ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2001Embryonenschutz: Viele Fragen ungelöst

BRIEFE

Embryonenschutz: Viele Fragen ungelöst

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1541 / B-1314 / C-1229

Emmrich, F.

Zu dem „Seite eins“-Beitrag „Stammzellforschung: Der einfachste Weg“ von Dr. med. Eva A. Richter in Heft 16/2001:
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LNSLNS . . . Unbestritten ist, dass die Entwicklung neuer Therapiekonzepte, die auf dem initialen Einsatz von Stammzellen basieren, durch experimentelle Ergebnisse der letzten Jahre hochinteressant geworden ist. Dennoch bleiben viele Fragen ungelöst, die es in den kommenden Jahren zu beantworten gilt. Die meisten dieser Fragen können – wie bisher auch – tierexperimentell gelöst werden. Für die wissenschaftliche Arbeit mit tierischen embryonalen Stammzellen gibt es in Deutschland keine wesentlichen Beschränkungen. Die Einhaltung des Tierschutzgesetzes ist für die betreffenden Arbeitsgruppen verpflichtend. Der zuweilen recht umständliche und Zeit verschlingende bürokratische Aufwand ist jedenfalls kein spezielles Problem der embryonalen Stammzellforschung.
Mehr und mehr Arbeitsgruppen wenden sich derzeit einem besonderen Aspekt der Stammzellforschung zu, der durch die überraschend gelungene und mittlerweile vielfach bestätigte Klonierung eines Schafes aus den Zellen einer somatischen Zelle (Dolly-Experiment) einen wesentlichen Impuls erfahren hat. Hier ist die Rede davon, dass sich unter geeigneten Milieubedingungen die Kerne aus differenzierten Zellen rückprogrammieren lassen. Mittlerweile ist dies nicht nur in Experimentalansätzen mit Kerntransfer gelungen, sondern auch mit intakten Zellen. Insofern scheint die Hoffnung berechtigt, dass uns in absehbarer Zukunft adulte oder neonatale (aus Nabelschnurblut) gewonnene Stammzellen alle therapeutischen Ansätze zu beschreiten erlauben, die bisher noch auf embryonale Stammzellen beschränkt schienen.
Es ist gewiss nicht ein Rückzug vor der öffentlichen Meinung oder den Bedenken der Ethiker – die man beide viel ernster nehmen sollte, als dies leider oft geschieht –, sondern es gibt auch triftige logistische Überlegungen, die dafür sprechen, der Forschung mit embryonalen Stammzellen nicht jubelnd und unkritisch hinterherzulaufen. Eine moderne Zell- und Gewebetherapie sollte individuell HLA-kompatible Zellverbände ergeben. Dies setzt eine autologe Gewinnung von Stammzellen voraus. Hierfür müssen individualspezifische pluripotente Zellen gewonnen oder durch Rückprogrammierung erzeugt werden.
Die Voraussetzungen und das Potenzial für zelluläre Rückprogrammierung werden gegenwärtig intensiv wissenschaftlich untersucht. Es ist noch nicht abzusehen, wann daraus praxistaugliche Verfahren resultieren. Es wäre auch zu klären, wie weit die Rückdifferenzierung getrieben werden sollte, denn je weiter wir uns auf diesem Wege (gleichsam rückwärts gehend) der totipotenten Stammzelle der ersten Teilungsstadien nähern, desto näher kommen wir der In-vitro-Befruchtung mit anschließender Organ-/Organismuszucht, dem so genannten „therapeutischen Klonen“. Zurzeit sind diese Entwicklungen noch spekulativ. Sie müssen medizinisch sinnvoll, ethisch vertretbar und finanzierbar bleiben, um sich durchsetzen zu können. Bis dies klar erkennbar ist, entsteht uns in Deutschland kein Schaden wenn es weiterhin nicht erlaubt ist, embryonale humane Stammzellen für Forschungszwecke zu gewinnen. Die Forschungsarbeiten mit tierexperimentellen embryonalen, neonatalen und adulten Stammzellsystemen sollten wegen der großen medizinischen Bedeutung jedoch preferenziell gefördert werden.
Die Forschungsarbeit mit embryonalen menschlichen Stammzell-Linien, die aus anderen Ländern eingeführt werden, ist in Deutschland gesetzlich möglich und sollte auch nicht weiter eingeschränkt werden. Für die vergleichende Untersuchung verschiedener Wachstumsbedingungen oder auch Wachstumsfaktoren sind sie wichtig, da hier auch geringfügige Speziesunterschiede bestehen, die im Tierexperiment nicht studiert werden können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sollte experimentelle Arbeiten mit menschlichen Stammzell-Linien nicht weiter behindern, sondern vielmehr unterstützen.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die potentesten pluripotenten Stammzellen, die ohne Risiko für die Spender und individualspezifisch gewonnen werden können, zweifellos die neonatalen Stammzellen aus dem Nabelschnurblut sind. Um ihre Verfügbarkeit zu sichern, ist allerdings eine verlässliche und langfristige Kryokonservierung erforderlich.
Prof. Dr. med. F. Emmrich, Institut für Klinische Immunologie und Transfusionsmedizin, Universitätsklinikum Leipzig, Johannisallee 30, 04103 Leipzig
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