ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2001Lebenslanges Lernen: Die Virtuelle Fakultät der Medizin

THEMEN DER ZEIT

Lebenslanges Lernen: Die Virtuelle Fakultät der Medizin

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1538 / B-1311 / C-1226

Kallinowski, Friedrich

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Im „Alumni.med-live“-Projekt können Absolventen
medizinischer Hochschulen über das Internet an qualitativ hochwertiger Fort- und Weiterbildung teilnehmen.
Friedrich Kallinowski, Arianeb Mehrabi, Heiko Schwarzer,
Albrecht Bayer, Chistian Herfarth

Medizinische Fort- und Weiterbildung stellt Ärzte in Schwellen- und Entwicklungsländern vor große Hürden. Der Zugang zu medizinischen Fachinformationen ist schwierig, der Besuch von Kongressen nahezu unerschwinglich (2). Eine Arbeitsgemeinschaft süddeutscher Universitäten (Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Tübingen, Ulm) hat daher das „Alumni.med-live“-Projekt gestartet, das von dem Bundesministerium für Zusammenarbeit und dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst gefördert wird. Dieses Projekt verbindet die Betreuung der Absolventen medizinischer Hochschulen – der Alumni – mit den Möglichkeiten moderner Informationstechnologie, Symposien und Kongresse digital abzubilden.
In der „med.LIVE“-Reihe sind bislang mehr als 60 entsprechende Veranstaltungen auf rund 75 CD-ROMs erhältlich (3). Seit Juni 2000 können die ersten Symposien über das Internet (www.med-live.de) besucht werden. Die Gründung der Virtuellen Fakultät der Medizin stellt einen wichtigen Schritt zur Qualitätssicherung dar.
Wissensvermittlung
über das Internet
In der Datenbank unter www.med-
live.de sind neben Fachvorträgen auch interaktive multimediale Kurse abrufbar (6). Die für die Medizin typische Komplexität der zu vermittelnden Kenntnisse (7) sowie deren ausgeprägte visuelle Orientierung stellen besondere Anforderungen an die internetbasierte Wissensvermittlung. Diese Anforderungen beinhalten:
c das Zerlegen und die unabhängige Speicherung multimedialer Dokumente in Einzelbausteinen,
c die plattformunabhängige Präsentation multimedialer Dokumente über das Internet,
c die Berücksichtigung des Wissens- und Erfahrungsstandes des Nutzers,
c das Zusammenstellen neuer Dokumente aus inhaltlich zusammenpassenden Einzelbausteinen,
c das Editieren von Dokumenten über das Internet ohne wesentliche Programmierkenntnisse.
Zur Erfüllung dieser Anforderungen werden die multimedialen Informationen in submodulare Einheiten aufgespalten und datenbankbasiert vorgehalten. Hierzu wurde aufbauend auf einem komponentenbasierten Dokumentmodell (8) eine dreischichtige Datenbankarchitektur entworfen und mithilfe von ObjectStore und Weblogic Commerce Server umgesetzt.
Nachdem die Datenbank in Betrieb genommen wurde, zeigte sich schnell, dass die Anforderungen sinnvoll waren. Allerdings konnten unter Nutzung der verfügbaren Ressourcen einzelne Punkte nur eingeschränkt realisiert werden. Derzeit sind etwa 15 Tage medizinischer Fachinformationen (10 093 Bild-Dateien, 5 961 Ton-Dateien, 20 Animationen, 135 Video-Sequenzen und 325 Informationseinheiten) über das Netz aufzurufen. Dies entspricht etwa 100 000 Dokumenten mit 3,5 GByte Information. Die Informationen sollen in einem vierzehntägigen Produktzyklus erweitert werden.
Innerhalb der nächsten sechs Monate ist der Ausbau auf mindestens 40 Tage Fachweiterbildung geplant. Dies entspricht 400 000 Dokumenten mit 14 GByte Information. Dieses neuartige Publikationsmedium steht sämtlichen Fachrichtungen der Medizin zur Verfügung. Vorträge, Bildatlanten, Videos und alle anderen Formen audiovisueller wissenschaftlicher Beiträge können weltweit abgerufen werden.
Die Qualitätssicherung der gehaltenen Vorträge wird einem Expertenrat übertragen, der Virtuellen Fakultät, die alle Fachgebiete kompetent vertreten soll. Infolgedessen ist eine Organisationsstruktur zu wählen, die Kompetenzen bündelt und Regionen überschreitet.
Gründung, Struktur, Aufgaben der Virtuellen Fakultät
Im Juni 2000 hat sich eine Vereinigung von 303 Hochschullehrern aus 53 Universitätskliniken und Akademischen Lehrkrankenhäusern zu der Virtuellen Fakultät der Medizin konstituiert. Sie vertreten zurzeit 35 Fachrichtungen. Es ist bemerkenswert und für die weitere Arbeit richtungweisend, dass neben den klassischen Fächern der Medizin von vornherein Nachbardisziplinen der Informatik, Jurisprudenz und Ökonomie eine aktive Mitarbeit begonnen haben. Die Vollversammlung hat eine Struktur gewählt, die effiziente Arbeit mit demokratischer Kontrolle vereint (Grafik 1).
Die Mitgliederversammlung organisiert sich in einzelnen Fachgruppen. Die Fachgruppen wählen Sprecher, Beiräte und Sekretär, die das „Dekanat der Virtuellen Fakultät“ bilden. Ein gewählter Präsident kontrolliert die Geschäftsführung, die ebenfalls turnusmäßig zur Wahl steht. Nur Mitgliedern der Virtuellen Fakultät steht die Mitsprache und Abstimmung über die Qualität der vorgelegten Beiträge (MedLIVE-News) zu. Nur ein positiv beurteilter Beitrag verbleibt in dem publizierten Bestand (MedLIVE-Core).
