ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2001Forscher-Ethik: Wer zwingt Forscher?

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Forscher-Ethik: Wer zwingt Forscher?

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1542 / B-1315 / C-1230

Espig, Heidrun

Zu den Beiträgen „Medizin in der NS-Zeit: Hirnforschung und Krankenmord“ von Priv.-Doz. Dr. Hans-Walter Schmuhl und „Embryonale Stammzellen: Kehrtwende bei der Forschungsgemeinschaft“ von Klaus Koch in Heft 19/2001:
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LNSLNS Dr. Schmuhls erschütternder Bericht über die feinmaschige Verflechtung von „Heilen und Vernichten“ im Rahmen der NS-Euthanasie an psychiatrisch Kranken zeigt anschaulich die rechtfertigende Haltung, die durch Verzerrung einer angeblich ethischen Sichtweise hin zu persönlichen und gesellschaftlichen Macht- und Machbarkeitsansprüchen entstehen kann. Die dort zitierte Begründung des beteiligten Prof. Hallervorden („ . . .dass ich Gehirne Euthanasie-Getöteter untersucht habe. Dies zu unterlassen hätte das Euthanasieverfahren nicht aufgehalten, . . . der Wissenschaft wäre . . . wertvolles Material verloren gewesen.“) klingt meines Erachtens sehr ähnlich der Begründung der DFG laut Koch hinsichtlich der Embryonenstammzellforschung: der Import entsprechender Zellen sei gerechtfertigt, da die Zellen sowieso vorhanden sind, und deutschen Forschern sollte diese Forschung nicht vorenthalten werden.
Zugegeben, es ist wesentlich subtiler, geht es doch nicht um ganze Menschen, sondern „nur“ um Zellen. Wer zwingt Forscher zu dem „Muss“: was vorhanden/machbar ist, muss auch getan werden? Koch weist auf Argumente der DFG hin, die Aufweichung des Schutzes von Embryonen rechtfertige sich durch die Hoffnung, Therapien für bislang unheilbare Krankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt oder Parkinson zu entwickeln. Zumindest hinsichtlich Diabetes und Herzinfarkt ist sehr viel Heilbares bekannt und erforscht – im Sinne eines präventiven Lebensstiles. Wenn in diesbezüglicher Richtung mehr Gelder fließen würden statt in solch ethisch fragliche Forschung – was Deutschland aufgrund seiner jünsten Geschichte allemal begründen könnte –, wäre mehr Fortschritt zu erzielen, weil nämlich der passiven Erwartungshaltung aufseiten chronisch Kranker entgegengewirkt würde, statt diese durch medizinische Heilungsversprechen zu schüren. Meines Erachtens kann eine Forschung nie echten Fortschritt bringen, wenn das Übertreten von Maximen der Würde und des Respektes vor dem Leben bewusst von Anfang an in Kauf genommen wird. Was dabei herauskommt, ist der Zwang zu immer noch mehr desselben, was die Forscher selbst hin zu unrealistischen Heilungsversprechungen treibt. Ob wir wirklich die menschenverachtende Haltung unserer jüngsten Vergangenheit überwunden haben, erweist sich in solchen Entscheidungen.
Dr. med. Heidrun Espig, Walsroder Straße 11, 29614 Soltau
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