ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2001Museum in Berlin: „Kein Tag ohne Präparat“

VARIA: Geschichte der Medizin

Museum in Berlin: „Kein Tag ohne Präparat“

Dtsch Arztebl 2001; 98(22): A-1494 / B-1274 / C-1196

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LNSLNS Das Berliner Medizinhistorische Museum zeigt medizinische Instrumente, menschliche Organe und mythologische Gestalten.

Berlin Alexanderufer, Nähe Bahnhof Friedrichstraße. Vorbei an den roten Ziegelbauten der Charité führt der Weg durch Baustellenschlamm zum Seiteneingang des historischen Museumsgebäudes. Dem graf-
fitibemalten Treppenhaus sieht man an, dass es lange Zeit nicht genutzt wurde. Baustelle im ersten Stockwerk. In der zweiten Etage schließlich das dezente Plexiglas-Schild, das die Ausstellung hinter der Tür ankündigt. Jugendliche unter zwölf Jahren sind nur in Begleitung Erwachsener zugelassen.
Seit 1998 ist das Berliner Medizinhistorische Museum wieder eröffnet. Prof. Dr med. Thomas Schnalke, der im November 2000 zum Direktor des Museums berufen wurde, erklärt: „Wir haben etwa 50 000 Besucher im Jahr. Das ist für ein Fachmuseum durchaus stattlich.“ Im Eingangsraum begrüßt eine „Eiserne Lunge“ aus der Nachkriegszeit die Besucher. Zahnmedizinische Exponate, naturgetreue Wachsmoulagen von Patientengesichtern und historische medizinische Instrumente sind dort zu sehen.
Der alte Virchow-Hörsaal wird für Veranstaltungen und Wechselausstellungen genutzt.
Das Herzstück der Dauerausstellung bildet die anatomisch-pathologische Sammlung. Auf rund 400 Quadratmetern drängen sich in acht originalen, raumhohen Vitrinen etwa 1 000 Präparate, knapp die Hälfe davon sind durch die Hände des Gründervaters Rudolf Virchow gegangen. In der ersten Vitrine zur Linken: Skelette, Knochen und Schädel, ein Hydrozephalus, eine stark skoliotisch verformte Wirbelsäule. Rechts ziehen seltene Missbildungen die Öffentlichkeit an.
„Vonseiten unseres Museums wurde diese Schiene in der Vergangenheit immer stark bedient und wohl auch ein bisschen zu sehr betont“, stellt Schnalke selbstkritisch fest. Dabei handelt es sich um die größte Sammlung ihrer Art in Deutschland. Feucht- und Trockenpräparate aller menschlichen Organe führen in den hinteren Vitrinen anschaulich den gesunden und den kranken Körper vor Augen. Gut- und bösartige Tumoren zeigen die kanzerösen Gewebeveränderungen. Die Besucher verharren oft erstaunt vor einem 60 Zentimeter dicken menschlichen Darm in Formalin.
„Kein Tag ohne Präparat“ war das Motto Rudolf Virchows, dem zu Ehren die preußische Regierung das Museum bauen ließ. Neben seinen eigenen Präparaten brachte der populäre Arzt und Gesundheitspolitiker viele Stücke aus dem alten „Museum anatomicum“ in die Sammlung ein. 1899 öffnete Virchow die pathologische Sammlung mit mehr als 20 000 Präparaten für eine breite Öffentlichkeit. Ein besonderes Anliegen war ihm die medizinische Aufklärung der Bevölkerung, vor allem in Bezug auf die Monstren. „Virchow wollte, dass die Medizin diese Phänomene erklärt und ihnen auf den Grund geht, sodass letztendlich für den Betrachter herauskommt: Solche Fehlbildungen sind Krankheit oder Schicksal und haben nichts Dämonisches, Magisches oder Abergläubisches an sich“, erläutert Schnalke.
Im Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Sammlung zerstört, der Hörsaal zur Ruine ausgebombt. Als Ruine wurde er nun auch rekonstruiert. In den Jahren der DDR verschwanden die Präparate im Keller. Auf Initiative des Kurators Peter Krietsch wurden in den 80er-Jahren die Vitrinen behelfsmäßig auf den Gängen aufgestellt. Nach Voranmeldung war eine Besichtigung möglich. Krietsch war auch maßgeblich beteiligt an der Gründung des Berliner Medizinhistorischen Museums. Da die Finanzierung durch die Charité nicht gesichert war, wurden Spenden gesammelt, bis schließlich 1998 der heutige Stand erreicht war.
„Mit der Art und Weise, wie sich die Präparate-Sammlung präsentiert, sind wir noch nicht zufrieden“, räumt Schnalke ein. Grundlegende Änderungen seien für die nächsten Jahre vorgesehen. „Das Wesentliche ist, die medizinischen Wissensinhalte, die in den Objekten verborgen sind, wieder aufzuschließen und zugänglich zu machen für ein breites interessiertes Publikum“, so Schnalke.
Der Museumsdirektor erläutert: „Was man hier zu sehen bekommt, geht doch sehr nahe an die eigene Körperlichkeit, Leidensfähigkeit und Endlichkeit.“ Dem Besucher soll deshalb mit Textelementen die Möglichkeit gegeben werden, sich von manchen Eindrücken wieder zu di-
stanzieren. Ansonsten setzt Schnalke auf eine zurückhaltende Gestaltung.
Wenn im Jahr 2002 die Bauarbeiten im ersten Stockwerk abgeschlossen sind, werden dem Museum weitere 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen.

Angela Mißlbeck

Informationen: Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Institut für Pathologie, Schumannstraße 20/21, Telefon: 0 30/4 50 53 61 56, Internet: www.bmm.charite.de. Öffnungszeiten des Museums: dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 19 Uhr, montags geschlossen. Eintrittspreise: Erwachsene
5 DM, ermäßigt 2,50 DM, Gruppen ab 10 Personen 4 DM. Gruppenführungen: Nach telefonischer Voranmeldung bei Dr. Petra Lennig, Telefon: 0 30/4 50 53 60 49. Nutzung der Hörsaalruine: Telefon: 0 30/4 50 53 61 29. Am 26. April hat eine Diskussionsrunde zur Ausstellung „Körperwelten“ begonnen. Bis zum 5. Juli erläutern Experten aus verschiedenen Fachrichtungen immer donnerstags um 19.30 Uhr im Friedrich-Kopsch-Hörsaal am Institut für Anatomie der Charité medizinische, ethische, philosophische und museologische Fragestellungen der umstrittenen Ausstellung.

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