ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2001Verzahnung ambulant/stationär: Konsiliararztmodell bietet Vorteile

THEMEN DER ZEIT

Verzahnung ambulant/stationär: Konsiliararztmodell bietet Vorteile

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1532 / B-1304 / C-1220

Volz, Joachim

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ein Modellprojekt an der Universitätsfrauenklinik Mannheim führt zu Einsparungen und Qualitätsverbesserungen.

Die immer noch bestehende weitgehende Trennung zwischen ambulanter und stationärer gesundheitlicher Versorgung ist wegen der ihr immanenten Schwächen Gegenstand der aktuellen politischen Diskussion. Sektorenübergreifende Einsparpotenziale können nicht genutzt werden, und durch Informationsverlust, Doppeluntersuchungen, unkoordinierte Behandlungsabläufe und mangelnde Qualitätskontrolle entstehen erhebliche Mehrkosten für das Gesundheitssystem. An der Universitäts-Frauenklinik Mannheim wurde ein Modell entwickelt, mit dem sich Einsparungen und Qualitätsverbesserungen an den Schnittstellen erzielen lassen.
Kernstück des Modells ist ein Konsiliararztvertrag zwischen den beiden Vertragspartnern niedergelassener Kollege und Geschäftsführer der Universitätsklinikum Mannheim gGmbH und einem koordinierenden Oberarzt aus der Frauenklinik. Der Vertrag ermöglicht es dem niedergelassenen Arzt, als Konsiliararzt tätig zu werden. Patienten, die er aus seinem Praxisbereich der Klinik zuweist, können von ihm persönlich – jedoch nicht ausschließlich von ihm – betreut werden. Die Betreuung kann die operative, postoperative und konservative Behandlung oder Assistenz bei einer Behandlung sowie die Leitung von Entbindungen umfassen. Dabei ist der Konsiliararzt in seiner ärztlichen Tätigkeit weisungsfrei und insoweit ausschließlich den Regeln der ärztlichen Kunst sowie den für die Berufsausübung geltenden Gesetzen unterworfen. Er ist nicht Arbeitnehmer des Universitätsklinikums. Dieses stellt dem Konsiliararzt die zur Erbringung der konsiliarärztlichen Leistungen erforderlichen Räumlichkeiten sowie Untersuchungs- und Behandlungsgeräte zur Verfügung, des Weiteren die erforderliche personelle Unterstützung zur Erbringung der konsiliarärztlichen Leistungen. Dabei beinhaltet der Begriff „personelle Unterstützung“ ein Ausbildungskonzept, das eine hohe Qualität der ärztlichen Leistung garantieren soll. Der Inhalt und Umfang der im jeweiligen Einzelfall vom Konsiliararzt zu erbringenden konsiliarärztlichen Leistungen wird – nach gemeinsamer Festlegung des Procedere – auf einem Konsiliarschein durch den koordinierenden Oberarzt schriftlich festgelegt.
Das Universitätsklinikum vergütet an den Konsiliararzt die in Wahrnehmung dieses Vertrages erbrachten konsiliarärztlichen Leistungen auf Basis von Pauschalbeträgen. Für die Inanspruchnahme der Räumlichkeiten, Untersuchungs- und Behandlungsgeräte sowie des zur Ausübung der konsiliarärztlichen Tätigkeit hinzugezogenen Klinikpersonals wird keine Kostenerstattung gegenüber dem Konsiliararzt in Rechnung gestellt.
Das Universitätsklinikum hat für alle ärztlichen Tätigkeiten im dienstlichen Aufgabenbereich (also einschließlich der stationären Behandlung von Patienten mit der Wahlleistung „Arzt“) eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Diese Versicherung deckt die sich aus dem Aufnahme- oder Behandlungsvertrag ergebende gesetzliche Haftpflicht des Krankenhauses und des Konsiliararztes unter Einschluss der persönlichen Haftpflicht der Ärzte für stationäre und ambulante Behandlung unbeschränkt ab.
Die Aufgabe des koordinierenden Oberarztes ist es, die Klinik auf dieses Modell auszurichten. In Absprache mit den Konsiliarärzten sorgt er dafür, dass die Entscheidung darüber, ob und wann ein Patient in die Klinik aufgenommen wird und welche Therapie von wem durchgeführt wird, einvernehmlich getroffen wird. Problemfälle, auch solche, die primär nicht stationär behandelt werden sollen, können ihm in einer besonders hierfür eingerichteten Sprechstunde vorgestellt werden. Der niedergelassene Arzt kann so nicht nur seine Diagnose überprüfen lassen, sondern auch seine Patienten durch dieses professionelle und kritikfähige Verhalten von sich überzeugen.
Die bisher in Deutschland praktizierte Trennung zwischen ambulantem und stationärem Bereich kann sowohl für Patienten als auch für Vertragsärzte, Kliniken und Krankenkassen nachteilig sein. Für die Patienten ergeben sich oft unnötige Mehrbelastungen. Durch unterschiedliche medizinische Auffassungen und unkoordinierte Behandlungsstrategien kann die vom Patienten gewünschte und durch den einweisenden Kollegen vermittelte Behandlungsintention sogar verfehlt werden.
Die Tätigkeit eines niedergelassenen Arztes wird durch diese Trennung entscheidend geprägt. War er während seiner Weiterbildung noch eingebunden in ein kommunikatives System, so arbeitet er in der Praxis in der Regel als Einzelkämpfer oder zumindest in einem recht begrenzten Umfeld. Neben der Wirtschaftlichkeit seiner Praxis zeichnet er nun selbst verantwortlich für seine Fortbildung und für die Qualität und Qualitätskontrolle seiner Arbeit. Eine enge Verzahnung des ambulanten und stationären Bereichs gibt es beim Belegarztsystem. Dabei findet jedoch Fortbildung und Qualitätskontrolle nur nach Maßgabe des einzelnen Belegarztes statt. Insbesondere gibt es keine zweite Meinung über die Indikation zu einem operativen Eingriff oder einer stationären Einweisung. Eine Kommunikation mit Fachkollegen ist nicht institutionalisiert, was zu einer mangelnden Qualität der Patientenversorgung führen kann.
Im Krankenhaus herrscht aufgrund des enormen Kostendruckes ein großes Interesse daran, alles für einen reibungslosen Kranken­haus­auf­enthalt zu tun. Nicht übermittelte Untersuchungsbefunde werden daher eher neu erstellt, als dass man auf deren zeitintensive Übermittlung wartet; auf nicht übermitteltes Hintergrundwissen wird eher verzichtet als mühevoll nachgeforscht. Die Einschaltung des Krankenhauses in den poststationären Verlauf eines Patienten ist überhaupt nicht institutionalisiert. Das in Mannheim erarbeitete und seit mehr als zwei Jahren erprobte Konsiliararztmodell vermag einige dieser Schwachstellen zu beseitigen.
Für den Patienten bietet das Modell den Vorteil, dass seine Betreuung von einem gut informierten, hoch qualifizierten Team mit einem Arzt, der ihm bekannt ist, übernommen wird. Das Umfeld einer großen Klinik bietet ihm höchstmögliche Sicherheit. Doppeluntersuchungen, Mehrfacheingriffe oder unnötige Interventionen werden vermieden, da dem Team nicht nur frühere Befundergebnisse vorliegen, sondern auch deren Zuverlässigkeit bekannt ist. Der wesentliche Vorteil für den Patienten besteht jedoch darin, dass seine Behandlungsintention, die zunächst nur im Gespräch mit dem Arzt seines Vertrauens formuliert wurde, korrekt weitergegeben wird und damit eine individuell abgestimmte Therapie ermöglicht wird. Der Konsiliararzt profitiert in vielfacher Hinsicht. Kommunikation mit Fachkollegen, permanente Fortbildung und die neue Vielfältigkeit der Arbeit führen zu einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität und Freude an der Arbeit. In kritischen Fällen kann auf die klinische Hochleistungsmedizin zurückgegriffen werden. Auch wertet ihn die Verbindung zu einer großen Klinik in den Augen seiner Patienten auf. Finanziell kommt es zu keinen Einbußen, da eventuelle Ausfälle in der Praxis durch die Konsiliararzterlöse kompensiert werden. Die hohen Versicherungsbeiträge entfallen.
Die Vorteile der Klinik liegen auf der Hand. Durch die Anbindung von Kollegen steigen die Fallzahlen; eine effektivere Nutzung von Ressourcen wird möglich. Unnötige Untersuchungen entfallen. Die Patienten fühlen sich optimal betreut und tragen zum positiven Image der Klinik bei. Infolge der poststationären Versorgung durch den Konsiliararzt werden Liegezeiten verkürzt und ambulante Eingriffe vermehrt angeboten.
Die Krankenkassen müssten aufgrund der Vorteile ein großes Interesse an diesem Modell zeigen. Der Wegfall unnötiger Leistungen führt zu Kosteneinsparungen. Ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand entsteht nicht. Wichtiger ist jedoch, dass durch die Zusammenarbeit zweier sonst getrennt agierender Gruppen eine hohe Qualität und eine Qualitätskontrolle institutionalisiert wird. Durch die Vielzahl der beteiligten Kollegen mit teilweise divergierenden Interessen wird die Gefahr nicht indizierter Eingriffe, unkorrekter Diagnosen oder Therapien und poststationärer Komplikationen reduziert. Die Intensivierung der Kommunikation führt zu einer positiven Änderung des Verhaltens. Verlierer sind all diejenigen, die bisher von überflüssigen Leistungen profitiert haben.

Anschrift für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Joachim Volz
Geschäftsführender Oberarzt der
Universitäts-Frauenklinik
Theodor-Kutzer-Ufer 1, 68167 Mannheim
E-Mail: joachim.volz@gyn.ma.uni-heidelberg.de

*Herrn Prof. Dr. med. Frank Melchert zum 60. Geburtstag gewidmet

Der Patient profitiert von der verbesserten Kommunikation zwischen Klinikärzten und niedergelassenen Ärzten.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema