrzahl der Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen (70 Prozent), sozialpädagogischer Dienste (86 Prozent) und von Beratungs- und Therapieeinrichtungen (98 Prozent) hält eine strafrechtliche Verfolgung des Täters für ein inadäquates Vorgehen. Dies ist das vorläufige Ergebnis eines von der VW-Stiftung geförderten interdisziplinären Forschungsprojektes, das den institutionellen Umgang mit dem sexuellen Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen beleuchtet.
Vorgestellt wurde diese Zwischenbilanz während des zweitägigen Symposiums "Sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen – individuelle und institutionelle Reaktionen", zu dem sich Kinder- und Jugendpsychiater, Juristen und Psychologen in Köln trafen. Das Projekt, welches Wissenschaftler der Universität Köln und der Humboldt-Universität Berlin ins Leben gerufen haben, soll einen Aufschluß über Einstellungen und Verhaltensweisen aller mit dem Problem des sexuellen Mißbrauchs befaßten Institutionen, Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen geben. Ziel sei es, aus diesen Ergebnissen juristische und therapeutische Konsequenzen für das Wohl des Kindes zu ziehen, so Prof. Dr. med Gerd Lehmkuhl, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Köln. Erste Auswertungen der Studie belegen nach Darstellung von Prof. Dr. jur. Michael Walter, Kriminologische Forschungsstelle der Universität Köln, daß der Schutz des Kindes bei Überlegungen, auf eine Strafanzeige zu verzichten, im Mittelpunkt stehe. Ein generelles Strafbedürfnis gegenüber dem Täter spiele nur eine untergeordnete Rolle.
Untermauert wird das Ergebnis des weitgehenden Strafanzeigenverzichts durch die Feststellung, daß nach Einschätzung der Befragten die Anzahl der Fälle von sexuellem Mißbrauch in den letzten Jahren gestiegen sei. Im Gegensatz dazu sind die registrierten Anzeigen seit 1992 leicht rückläufig, erklärte Walter. Einer der Gründe für die Umgehung des Strafrechts liegt nach Einschätzung der Projektleiter darin, das Kind nicht der Belastung eines Strafverfahrens oder der Gefahr der Verfahrenseinstellung aussetzen zu wollen. Alternativ dazu könnten beispielsweise Familien- und Vormundschaftsgerichte bewirken, daß einem in dieser Hinsicht straffällig gewordenen Vater der Kontakt mit der Familie untersagt oder ihm das Sorgerecht entzogen wird.


Repräsentative Zahlen fehlen
Dr. med. Jörg Fegert, Abteilung für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Virchow-Klinikum der Humboldt-Universität Berlin, gab auf die Frage nach aktuellen Zahlen von Mißbrauchsfällen in Deutschland zu bedenken, daß bei sämtlichen Statistiken die jeweilige Quelle zu berücksichtigen sei und es keine repräsentative Untersuchung gebe. Seiner Auffassung nach "komme sexueller Mißbrauch jedoch mindestens so häufig vor wie die üblichen Volkskrankheiten". Dr. Sabine Glöser

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote