Supplement: Praxis Computer

Internet-Recherche: Schizophrenie

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): [28]

Eichenberg, Christiane

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Angebot an Internet-Quellen zum Thema „Schizophrenie“ reicht von klinisch-diagnostischen Leitlinien zum Krankheitsbild bis zu alternativen Behandlungsansätzen und Austauschplattformen für Betroffene und Angehörige.
Häufig zeigen Patienten, die an schizophrenen Psychosen erkranken, schon im Vorfeld bestimmte Auffälligkeiten: Mona-te bis Jahre vor der Ersterkrankung können Prodrome auftreten, die symptomatologisch pseudoneurasthenisch, zönästhetisch oder depressiv ausgestaltet sein können. Nach Abklingen der akuten schizophrenen Phase stellt sich oft-mals ein postremissives Erschöpfungssyndrom ein, das durch depressive Verstimmt-
heit, Antriebsarmut, seelische und körperliche Erschöpfung gekennzeichnet ist und zudem unspezifische Symptome wie Konzentrationsstörungen, Unsicherheit in sozialen Situationen und generelle psychische Labilität aufweist (Weisbrod & Mundt, 2000).
Insbesondere in diesen beiden Phasen der schizophrenen Erkrankung – der Früherkennung und der Nachsorge – ist der Hausarzt mit dieser Patientengruppe konfrontiert. Wer sein Basiswissen bezüglich Diagnostik und Therapie dieses Krankheitsbildes vertiefen will, kann auf zahlreiche Web-Ressourcen im Internet zurückgreifen.
Die klinisch-diagnostischen Leitlinien der Schizophrenie, schizotyper und wahnhafter Störungen der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (nach ICD-10) der Welt­gesund­heits­organi­sation WHO wurden in einem Gemeinschaftsprojekt der Medizinischen Universität zu Lübeck, Klinik für Psychiatrie (WHO Collaborating Center for Training and Research in Mental Health) und der Fachhochschule Lübeck online gestellt (1).
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Störungsbild der Schizophrenie im Internet veröffentlicht (2): Hier finden sich nicht nur Aspekte zur Diagnostik, sondern es werden auch allgemeine Therapieprinzipien und Behandlungsziele für die einzelnen Krankheitsphasen erläutert. Pharmakologische Hinweise und eine reichhaltige weiterführende Literaturliste ergänzen dieses Angebot.
Über einen alternativen Behandlungsansatz für Menschen in akuten psychotischen Krisen, das so genannte Soteria-Modell, bei dem weitgehend auf die Gabe von Neuroleptika verzichtet und stattdessen eine intensive persönliche Betreuung unter enger Einbeziehung der Angehörigen geboten wird, informieren die Webangebote des „Toll-Hauses“ e.V. (3), Köln, und der Soteria Zwiefalten (4).
Für verschiedene Zielgruppen
Die englischsprachige Homepage schizophrenia.com (5) sowie das Kompetenznetz Schizophrenie (6) sind besonders erwähnenswert, da hier Informationen für verschiedene Zielgruppen getrennt aufbereitet werden. So erhalten Laien und Betroffene auf den WWW-Seiten des Kompetenznetzwerkes Schizophrenie, unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, detaillierte Aufklärung über die Entstehung und Verlauf ihrer Erkrankung und eine Adressenliste von entsprechenden Verbänden auf Bundes- und Landesebene. Professionelle finden eine umfassende Linkliste zu qualifizierten Adressen im Netz und können einen Newsletter abonnieren, der über aktuelle Forschungsergebnisse auf dem Laufenden hält.
Eine erfolgreiche Krankheitsbewältigung hängt entscheidend von dem Umgang der Angehörigen mit den Betroffenen ab. So konnten Leff und Vaughn (1985) belegen, dass die Rezidivrate bei Schizophreniepatienten umso höher liegt, je mehr Angehörige einen Interaktionsstil pflegen, der von Kritik, Feindseligkeit und emotionaler Überinvolviertheit geprägt ist. Therapiestudien zeigen, dass Angehörigenarbeit mit betroffenen Familien nicht nur die Rückfallrate senkt, sondern dadurch auch die Negativsymptomatik gemindert und die soziale Anpassung der Erkrankten verbessert werden kann. Dies verdeutlicht, dass Angehörige vom betreuenden Arzt in die Behandlung miteinbezogen werden müssen: Die Vermittlung eines verständlichen Krankheitsmodells sowie die Aufklärung über die Nebenwirkungen der Neuroleptikatherapie ist notwendiger Bestandteil der ärztlichen Versorgung. Diese Art der Psychoedukation kann durch die Weitergabe folgender WWW-Adressen an Angehörige (und Betroffene) unterstützt werden: Erfahrungsberichte von Patienten (7 bis 9) können Angehörigen helfen, die schizophrene Psychose ihres Verwandten besser zu verstehen, und für Patienten bieten sie die Möglichkeit zu erfahren, dass sie mit der Erkrankung nicht allein sind.
Austausch von Betroffenen
Dieser Effekt der Solidarisierung kann durch den Austausch von Mitbetroffenen unterstützt werden. So stellt Bodo, selbst psychiatrieerfahren und Autor der Website „Tagebuch einer Psychose oder Wie man verrückt wird“ (7), ein webbasiertes Leserforum zur Verfügung. Ein weiteres Angebot zum Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen, Angehörigen, psychiatrisch Tätigen und Interessierten stellt die zahlreich besuchte Newsgroup de.sci.medizin.
psychiatrie dar (10).
Gut etabliert haben sich inzwischen die so genannten Psychoseseminare, in denen sich „alle von Psychiatrie Betroffenen“ für eine bestimmte Zeit zu einem Thema austauschen. In allen größeren Städten Deutschlands werden solche Seminare angeboten – eine vollständige Adressenliste findet sich unter (11). Ziel ist, dass Psychiatrie-Erfahrene, ihre Angehörigen sowie Professionelle miteinander über ihre Erfahrungen und Probleme sprechen und voneinander lernen. Dabei wird jedes Treffen von möglichst drei Personen aus allen drei Gruppen moderiert.
Das Psychiatrienetz (12), das unter anderem von dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie und dem Psychiatrie Verlag getragen wird, bietet Psychose-Seminare auch virtuell an. Im letzten Jahr wurden zwei Seminare zu den Themen „Medikamente“ und „Psychose und Partnerschaft“ durchgeführt. Das aktuelle Thema heißt „Umgang mit akut psychotisch erkrankten Menschen“ (13); der Austausch wird über ein webbasiertes Forum realisiert. Obwohl reges Interesse von Seiten der Betroffenen und Angehörigen besteht, droht dieses Projekt zu scheitern, da sich kaum Fachleute in den Austausch einbringen. Gerade für den praktisch tätigen Arzt bietet die Teilnahme aber die Chance, einen tieferen Zugang zum Störungsbild Schizophrenie zu bekommen. Christiane Eichenberg

Kontaktadresse: Dipl.-Psych. Christiane
Eichenberg, Universität Köln, E-Mail:
Christiane@rz-online.de, Internet: www.christianeeichenberg.de


Literatur
Leff J, Vaughn C: Expressed emotion in families – its significance for mental illness. New York
1985.
Weisbrod M, Mundt, Ch: Schizophrenie. In: Senf
W, Broda M (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie.
Ein integratives Lehrbuch. Stuttgart 2000.

Links zum Thema Schizophrenie (Auswahl)

1 www.informatik.fh-luebeck.de/icdger/f20.htm © Klinisch-diagnostische Leitlinien der ICD-10
2 www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/psypn02.htm © Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, online publiziert von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
3 www.toll-haus.de © Soteria-Projekt „Toll-Haus“ e.V., Köln
4 http://members.tripod.de/soteria © Soteria Zwiefalten
5 www.schizophrenia.com © schizophrenia.com
6 www.kompetenznetz-schizophrenie.de © Kompetenznetz Schizophrenie
7 http://ourworld.compuserve.com/Homepages/Pahaschi/tagebuch.htm
© Bodos „Tagebuch einer Psychose oder Wie man verrückt wird“
8 www.tamaralex.net/psychose/psychose_de.htm © Tagebuch von „Little Wolf“
9 www.mendiger.de/walter.htm © Walter: Leben mit dem Wahnsinn, Geschichte eines jungen Mannes und seiner schizophrenen Erkrankung
10 de.sci.medizin.psychiatrie © Newsgroups zum Austausch von Betroffenen, Angehörigen, psychiatrisch Tätigen und Interessierten
11 www.muekon.de/psysem05.pdf © Adressenliste von Psychose-Seminaren in Deutschland
12 www.psychiatrie.de © Das Psychiatrienetz
13 www.psychiatrie.de/akut_frm.htm © Virtuelles Psychose-Seminar zum Thema „Umgang mit akut psychotisch erkrankten Menschen“
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema