ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2001Entschließungen zum Tagesordnungspunkt I: Gesundheits-, Sozial- und ärztliche Berufspolitik

DOKUMENTATION: Aufsätze

Entschließungen zum Tagesordnungspunkt I: Gesundheits-, Sozial- und ärztliche Berufspolitik

Dtsch Arztebl 2001; 98(22): A-1463 / B-1245 / C-1168

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LNSLNS Gesundheitspolitik:
Ein Neuanfang ist überfällig
Die Rahmenbedingungen für
das Gesundheitswesen in Deutschland stimmen nicht mehr!
Drei Jahrzehnte von „Reformen“ im Gesundheitswesen haben die Patientenversorgung in eine äußerst bedrohliche Situation gebracht. Wirtschaftlicher Druck, wachsende Defensivmedizin, Bevormundung durch staatliche Vorgaben engen die Entscheidungsmöglichkeiten der Ärztinnen und Ärzte zunehmend ein. Patienten und Ärzte haben kaum mehr die Möglichkeit zur freien therapeutischen Entscheidung, obwohl diese die Basis für eine notwendige, vertrauensvolle und ethisch vertretbare Behandlung ist. Nicht mehr die gesundheitlichen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten bestimmen die ärztliche Arbeit, sondern fiskalische Vorgaben und eine überbordende Dokumentationspflicht.
Die Versuche, aus gesetzlichen Krankenkassen wirtschaftlich konkurrierende Unternehmen zu machen, führen in die Irre. Zunehmend werden die Leistungserbringer unter massiven ökonomischen Druck gesetzt. Ziele des Wettbewerbs wie Gewinnmaximierung und Kostenreduzierung teilen die Patienten in „gute“ und „schlechte“ Risiken auf. Damit wird aber der Grundgedanke der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, die Solidarität zwischen Gesunden und Kranken, ins Gegenteil verkehrt.
c Die Arbeitsbedingungen für Pflegeberufe, andere Fachberufe im Gesundheitswesen und für uns Ärzte sind mittlerweile inakzeptabel geworden.
c Sowohl in der freien Praxis als auch im Krankenhaus wächst die Unzufriedenheit über diese Arbeitsbedingungen.
c Ärzte geben zunehmend vorzeitig ihre Praxen auf, junge Ärzte wandern vermehrt ins Ausland ab.
Patienten- statt Budgetorientierung!
Zu knapp bemessene und nicht am medizinischen Bedarf ausgerichtete sektorale Budgets verhindern eine patientengerechte Versorgung. Daraus folgt:
c Durch chronische Unterfinanzierung der Krankenhäuser bei Betriebsmitteln und Investitionen sind die Strukturen für eine gute Patientenbehandlung oft nicht mehr gegeben.
c Im Krankenhaus leisten Ärztinnen und Ärzte permanent unbezahlte Mehrarbeit.
c Mit aufgezwungenen Verträgen werden besonders Assistenzärzte faktisch geknebelt.
c Der ärztliche Nachwuchs wird unwürdig behandelt. Die ärztliche Ausbildung ist nicht genügend patientenorientiert.
c Ein überholtes Honorarsystem fördert die Menge, nicht die Qualität der Leistung.
c Budgets zwingen niedergelassene Ärzte, in vielen Fällen auf innovative und bessere Arzneimittel für ihre Patienten zu verzichten.
Die nun exekutierte Gesundheitsreform 2000 wird diese negativen Auswirkungen dramatisch verstärken:
c Das Festhalten an der Budgetierung bestraft Ärzte, die sich um schwer kranke und damit „teure“ Patienten besonders kümmern.
c Diagnosebezogene Fallpauschalen zur Krankenhausfinanzierung (DRGs) bergen die Gefahr einer Profitorientierung der Krankenhäuser; deren soziale Schutzfunktion wird dann rasch verloren gehen.
c Kleine Krankenhäuser, besonders in ländlichen Regionen, werden ohne zusätzliche Hilfe keine Chance zum Überleben haben. Dadurch wird die wohnortnahe Versorgung der Menschen gefährdet.
c Stellen werden gestrichen, Arbeitsplätze gehen verloren.
Darüber hinaus hat die öffentliche Hand die Finanzierung von Forschung und Fortbildung ihrer Mitarbeiter in den Krankenhäusern und Instituten sträflich vernachlässigt. Das Einwerben von Drittmitteln ist eine unabdingbare Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten in Deutschland geworden.
Die Politik der letzten Jahrzehnte hat nicht nur das Gesundheitswesen an den Rand des Ruins getrieben, sie hat auch die Vertrauensbasis zwischen Patienten und Ärzten schwer beschädigt. Es ist an der Zeit, diese Entwicklung zu stoppen.
Es ist Zeit für einen Neuanfang!
Das Gesundheitswesen braucht eine stetige Entwicklung mit Reformen, die einer angemessenen Patientenversorgung und einer modernen Medizin entsprechen. Nur so kann eine hochwertige und sozial gerechte Gesundheitsversorgung geleistet werden.
Das Gesundheitswesen muss für die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft fit gemacht werden. Die Veränderungen in unserer Gesellschaft, besonders
c die veränderte Demographie – unsere Gesellschaft wird stetig älter,
c eine stark gestiegene Leistungsfähigkeit der Medizin – sie hat ihren Preis,
c die Verschiebung der Einkommensstruktur – der Anteil des Lohneinkommens am Gesamteinkommen unserer Gesellschaft sinkt, und damit folgen die Beiträge zur Sozialversicherung nicht mehr der Leistungsfähigkeit der Versicherten
c ein gesteigertes Anspruchsdenken – jeder will mehr Schutz und Zugang zur ärztlichen Behandlung ohne Wartezeiten,
machen es notwendig, dass sowohl über die Ausgaben als auch die Einnahmen unserer Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung gemeinsam nachgedacht wird und Veränderungen herbeigeführt werden. So sollten versicherungsfremde Leistungen entweder über Steuern finanziert werden, wenn sie allgemeinen gesellschaftlichen Zielen dienen oder wenn sie lediglich persönlichen Präferenzen entsprechen.
Maßstab für die Vergütung ärztlicher Leistungen muss die Qualität sein:
c Ärzte brauchen die Zeit und die Freiheit, sich adäquat um ihre Patienten kümmern zu können.
c Im ambulanten Bereich wird es darauf ankommen, guten Leistungen einen fairen Preis zuzuordnen. Die Fähigkeit und Bereitschaft, qualitativ hochwertige Leistungen für die Patienten zu erbringen, muss erhalten werden.
c Im Krankenhausbereich muss ärztliche Leistung angemessen bezahlt und zugleich muss die Arbeitszeit der Ärzte entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen auf ein gegenüber den Patienten verantwortbares Maß reduziert werden.
Die unsolidarische Entwicklung der Beiträge muss korrigiert werden. Daraus folgt:
c Die ausschließliche Anbindung der Kran­ken­ver­siche­rungsbeiträge an die Lohneinkommen ist nicht mehr gerecht. Die Einbeziehung anderer Einkommensarten ist dringend geboten.
c Die starre Ausrichtung der Ausgaben an den Einnahmen berücksichtigen weder den medizinischen Fortschritt noch den Bedarf der Versicherten. Wie weit der Versicherungsschutz gehen soll, muss vom Gesetzgeber neu definiert werden, die Versicherten sollten mitbestimmen, wie weit die Versicherungsleistungen das medizinisch Notwendige übersteigen können.
Solidarität, Subsidiarität und Eigenverantwortung müssen neu austariert werden!
Grundsätzlich erscheint eine Diskussion über den Leistungskatalog und Leistungsumfang der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung dringend notwendig. Schließlich muss der Gesetzgeber entscheiden. Denn es ist wenig produktiv, solche Fragen der Solidargemeinschaft allein durch die Rechtsprechung entscheiden zu lassen. Das Maß an gemeinsamer Verantwortung muss gemeinsam bestimmt werden. Dabei muss das Prinzip der Solidarität beachtet werden.
Solidarität bedeutet: einen Beitrag nach Leistungsfähigkeit zu geben und die Gemeinschaft nur nach Bedarf zu belasten.
Wir haben die Hoffnung, dass der nunmehr einberufene „Runde Tisch“ zu einem Neubeginn führen wird. Die Ärzte sind zur Zusammenarbeit bereit! N
Freiberuflichkeit der
Ärzte – Übergriffe der staatlichen Sozialpolitik
Die Freiberuflichkeit der Ärzte muss vehement gegen die permanenten Übergriffe der staatlichen Sozialpolitik verteidigt werden. !
Das Bundessozialgericht (BSG) entschied am 14. 3. 2001 in Kassel über eine Klage der KV Nordrhein. Demnach können Vertragsärzte verpflichtet werden, indizierte EBM-Leistungen zu erbringen, auch wenn diese Kassenleistungen betriebswirtschaftlich nicht kostendeckend erbracht werden können.
Darüber hinaus müssten Vertragsärzte alle
Kernleistungen ihres Fachgebietes allen Patien-
ten anbieten, auch wenn diese Leistungen zu Tei-
len betriebswirtschaftlich nicht kostendeckend sind.
Im Zielkonflikt von Berufsrecht und Sozialrecht betont der Deutsche Ärztetag nochmals die Vorrangigkeit des ärztlichen Berufsrechts.
Die Lan­des­ärz­te­kam­mern zeichnen verantwortlich für die hohe Qualität der Ärzte. Im Gegenzug muss für diese hohe Qualifikation auch eine gebührende Honorierung gefordert werden. N
Mehr Bürokratie als Medizin
In Klinik und Praxis wird mit steigender Tendenz mehr Zeit für die Bürokratie als für die Patienten aufgewendet. Davon wird niemand gesund.
Deshalb fordern wir eine energische Entbürokratisierung des Gesundheitswesens.
Bundes­ärzte­kammer und KBV werden gebe-
ten, hierzu Zahlen zu erarbeiten und zu thematisieren. N
Entbürokratisierung
der ärztlichen Tätigkeit
Unter dem Motto. „Ärzte zurück zum Patienten“ fordern wir den Deutschen Bundestag auf, für eine Entbürokratisierung des ärztlichen Berufes zu sorgen. Die Ärzte sollten wieder mehr Zeit am Patientenbett verbringen dürfen als mit der Dokumentation ihrer Arbeit. N
Konflikte bei ärztlichen Entscheidungen – am Beispiel der Präimplantationsdiagnostik
Durch die rasante Entwicklung im Bereich der Fortpflanzungsmedizin in den vergangenen Jahren ist es möglich geworden, einen Embryo außerhalb
des Mutterleibs zu zeugen und bereits in den er-
sten Tagen nach der Befruchtung auf bestimmte genetische Belastungen oder Chromosomenstörungen zu untersuchen. Das Ergebnis dieser Präimplantationsdiagnostik (PID) ermöglicht den Eltern die Entscheidung, ob der Embryo implantiert werden soll.
Das Embryonenschutzgesetz (ESchG) von 1990 regelt den Umgang mit Gameten, befruchteten Eizellen und Embryonen im Zeitraum bis zur Einnistung des Embryos in den Uterus. Vom Beginn des menschlichen Lebens an soll der Lebensschutz gewährleistet werden. Als Beginn wird nach § 8 Abs. 1 ESchG der Abschluss der Befruchtung der Eizelle, d. h. also die Kernverschmelzung in der befruchteten Eizelle mit der Entstehung eines neuen, individuellen Genoms angesehen.
Juristisch ungeklärt ist bisher, inwieweit die PID mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar ist.
1. Mit der Veröffentlichung des „Diskussionsentwurfs zu einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik“ im Februar 2000 hat die Ärzteschaft die öffentliche Diskussion angestoßen und das Problembewusstsein geschärft.
Die Ärzteschaft hat keine Entscheidung getroffen, sondern für den Fall einer Zulassung die engstmögliche Zulässigkeit der ärztlichen Durchführung für PID beschrieben und einen möglichen Verfahrensweg aufgezeigt.
2. Es ist Aufgabe der Ärzteschaft, in dem gesellschaftlichen Diskurs auf ethische Probleme hinzuweisen, vor denen Ärzte mit ihren Patientinnen und Patienten stehen:
Die in der Reproduktionsmedizin tätigen Ärzte stehen in der Situation, einerseits mit PID in Verbindung mit einer IvF über Methoden zu verfügen, die Paaren mit monogenetischen Erkrankungen zu einem nicht betroffenen Kind verhelfen könnten, andererseits mit der gesellschaftlich anerkannten Anwendung von Pränataler Diagnostik (PND) der Frau eine „Schwangerschaft auf Probe“ und gegebenenfalls eine Abtreibung, den Verzicht auf Kinder, eine heterologe Befruchtung mit Spendersamen oder eine Adoption zuzumuten.
In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, die offenen Fragen zu klären:
c Wie wird im Rahmen einer IvF-Behandlung mit Embryonen verfahren, die sichtlich erkennbare Zellveränderungen haben?
c Wie lässt sich gewährleisten, dass der Embryo nur auf die genetischen Belastungen oder Chromosomenstörungen der Eltern untersucht wird?
c Ist auszuschließen, dass die Entnahme einer Zelle zur Diagnostik keine Schädigung des „Rest“-Embryos zur Folge hat?
c Darf ein künstlich gezeugter Embryo im Reagenzglas nicht untersucht werden, während ein Embryo ím Mutterleib jederzeit untersucht werden darf?
c Lässt sich die Möglichkeit eines Spätschwangerschaftsabbruchs nach Pränataldiagnostik mit einem Verbot der PID widerspruchsfrei vereinbaren?
3. Die Ärzteschaft appelliert dringend an den Gesetzgeber, eine Klärung der Rechtslage herbeizuführen und für den Fall einer Zulassung der PID weitere Kriterien für eine maximale Eingrenzbarkeit mitzugestalten.
Im europäischen Ausland ist die Diskussion um PID bereits Anfang der 90er-Jahre geführt worden mit dem Ergebnis, dass die PID in vielen Ländern „in Ausnahmefällen und mit strengen Indikationen“ zugelassen wurde. Mittlerweile sind weltweit 500 Kinder nach PID geboren. Um eine Ausweitung der Anwendung zu verhindern, wäre beispielsweise eine Beschränkung auf wenige Kompetenzzentren denkbar.
Bedingt durch die derzeit ungeklärte Rechtslage in Deutschland, sehen sich Ärzte häufig dazu gedrängt, Rat suchende Paare in dieser Konfliktsituation auf eine Behandlung im Ausland hinzuweisen und sich dadurch möglicherweise strafbar zu machen. Dies ist für die Ärzteschaft eine untragbare Situation.
4. Die Frage der Zulässigkeit der PID bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung.
Dabei bilden die normativen Maßstäbe der Verfassung den Rahmen des ethischen Diskurses. Hierzu gehören die Würde des Menschen, die Wahrung grundlegender Ansprüche und Rechte, aber auch die Widerspruchsfreiheit der Normen und die Verhältnismäßigkeit.
Mehrheitsentscheidungen im Vorstand der Bundes­ärzte­kammer oder auf dem Deutschen Ärztetag sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht zielführend, zumal ethische Konflikte nicht durch Abstimmung gelöst werden können.
5. Der Gesetzgeber allein ist legitimiert, darüber zu entscheiden, welche rechtlichen Grundlagen den Umgang mit diesen Konflikten bestimmen sollen. N
Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen
Die Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Forschung mit menschlichen Stammzellen vom Mai 2001 zielen auf eine Änderung des § 1 Embryonenschutzgesetz (EschG), um eine Herstellung und Verwendung humaner embryonaler Stammzellen auch in Deutschland zu ermöglichen.
Der Deutsche Ärztetag stellt fest, dass derzeit einer solchen Forderung einer Öffnung des ESchG nicht gefolgt werden kann.
Die Öffentlichkeit muss ergebnisoffen in den Dialog über die mit der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen verbundenen ethischen und rechtlichen Probleme eingebunden werden, um Möglichkeiten, aber auch Grenzen der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen zu erkennen. Auch der Import embryonaler Stammzellen ist ethisch nicht akzeptabel.
Der Deutsche Ärztetag stellt fest, dass die Forschung an embryonalen sowie an gewebespezifischen (adulten) Stammzellen in den letzten Jahren zu Fortschritten sowohl im Bereich der naturwissenschaftlichen als auch der medizinischen Erkenntnis geführt hat. Um die vielen offenen Fragen der zellulären Entwicklungsbiologie zu klären, sind aus wissenschaftlicher Sicht weitere intensive Forschungsanstrengungen notwendig. In diesem Zusammenhang sind die Wissenschaftler aufgefordert, die Öffentlichkeit sachlich und fundiert über die Grundlagen der Forschung mit embryonalen und adulten Stammzellen und eine mögliche Ausweitung auf humane embryonale Stammzellen zu informieren und die verschiedenen Quellen für menschliche Stammzellen (überzählige Embryonen, fetales Gewebe, adulte Stammzellen) zu benennen.
Der Deutsche Ärztetag fordert die Wissenschaftler auf, bei der Darstellung der zu erwartenden Forschungsergebnisse größtmögliche Sachlichkeit zu üben, da die Möglichkeiten einer Realisierung von therapeutischen Anwendungen wahrscheinlich noch in weiter Zukunft liegen. Patienten als auch Ärzten darf keine übertriebene Hoffnung auf eine baldige Anwendung gemacht werden.
