ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2001Anhörung im Bundestag zu anonymen Geburten: Ethische Konflikte schwerer lösbar als Rechtsprobleme

POLITIK

Anhörung im Bundestag zu anonymen Geburten: Ethische Konflikte schwerer lösbar als Rechtsprobleme

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1521 / B-1293 / C-1212

Rieser, Sabine

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LNSLNS In Deutschland gibt es inzwischen zahlreiche Einrichtungen, deren Mitarbeiter Frauen bei einer anonymen Geburt helfen.
Sie arbeiten jedoch in einer rechtlichen Grauzone.

Sie nennen sich Babykörbchen, Projekt Findelbaby oder Lebenspforte – jene rund 20 unterschiedlichen Initiativen von Hamburg bis Augsburg, die es Müttern in Not ermöglichen wollen, anonym zu gebären oder ihr Neugeborenes anonym abzugeben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben so genannte Babyklappen eingerichtet oder nehmen das Kind an einem Treffpunkt in Empfang. Sie beraten Schwangere, die anrufen, vermitteln Klinikplätze, stellen Kontakte her zu Privatpersonen und Einrichtungen, die werdende oder frisch gebackene Mütter für begrenzte Zeit aufnehmen und deren Anonymität wahren.
In der vergangenen Woche befassten sich gleich drei Ausschüsse des Deutschen Bundestags mit dem Thema. Die CDU/CSU-Fraktion hat vor kurzem einen Gesetzentwurf zur Änderung des Personenstandsgesetzes vorgelegt. Derzeit müssen alle Geburten angezeigt werden, weshalb im Grunde alle Babyklappen in einer rechtlichen Grauzone arbeiten. Die Union schlägt vor, die Meldefrist bis zu zehn Wochen nach der Geburt auszusetzen, falls die Mutter sich einer geeigneten Schwangerenberatungsstelle anvertraut und nach einer Lösung ihres Konflikts sucht.
So unterschiedlich die Meinungen der eingeladenen Sachverständigen zur Möglichkeit der anonymen Geburt waren – der Ansatz der Union erschien den meisten unzureichend. Prof. Dr. jur. Reinhard Hepting, Mainz, kritisierte, dass er keine wesentliche Verbesserung bedeute und es der Mutter nicht ermögliche, ihre Anonymität dauerhaft zu wahren. Als wenig hilfreich wurde auch die vorgeschriebene Beratung angesehen. „Beratung ist ein Kind der Freiheit“, betonte Christoph Pompe, stellvertretender Vorsitzender der Evangelischen Konferenz für Familien- und Lebensberatung. Ähnlich argumentierte Dr. Jürgen Moysich, Hamburg, von SterniPark – Projekt Findelkind: Die Frauen brauchten eine anonyme Beratung vor, während und nach der Geburt. Nur so könnten anonyme Geburt und Babyklappen sinnvolle Einrichtungen werden.
Grundsätzlich ablehnend stehen Wissenschaftlerinnen und Vertreterinnen der Organisationen einer Gesetzesänderung gegenüber, die langjährige Erfahrungen mit Adoptivkindern und -el-tern sowie abgebenden Müttern gesammelt haben. „Beschließen Sie keine Gesetze, die Halbwahrheiten und Familienlügen sanktionieren“, appellierte Ines Kurek-Bender, Vorsitzende des Bundesverbandes der Pflege- und Adoptivfamilien, an die Abgeordneten. Pompe ergänzte, aus psychotherapeutischer Sicht sei es für einen Menschen wichtig, dass er eine rekonstruierbare Herkunftsgeschichte habe.
Am schärfsten argumentierte die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Swientek, Hannover, gegen Babyklappen und anonyme Geburt. Sie unterstellte, dass beides derzeit so stark befürwortet werde, weil der Druck des „Adoptionsmarktes“ groß sei. Durch eine Zunahme anonymer Adoptionen schaffe man aber Zustände wie in Dritte-Welt-Ländern, die problematisch für adoptierte Kinder seien. Ihren eigenen Studien zufolge wünschen sich nämlich 70 bis 85 Prozent aller Adoptierten später Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie, ebenso 90 Prozent der abgebenden Mütter zum Kind. Swientek regte an, das Jugendhilfegesetz zu verbessern.
Anders argumentierte Dr. med. Ralf Ackermann, Ärztlicher Direktor einer Flensburger Frauenklinik: „Frauen müssen das Recht haben, in Kliniken anonym zu gebären.“ In Deutschland würden zehn bis 30 Prozent der Geburten operativ beendet. Eine Schwangerschaft und Geburt ohne Betreuung sei ein Risiko für Mutter und Kind. Konflikte zwischen dem Recht auf Leben und dem Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung leugnete er nicht, meinte jedoch: „Erst muss ein Kind auf die Welt kommen, dann kann es fragen, wer seine Eltern sind.“
Einige Sachverständige verwiesen auf die Erfahrungen in Frankreich. Dort ist die anonyme Geburt seit langem möglich, jedoch rückläufig. 1990 seien 780 Kinder anonym zur Welt gekommen, 1999 noch 560, berichtete Hepting. Derzeit werde das Verfahren jedoch modifiziert: Eine Zentralstelle für anonyme Geburten stellt der Mutter eine Beraterin zur Verfügung. Ihr gegenüber kann sie Angaben oder Gegenstände hinterlegen, um ihr Kind später zu informieren. Möchte die Mutter dies nicht, soll die Beraterin zumindest allgemeine Informationen zusammentragen, die dem Kind später einen gewissen Einblick in seine Herkunft gewähren. Sabine Rieser


Im Hamburger Stadtteil Altona wurde im vergangenen Jahr von der Organisation „SterniPark“ die erste so genannte Babyklappe in Deutschland vorgestellt.
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