ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2001Altersschätzung Jugendlicher im Strafverfahren: Empfehlungen für die Begutachtung

THEMEN DER ZEIT

Altersschätzung Jugendlicher im Strafverfahren: Empfehlungen für die Begutachtung

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1535 / B-1308 / C-1223

Geserick, Gunther; Schmeling, Andreas

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LNSLNS Das bislang unterschiedliche Vorgehen von Gutachtern soll harmonisiert werden.

Aufgrund zunehmender grenzüberschreitender Migrationsbewegungen leben in zahlreichen europäischen Ländern immer mehr Ausländer, bei denen das Geburtsdatum nicht zweifelsfrei dokumentiert ist. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass Altersschätzungen bei Lebenden im Strafverfahren zu einem festen Bestandteil der forensischen Praxis geworden sind (Geserick und Schmeling, 2000).
Im Rahmen des „X. Lübecker Gesprächs deutscher Rechtsmediziner“ Ende 1999 wurde vorgeschlagen, eine Arbeitsgemeinschaft aus Rechtsmedizinern, Zahnärzten, Radiologen und Anthropologen zu gründen, die Empfehlungen für die Gutachtenerstattung entwickelt, um das bislang recht unterschiedliche Vorgehen zu harmonisieren und eine Qualitätssicherung der Gutachten zu erreichen. Die interdisziplinäre „Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik“ (www.charite.de/rechtsmedizin/agfad/index.htm) konstituierte sich im März 2000 in Berlin. Ihre Empfehlungen gelten für Altersschätzungen im Strafrecht zur Feststellung der Strafmündigkeit und zur Frage der Anwendbarkeit des Jugendstrafrechts bei Beschuldigten mit zweifelhaften Altersangaben. Alle angeführten juristischen Bezüge werden vorerst nur für Deutschland dargestellt.
Juristischer Hintergrund
Die für die Strafmündigkeit relevante Altersgrenze ist das 14. Lebensjahr (§ 19 Strafgesetzbuch). Es gilt als unwiderlegbare Vermutung, dass ein Kind unter 14 Jahren generell schuldunfähig und damit strafunmündig ist, also in jedem Fall – trotz Erfüllung eines Straftatbestands – straflos bleibt. Für die Frage der Anwendbarkeit von Erwachsenen- beziehungsweise Jugendstrafrecht sind die Altersgrenzen 18 und 21 Jahre bedeutsam. Nach § 1 Jugendgerichtsgesetz gilt als Jugendlicher, wer zur Zeit der Tat 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist, als Heranwachsender, wer zur Zeit der Tat 18, aber noch nicht 21 Jahre alt ist. Bei Jugendlichen ist Jugendstrafrecht anzuwenden. Bei Heranwachsenden muss festgestellt werden, ob die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Täters ergibt, dass der Betroffene nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand – und damit Jugendstrafrecht gilt –, oder ob das allgemeine „Erwachsenen“-Strafrecht anzuwenden ist (Kaatsch, 2000).
Untersuchungsmethoden
Die wissenschaftliche Grundlage von Altersdiagnosen ist die genetische Kontrolle der Ontogenie, wodurch die zeitliche Variabilität von Entwicklungsstadien begrenzt ist (Knussmann 1996, Pelsmaekers et al., 1997). So decken sich die Wachstumskurven eineiiger Zwillinge sehr weitgehend. Beachtet man ethische und arztrechtliche Aspekte, dann sind von den verfügbaren Untersuchungsmethoden (Übersicht bei Flügel et al., 1986, Koenig, 1992, Liversidge et al., 1998, Ritz u. Kaatsch, 1996) im Hinblick auf die Abgrenzung von Jugendlichen nur wenige für eine forensische Anwendung bei Lebenden brauchbar. Zur Untersuchung sollten gehören:
– die körperliche Untersuchung mit Erfassung anthropometrischer Maße (Körperhöhe und -gewicht, Körperbautyp), der sexuellen Reifezeichen sowie möglicher altersrelevanter Entwicklungsstörungen,
– die Röntgenuntersuchung der linken Hand,
– die zahnärztliche Untersuchung mit Erhebung des Zahnstatus und der Röntgenaufnahme des Gebisses.
Um die Aussagesicherheit zu erhöhen und altersrelevante Entwicklungsstörungen zu erkennen, sollten alle genannten Methoden eingesetzt werden. Ist die Vollendung des 21. Lebensjahres zu beurteilen, kommt eine zusätzliche Röntgen- beziehungsweise CT-Untersuchung der Schlüsselbeine in Betracht (Kreitner und andere, 1998). Weitere radiologische Untersuchungen zur Bestimmung der individuellen Reifung sollten nur angewandt werden, wenn die Aufnahmen bereits vorliegen (Jung, 2000, Schmeling et al., 2000b).
Referenzstudien
Die für forensische Altersdiagnosen verwendeten Referenzstudien sollten folgenden Anforderungen genügen:
– adäquate Stichprobengröße, unter Berücksichtigung der Zahl der erfassten Altersklassen und Bevölkerungsgruppen,
– gesicherte Altersangaben der Probanden,
– gleichmäßige Altersverteilung,
– Geschlechtertrennung,
– Angabe des Untersuchungszeitpunkts,
– klare Definition der untersuchten Merkmale,
– genaue Beschreibung der Methodik,
– Angaben zur Referenzpopulation hinsichtlich genetisch-geographischer Herkunft, zu sozioökonomischem Status, Gesundheitszustand,
– Angabe von Gruppengröße, Mittelwert und einem Streuungsmaß für jedes untersuchte Merkmal.
Verwiesen wird auf die Arbeiten von Greulich und Pyle (1959), Tanner et al. (1975), Thiemann und Nitz (1991), Kahl und Schwarze (1988), Köhler et al. (1994), Mineer et al. (1993).
Vor der Übernahme eines Untersuchungsauftrags ist zu prüfen, ob die im Einzelfall zu beurteilende Fragestellung mit wissenschaftlich begründeten Methoden mit ausreichender Sicherheit geklärt werden kann. Die vorzunehmenden Untersuchungen müssen durch einen richterlichen Beschluss auf der Grundlage des § 81a Strafprozessordnung legitimiert sein.
Die zu Untersuchenden sind über Inhalt und Zweck der Untersuchungen zu informieren. Der Auftraggeber muss darauf hingewiesen werden, dass dafür ein Dolmetscher erforderlich sein kann. Jede Teiluntersuchung sollte einem Spezialisten obliegen, der über einschlägige Erfahrung in der Begutachtung verfügt und sich regelmäßig einer Qualitätskontrolle durch Ringversuche unterzieht. Auf der Grundlage der einzelnen Gutachten ist eine zusammenfassende Beurteilung durch den koordinierenden Gutachter zu treffen.
Forensische Kernaussage des Gutachtens ist je nach Untersuchungsauftrag die Angabe des wahrscheinlichsten Alters des Betroffenen und/oder der Wahrscheinlichkeit, dass das vom Betroffenen angegebene Alter tatsächlich zutrifft beziehungsweise die jeweils strafrechtlich relevante Altersgrenze überschritten ist. Die für die Altersdiagnose verwendeten Referenzstudien sind im Gutachten aufzuführen. Für jedes untersuchte Merkmal ist neben dem wahrscheinlichsten Alter das Streuungsmaß der Referenzpopulation anzugeben (Rösing, 2000).
Mit der Anwendung der Referenzstudien auf die zu untersuchende Person sind altersrelevante Variationsmöglichkeiten verbunden. Dazu zählen
abweichende genetisch-geographische Herkunft, abweichender sozioökonomischer Status und damit möglicherweise anderer Akzelerationsstand (zum Einfluss des sozioökonomischen Status und der ethnischen Zugehörigkeit auf die Skelettreifung siehe Schmeling et al., 2000a), entwicklungsbeeinflussende Erkrankungen des Betroffenen. Sie sind im Gutachten mit ihren Auswirkungen auf die Altersdiagnose zu diskutieren und nach Möglichkeit bezüglich ihrer quantitativen Konsequenzen einzuschätzen.
Das wahrscheinlichste Alter des Betroffenen wird auf der Grundlage der zusammengefassten Einzeldiagnosen und der kritischen Diskussion des konkreten Falls ermittelt. Bei der Zusammenfassung der Altersdiagnosen je nach eingesetzter Methode kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass sich die Streubreite verringert. Diese Verringerung ist bisher nur quantitativ einschätzbar.
Je nach Untersuchungsauftrag sind die juristisch bedeutsamen und/oder die im richterlichen Beschluss mitgeteilten Altersangaben hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit verbal zu bewerten.
Qualitätssicherung
Für die laufende Qualitätssicherung organisiert die Arbeitsgemeinschaft jährlich Ringversuche. Auf Wunsch eines Gutachters kann auch ein laufendes Gutachten vor der Erstattung geprüft werden.