Auch der Gesetzgeber wird seine zu treffende Entscheidung, ob eine Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen in Deutschland erlaubt werden soll, erst nach intensiver Beratung fällen. Insbesondere sollte der Enquete-Kommission Recht und Ethik der modernen Medizin“ sowie dem Nationalen Ethikrat die Möglichkeit gegeben werden, die Gesellschaft und die politischen Entscheidungsträger über die ethischen Fragen zu beraten, um eine sachgerechte Urteilsbildung vorzubereiten. N
Tötung auf Verlangen
kein Ausweg
Tötung auf Verlangen ist keine ärztliche Handlung – sie läuft dem ärztlichen Handlungsauftrag, Kranke zu heilen, Leiden zu lindern, Krankheiten zu verhüten und Sterben zu begleiten, entgegen.
Jede Patientin, jeder Patient, muss sich zu jeder Zeit sicher sein, das Ärztinnen und Ärzte konsequent für das Leben eintreten und weder wegen wirtschaftlicher, politischer noch anderer Gründe das Recht auf Leben zur Disposition stellen. Diese Sicherheit ist nur zu garantieren, wenn Ärztinnen und Ärzte das Töten von Patienten kategorisch ablehnen.
Die ärztliche Aufgabe in der Betreuung und Hilfe des todkranken Patienten liegt in der Sterbebegleitung. Leiden zu lindern und Angst zu nehmen, um damit ein selbstbestimmtes, würdevolles Lebensende zu ermöglichen, ist Inhalt des ärztlichen Auftrages.
Die deutsche Ärzteschaft befindet sich damit im Einklang mit den meisten Ärzten dieser Welt!
Der Weltärztebund hat in seiner Deklaration zur Euthanasie, angenommen von der 39. Generalversammlung des Weltärztebundes, Madrid 1987, schon festgestellt:
„Euthanasie, d. h. die absichtliche Herbeiführung des Todes eines Patienten, selbst auf dessen Wunsch oder auf Wunsch naher Angehöriger, ist unethisch. Der Arzt sollte jedoch das Verlangen eines Patienten nach einem natürlichen Sterben im Endstadium einer tödlichen Krankheit respektieren.“
Weiterhin stellte der Weltärztebund in seiner Erklärung über ärztliche Hilfe zum Selbstmord, angenommen von der 44. Generalversammlung des Weltärztebundes, Marbella, 1992 fest:
„Ärztliche Hilfe zum Selbstmord ist wie die Eu-
thanasie unethisch und muss von der Ärzteschaft verurteilt werden. Wenn die Hilfe des Arztes sich bewusst und absichtlich darauf richtet, einem Menschen zu ermöglichen, sein Leben selbst zu beenden, handelt der Arzt unethisch. Jedoch ist es ein Grundrecht des Patienten, die ärztliche Behandlung abzulehnen, und der Arzt handelt nicht unethisch, auch wenn die Achtung einer solchen Willensäußerung zum Tode des Patienten führt.“
In Reaktion auf die gesetzliche Regelung der Euthanasie durch Ärzte in den Niederlanden hat der Vorstand des Weltärztebundes im Mai 2001 seine feste Überzeugung bekräftigt,
c dass Euthanasie im Konflikt mit den ethischen Prinzipien der ärztlichen Berufsausübung steht, und
c fordert deswegen die nationalen Ärzteorganisationen und Ärzte eindringlich auf, sich an Eu-
thanasiemaßnahmen nicht zu beteiligen, auch wenn diese gesetzlich erlaubt oder straffrei sein sollten.
Der 104. Deutsche Ärztetag ruft die Ärzte im Lande auf, sich aktiv gegen jede Euthanasiebestrebungen einzusetzen.
Der 104. Deutsche Ärztetag bekräftigt die „Grundsätze der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“ von 1998 und fordert den weiteren Ausbau der Palliativmedizin und die Unterstützung der Hospizbewegung. N
Aktive Sterbebegleitung statt Töten auf Verlangen
Aktive Sterbehilfe ist das vorsätzliche Töten von Menschen. Das niederländische Euthanasiegesetz gibt Ärzten „das Recht zum Töten“. Dies steht im krassen Widerspruch zum ärztlichen Auftrag, das Leben zu schützen. Der ärztliche Beruf würde so ein anderer, der Arzt würde zum Vollstrecker werden.
Die Tötung auf Verlangen kann immer auf einer Fehleinschätzung beruhen. Sie ist aber unumkehrbar. Eine Chance zu einer geänderten Meinung gibt es danach nicht mehr. Es wird Kranke geben, die sogar von Ärzten oder Angehörigen überredet werden, ihren Tod zu verlangen.