Die Aus- und Weiterbildung in der Medizin ist durch vielfältige wirtschaftliche und technische Abhängigkeiten gekennzeichnet (4). Die Gründung der Virtuellen Fakultät der Medizin eröffnet die Chance für die Angehörigen der medizinischen Berufe, Fortbildung nicht nur für den eigenen Stand, sondern auch für die Kollegen in anderen Ländern zu ermöglichen. Von den circa 1 400 angesprochenen Hochschullehrern in Deutschland haben sich mehr als 20 Prozent in der ersten Sammelbewegung zu einer aktiven Mitarbeit bereit gefunden. Diese Zahl ist in den letzten drei Monaten mit über 650 Kandidaten auf Mitgliedschaft weiter angewachsen. Weitere 170 Personen haben Interesse an einer fortlaufenden Informierung bekundet. Die Mitgliederversammlung hat beschlossen, die Mitarbeit in der Virtuellen Fakultät für Interessierte, auch über die Landesgrenzen hinaus, offen zu halten. Bereits jetzt sind Kollegen aus Österreich und der Schweiz aktiv. Etwa ein Drittel der Beiträge werden in Englisch geleistet.
Wechselspiel zwischen Nutzern und Autoren
Das „Alumni.med-live“-Projekt verbindet Alumni weltweit mit ihrer Heimatuniversität in Deutschland. Die Absolventen werden dabei über Nachkontakt-Veranstaltungen angesprochen und in die laufende Arbeit einbezogen (Grafik 2).
Die Nachkontaktveranstaltungen fördern die Anfrage aktueller Weiterbildungsinhalte, die von Autoren erstellt und von der Virtuellen Fakultät zertifiziert werden. Das Labor für Computer-basiertes Training (CBT) bindet die Inhalte in die Datenbank ein. Diese wird nach dem neuesten technischen Stand fortentwickelt. Autoren können darüber hinaus auch selbstständig neue Erkenntnisse in ihren Fachgebieten beschreiben. Die Veröffentlichung eines entsprechenden Vortrages ist jederzeit möglich, sodass eine beständige Aktualität gewährleistet ist.
Akzeptierte Beiträge werden auch von den Nutzern bewertet. So kann erstmalig eine Qualitätssicherung der Weiterbildung erfolgen. Auf Dauer ist eine Beurteilung der Breitenwirkung des Beitrages ebenso möglich wie eine Abschätzung des befriedigten Nutzerinteresses. Die Beurteilung der Breitenwirkung ist möglich über die Zählung der Nutzer sowie ihrer Verweildauer in einem Vortrag. Die Nutzer bewerten beim Verlassen des Vortrages die Sinnhaftigkeit und die Qualität des Angebotes. Damit kann eine Maßzahl gebildet werden, die die zielgruppenorientierte Nutzung des Angebotes misst. Somit sind ein Monitoring der Weiterbildungsqualität und – langfristig – die Steigerung der Weiterbildungsqualität und medizinischen Versorgung möglich (5). Als Nebeneffekt kann das Informationsangebot an den Wissens- und Erfahrungsstand des Nutzers angepasst werden.
Die gewählte Organisation ermöglicht neben der Qualitätssicherung der Weiterbildung erstmalig die Zitierfähigkeit von Originalvorträgen im Wortlaut. Damit kann auf Dauer ein Impact Factor gebildet werden, der ähnlich einer Originalpublikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu werten ist. Lehre und Weiterbildung erhalten einen neuen, quantifizierbaren Stellenwert, der bei Berufungen oder Beurteilungen berücksichtigt werden kann.
Didaktische Aspekte einer guten Lehre sind häufig nicht quantifizierbar. Digital abgebildete Materialien ermöglichen die objektive und der charismatischen Dozentenpersönlichkeit entkleidete Beurteilung der Güte durch unabhängige Instanzen. Es sind bereits erste Bestrebungen durch Geisteswissenschaftler zu beobachten, diese offensichtliche Möglichkeit zu nutzen, sodass die Medizindidaktik von den neuen Medien profitieren kann (1).
Die Vorgehensweise wurde während Konferenzen in Syrien, dem Libanon, China und Brasilien mit gutem Erfolg überprüft. Die angebotenen Weiterbildungsinhalte können in guter Qualität empfangen werden. Es haben sich bereits erste Kontakte ergeben, entsprechende Formen direkt in die Hochschulausbildung vor Ort einzubinden.
Künftige Entwicklungen
Es ist schwierig, die Zukunft einer explosionsartigen Entwicklung abzuschätzen. Bereits heute ist es technisch möglich, für jeden Nutzer ein individuelles Angebot bereitzustellen. Dies erfolgt derzeit als Auswahl von Hand aus einem frei zur Verfügung gestellten Pool an digitalisierten Weiterbildungsarten. Die Verbreitung wird durch die vorhandenen Kanäle limitiert. Dabei lassen die schnellsten Netze oder Satellitenübertragung vergessen, dass Verzugs- oder Bereitstellungszeiten auftreten.
Bei der abzuschätzenden Datenmenge wird es in einem vorhersehbaren Zeitraum notwendig werden, die eingehenden Beiträge automatisch einzelnen Fachgruppen zur Zertifizierung vorzulegen. Dabei ist eine weitergehende Wechselwirkung zwischen Autoren und Datenbank notwendig. Eine mögliche Arbeitsumgebung ist in Grafik 3 dargestellt.
Gemeinsame Bearbeitung durch einzelne Fachgruppen
Langfristig werden mehrere Autoren aus verschiedenen Fachrichtungen und an unterschiedlichen Standorten zur Beantwortung einer Anfrage zusammenarbeiten wollen. Technische Lösungen für eine entsprechende kollaborative Arbeitsumgebung werden zurzeit entwickelt. Ein speziell auf die Belange der Medizin abgestimmtes Projekt wurde beim Bundesministerium für Bildung und Forschung aus den Universitäten Heidelberg, Tübingen und Karlsruhe heraus beantragt.
Die Virtuelle Fakultät steht als Neugründung zunächst für sämtliche kooperative Aktivitäten offen. Es wird aufschlussreich sein, wie die Virtuelle Fakultät der Medizin die sich hier ergebenden Möglichkeiten nutzt. Das Ergebnis könnte die gewohnte Form der Fort- und Weiterbildung vollständig wandeln und die Informationsgesellschaft auch in diesem Bereich eine merkliche Hilfe im Alltag werden lassen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 1538–1540 [Heft 23]