Das Literaturverzeichnis ist über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Gunther Geserick
Dr. med. Andreas Schmeling
Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin
c/o Institut für Rechtsmedizin
Hannoversche Straße 6, 10115 Berlin


Immer häufiger werden Gutachter gebeten, bei Ausländern ohne gültige Ausweispapiere das Alter zu schätzen. Diese Arbeit wird zuweilen kritisiert: zum einen wegen der verwendeten Untersuchungsmethoden und -verfahren, zum anderen, weil sich die Gutachter nach Auffassung ihrer Kritiker zu Erfüllungsgehilfen einer bestimmten Ausländerpolitik machen. Eine Arbeitsgruppe der interdisziplinären „Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik“ hat nun nach längerer Beratung Vorschläge für sorgfältige Schätzungen im Strafverfahren vorgelegt. Die Empfehlungen wurden von den folgenden Vorstandsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft erarbeitet: Andreas Schmeling (Berlin), Guntehr Geserick (Berlin), Hans-Jürgen Kaatsch (Kiel), Birgit Marré (Dresden), Walter Reisinger (Berlin), Thomas Riepert (Köln), Stefanie Ritz-Timme (Kiel), Friedrich Wil-helm Rösing (Ulm), Klaus Rötzscher (Speyer).
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1. Flügel B, Greil H, Sommer K (1986): Anthropologischer Atlas. Grundlagen und Daten. Berlin: Tribüne.
2. Geserick G, Schmeling A (2000): Übersicht zum gegenwärtigen Stand der Altersschätzung Lebender im deutschsprachigen Raum. In: Oehmichen M, Geserick G (Hg.): Osteologische Identifikation (Research in Legal Medicine / Rechtsmedizinische Forschungsergebnisse). Lübeck: Schmidt-Römhild (im Druck).
3. Greulich WW, Pyle SI (1959): Radiographic atlas of skeletal development of the hand and wrist. Stanford: Stanford University Press.
4. Jung H (2000): Strahlenrisiken durch Röntgenuntersuchungen zur Altersschätzung im Strafverfahren. Fortschr Röntgenstr 172: 553–556.
5. Kaatsch H-J (2000): Juristische Aspekte der Altersschätzung. In: Oehmichen M, 6. Geserick G (Hg.): Osteologische Identifikation (Research in Legal Medicine/ Rechtsmedizinische Forschungsergebnisse). Lübeck: Schmidt-Römhild (im Druck).
6. Kahl B, Schwarze CW (1988): Aktualisierung der Dentitionstabelle von I. Schour und M. Massler von 1941. Fortschr Kieferorthop 49: 432–443.
7. Knussmann R (1996): Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik. Stuttgart: Fischer.
8. Koenig K (1992): Möglichkeiten der Altersbestimmung Jugendlicher und Heranwachsender. Eine Auswertung der Literatur. Diss. Hamburg.
9. Köhler S, Schmelzle R, Loitz C, Püschel K (1994): Die Entwicklung des Weisheitszahnes als Kriterium der Lebensaltersbestimmung. Ann Anat 176: 339–345.
10. Kreitner K-F, Schweden FJ, Riepert T, Nafe B, Thelen M (1998): Bone age determination based on the study of the medial extremity of the clavicle. Eur Radiol 8: 1116–1122.
11. Liversidge H, Herdeg B, Rösing FW (1998): Dental age estimation of non-adults. A review of methods and principles. In: Alt KW, Rösing FW, Teschler-Nicola M (Hg.): Dental anthropology. Fundamentals, limits, and prospects. Wien: Springer.
12. Mincer HH, Harris EF, Berryman HE (1993): The A.B.O.F. study of third molar development and its use as an estimator of chronological age. J Forensic Sci 38: 379–390.
13. Pelsmaekers B, Loos R, Carels C, Derom C, Vlietinck R (1997): The genetic contribution to dental maturation. J Dent Res 76: 1337–1340.
14. Ritz S, Kaatsch H-J (1996): Methoden der Altersbestimmung an lebenden Personen: Möglichkeiten, Grenzen, Zulässigkeit und ethische Vertretbarkeit. Rechtsmedizin 6: 171–176.
15. Rösing FW (2000): Forensische Altersdiagnose: Statistik, Arbeitsregeln und Darstellung. In: Oehmichen M, Geserick G (Hg.): Osteologische Identifikation (Research in Legal Medicine/Rechtsmedizinische Forschungsergebnisse). Lübeck: Schmidt-Römhild (im Druck).
16. Schmeling A, Reisinger W, Loreck D, Vendura K, Markus W, Geserick G (2000a): Effects of ethnicity on skeletal maturation: consequences for forensic age estimations. Int J Legal Med 13: 252–258.
17. Schmeling A, Reisinger W, Wormanns D, Geserick G (2000b): Strahlenexposition bei Röntgenuntersuchungen zur forensischen Altersschätzung Lebender. Rechtsmedizin 10: 135–137.
18. Tanner JM, Whitehouse RH, Marshall WA, Healy MJR, Goldstein H (1975): Assessment of skeletal maturity and prediction of adult height (TW2 method). London: Academic Press.
19. Thiemann H-H, Nitz I (1991): Röntgenatlas der normalen Hand im Kindesalter. Leipzig: Thieme.

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