ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2001Umweltschutz: Aus für das „dreckige Dutzend“

POLITIK

Umweltschutz: Aus für das „dreckige Dutzend“

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1524 / B-1296 / C-1213

Bühring, Petra

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LNSLNS 110 Staaten unterzeichneten in Stockholm die Konvention zum Verbot persistenter organischer Schadstoffe.

Erstmalig hat die Weltgemeinschaft ein konsequentes Verbot dieser hochgiftigen Chemikalien durchgezogen“, kommentiert Greenpeace-Mitarbeiter Andreas Bernsstorff die Konvention über ein weltweites Verbot von zwölf schwer abbaubaren organischen Schadstoffen (Persistant Organic Pollutants, kurz POPs). 110 Staaten, darunter Deutschland, unterzeichneten am 23. Mai in Stockholm die Konvention. Auf den Text hatten sich 122 Länder unter der Leitung von UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, in zweijährigen Verhandlungen geeinigt. Rechtsverbindlich in Kraft tritt die Konvention jedoch erst, wenn sie von mindestens 50 Teilnehmerstaaten ratifiziert worden ist. Damit ist voraussichtlich in drei bis vier Jahren zu rechnen.
Zu dem als „dreckigen Dutzend“ bekannten toxischen Chemikalien gehören acht Pestizide (Aldrin, Chlordan, DDT, Dieldrin, Endrin, Heptachlor, Mirex und Toxaphen), zwei Industriechemikalien (Hexachlorbenzol, PCB) sowie Dioxine und Furane (Tabelle). Den POPs gemeinsam ist ihre Persistenz, das heißt, sie werden nicht oder nur sehr langsam abgebaut. Sie sind hoch toxisch, bioakkumulierbar und bleiben nicht dort, wo sie in die Umwelt entlassen worden sind. Durch wiederholtes Verdunsten und Kondensieren wandern die Stoffe mit den Luftströmungen in Richtung der kalten Erdpole und reichern sich dort in der Nahrungskette an. Beispielsweise befinden sich in der Muttermilch der Inuit-Frauen gesundheitsgefährdende Mengen von POPs, obwohl das in der Nordpolarzone lebende Volk die Stoffe nie produziert oder angewendet hat.
Einige Stoffe gelten als Tumorpromotoren, sind für Reproduktionsstörungen und Immuntoxizität verantwortlich.
Die Stockholm-Konvention ist vor allem für Entwicklungsländer bedeutsam, in denen die Chemikalien häufig noch als Pestizide oder Holzschutzmittel eingesetzt werden. Innerhalb der EU sind die Pestizide unter den POPs bereits seit 20 Jahren verboten; für PCBs und Dioxine gelten hohe Grenzwerte. Allerdings werden sie in den Industrieländern produziert und in Entwicklungsländer verkauft. Auch die Produktion und der Export soll künftig untersagt werden.
Ausnahmeregelungen lässt die Konvention zu für das Insektizid DDT, das zur Vektorkontrolle eingesetzt wird. Bislang gibt es keine effektivere und kostengünstigere Alternative zum Schutz vor Malaria. Im Agrarsektor wird der Einsatz jedoch verboten.
Entsorgt werden müssen weltweit rund 500 000 Tonnen Pestizid-Altlasten meist in Ländern der Dritten Welt sowie Mittel- und Osteuropas. Greenpeace fordert von den Pestizid-Herstellern einen „Aktionsplan zur zügigen Beseitigung des Problems“. An den Rückholaktionen der Altlasten habe sich die Industrie bisher finanziell kaum beteiligt. Das müsse sich ändern. Schließlich verdienten sie viel Geld damit: Der jährliche Umsatz belaufe sich auf rund 30 Milliarden Dollar.
Schwedens Premierminister Göran Persson forderte, das Verbot auf weitere Giftstoffe auszuweiten. Als weitere „heiße Kandiaten“ gelten nach Informationen des Umweltbundesamtes Lindan, Chlordecon, Hexabrombiphenyl sowie polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe. Petra Bühring


´Tabelle
Verbotene oder regulierte Chemikalien der Stockholm-Konvention
Substanzen Ausnahmeregelung(en) Auslaufdatum bzw.
für Herstellung für Gebrauch Anforderungen
Anhang A: Verbote
Aldrin keine lokales Ektoparasizid: Insektizid zu bestimmen
Chlordan gemäß Register lokales Ektoparasizid: Insektizid; zu bestimmen
Termitizid in Gebäuden, Dämmen
und Straßen; Additiv in Furnierholz
Dieldrin keine für landwirtschaftliche Zwecke zu bestimmen
Endrin keine keine zu bestimmen
Heptachlor keine Termitizid in Gebäuden und zur zu bestimmen
unterirdischen Behandlung von Holz
und in Kabelschächten
Hexachlorbenzol gemäß Register Termitizid zu bestimmen
Mirex gemäß Register Termitizid zu bestimmen
Toxaphen keine keine
Polychlorierte keine Produkte in Gebrauch Bis 2025: Güter und Geräte, die PCBs über
Biphenyle 0,005% und Volumen über 0,05 Litern sollen identifiziert, gekennzeichnet und ausgetauscht werden; bis 2028: PCB-haltige Flüssigkeiten und kontaminierte Geräte
Anhang B: Beschränkung
DDT Malariabekämpfung gemäß gemäß Evaluation; Registrierungs-
WHO-Richtlinien; Zwischenprodukt und Notifizierungspflicht; Erstellung
bei der Herstellung von Dicofol von Aktionsplänen zu Alternativen
Anhang C: Nebenprodukte
Polychlorierte Dibenzo- ausgenommen je nach Emissionsquelle BAT bzw. BEP*
p-Dioxine und -Furane
Hexachlorbenzol ausgenommen je nach Emissionsquelle BAT bzw. BEP*
Polychlorierte Biphenyle ausgenommen je nach Emissionsquelle BAT bzw. BEP*
* (BAT = best available techniques. BEP = best environmental practices) – Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
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