Bereits die Möglichkeit zur Tötung auf Verlangen erzeugt Druck auf Kranke, sie auch fordern zu müssen. Sich töten zu lassen wird gesellschaftlich anerkannt und sogar gutgeheißen. Wer trotz seiner Krankheit weiterleben will, muss dies plötzlich besonders begründen. Der Wunsch, getötet zu werden, ist ansteckend.
Das Gesundheitswesen kostet viel Geld. Forderungen nach Kostendämpfung sind verbreitet. Es gibt schon Wissenschaftler, die von „Sterbekosten“ sprechen, wenn sie die Behandlung und Hilfe in der Zeit vor dem Tod meinen. Wenn Schwerstkranke schnell und kostengünstig sterben sollen, kommt eine makabere Kostenlogistik in Gang. Aktive Sterbehilfe bahnt den Weg für Willkür und Kostendruck auf unheilbar Kranke.
Das wichtigste Argument gegen aktive Sterbehilfe ist: Es geht auch anders! Auch das Sterben ist Teil des Lebens, und es ist möglich, dieses Stück Leben menschenwürdig zu leben. Dazu sind qualifizierte Schmerztherapie und bestmögliche Pflege, Nähe und Zuwendung nötig. Tötung auf Verlangen ist eine Scheinlösung. Sie verweigert die wirklich gebotene Hilfe.
Die ärztliche Aufgabe in der Betreuung und Hilfe für todkranke Patienten liegt in der aktiven Begleitung. Leiden zu lindern und Angst zu nehmen, um damit ein würdevolles Lebensende zu ermöglichen, ist Inhalt des ärztlichen Auftrages. N
Stärkung Palliativmedizin
und Hospizarbeit
Der 104. Deutsche Ärztetag bekräftigt, dass jede Form der aktiven Sterbehilfe mit dem ärztlichen Ethos nicht zu vereinbaren und gesellschaftlich nicht akzeptabel ist.
Forderungen nach Tötung auf Verlangen finden vor allem dadurch Nahrung, dass es Defizite bei der Betreuung und Begleitung Sterbender gibt.
Der 104. Deutsche Ärztetag setzt sich dafür ein, die Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung und Anwendung der Erkenntnisse der Palliativmedizin zu verbessern. Dazu zählen auch eine Intensivierung palliativmedizinischer Forschung und ein höherer Stellenwert der Palliativmedizin in der Ausbildung der Ärzte. Auch in der Ausbildung der Pflegeberufe muss die Palliativmedizin integriert werden.
Darüber hinaus ist die Einrichtung einer angemessenen Zahl von Lehrstühlen für Palliativmedizin sinnvoll.
Ebenso muss die Schmerztherapie weiter verbessert werden. Vernetzung von ambulanter und stationärer Versorgung muss gefördert und – wo bereits modellhaft erprobt – in die Regelversorgung übernommen werden.
Die für Krankenhausplanung zuständigen Ministerien in den Bundesländern werden aufgefordert, bei der Kapazitätsermittlung für die stationäre Versorgung der Bevölkerung die Notwendigkeit für palliativmedizinische Versorgung einzubeziehen.
Der 104. Deutsche Ärztetag weist darauf hin, dass mehr als die Hälfte aller in Deutschland Sterbenden in Krankenhäusern stirbt. Sterbende haben das Recht auf menschenwürdige Bedingungen.
Bei neuen Vergütungssystemen (DRGs) ist darauf zu achten, dass personale Sterbebegleitung nur durch Schwestern, Pfleger und Ärzte sichergestellt werden kann, die für diese Aufgabe auch Zeit haben. Der damit verbundene Aufwand muss ein legitimer Bestandteil der Fallpauschalen werden.
Über die Verbesserung der palliativmedizinischen Versorgung im Krankenhaus hinaus ist auch die weitere Förderung und finanzielle Sicherstellung ambulanter und stationärer Hospizarbeit erforderlich. Dies gilt umso mehr angesichts der soziostrukturellen Entwicklung in Deutschland mit über 50 Prozent Single-Haushalten in Großstädten.
Der 104. Deutsche Ärztetag spricht sich dafür aus, auch in der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung palliativmedizinische Inhalte zu berücksichtigen und so zur Verbesserung ärztlicher Kompetenz bei der Begleitung Sterbender beizutragen.
Der Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden ist ein Gradmesser dafür, wie human eine Gesellschaft ist!
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