Literatur
1. Eitel F: Neue didaktische Konzepte der Aus- und Weiterbildung. http://www.med-live.de (Datenbank), 2001.
2. Gawad K A, Mehrabi A, Staff Ch, Blöchle C, Izbicki J R: Kallinowski F, Broelsch C E: Multimedia CD-ROM: Ein neues Medium zur Verbesserung der Wissensvermittlung. Langenbecks Arch Chir Suppl II: 880–881, 1998.
3. Kallinowski F, Mehrabi A, Schwarzer H, Herfarth Ch: Entwicklung einer multimedialen CD-ROM-Reihe zur Verbesserung der chirurgischen Aus- und Weiterbildung. Langenbecks Arch Chir Suppl II: 885–887, 1998 a.
4. Kallinowski F, Eitel: Neue Ansätze der chirurgischen
Aus- und Weiterbildung. Chirurg 69: 1323, 1998 b.
5. Kallinowski F, Mehrabi A, Schwarzer H, Herfarth Ch: Computer-basierte Trainingssysteme – Eine neue Methode zur Aufklärung des Patienten im chirurgischen Alltag. In: Beck U, Sommer W (Hrsg.): LEARNTEC 2000, Band 2: 901–-905, 2000.
6. Mehrabi A, Ruggiero S, Schwarzer H, Fritz Th, Herfarth Ch, Kallinowski F: Innovativer Weg zur Verbesserung der Aus- und Weiterbildung in der Chirurgie durch CBT am Beispiel der CD-ROM „Distale Radiusfraktur“. In: Beck U, Sommer W (Hrsg.): LEARNTEC 2000, Band 2: 907–916, 2000 a.
7. Mehrabi A, Glückstein C, Benner A, Hashemi B, Herfarth C, Kallinowski F: A new way for surgical education – Development and evaluation of a computer-based training module. Comput Biol Med 30: 97–109, 2000 b.
8. Schwarzer H, Mehrabi A, Wetter T, Kallinowski F: A component-based approach to authoring, interaction modeling and reuse of multimedia resources in a web-based training system. In: Victor N, Blettner M, Edler L, Haux R, Knaup-Gregori P, Pritsch M, Wahrendorf J, Windeler J, Ziegler S (Hrsg.): Medical Informatics, Biostatistics and Epidemiology for Efficient Health Care and Medical Research. Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie 85: 174–178, 1999.

Anschrift für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Friedrich Kallinowski
Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 110
69120 Heidelberg
E-Mail: friedrich_kallinowski@med.uni-heidelberg.de

Struktur der Virtuellen Fakultät der Medizin

Struktur des „Alumni.med-live“-Projektes

Szenario für die kollaborative Arbeitsumgebung zur Weiterentwicklung der Datenbank
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema