VARIA: Feuilleton

Die Eisenbahnkrankheit

Dtsch Arztebl 2001; 98(23): A-1568 / B-1336 / C-1250

Schütte

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LNSLNS Die Eisenbahnkrankheit ist eines von jenen pathologischen Endresultaten, wie sie sich in zahlloser Menge aus dem nervenbetäubenden Getriebe des modernen Verkehrswesens und den damit verbundenen erhöhten Anforderungen an die menschlichen Körperkräfte unvermeidlich ergeben müssen. Die englischen Ärzte, welche diese Krankheitsform zuerst beobachtet und beschrieben haben, haben sie „railway-spine“ genannt.
Die Krankheit tritt, wie schon der Name sagt, vorzugsweise bei Personen auf, die berufsmäßig im Eisenbahnfahrdienst angestellt sind, oder bei solchen, die infolge ihrer Beschäftigung gezwungen sind, die Eisenbahn häufig zu gebrauchen. Für das Entstehen der Eisenbahnkrankheit werden in erster Linie die starken anhaltenden Körpererschütterungen, die durch die stampfende Fortbewegung eines fahrenden Eisenbahnzuges hervorgerufen werden, ferner die damit verbundenen starken Geräusche und endlich der gewaltige Luftdruck und Luftzug, der bei dem rapiden Durchschneiden der Luftschichten unvermeidlich entstehen muß, verantwortlich gemacht. Man muß nur bedenken, daß zum Beispiel ein Lokomotivführer jährlich bis zu 10,000 Meilen durchmißt. Er legt diese enorme Strecke auf der Maschine stehend zurück und erfährt außer anderen nachteiligen Einwirkungen dabei andauernd sehr heftige Erschütterungen des Körpers, welche sich durch die unteren Extremitäten zunächst auf das Rückgrat fortpflanzen, während die ungemein starken Geräusche und das Getöse, von denen er unaufhörlich umgeben ist, auf das Gehör und durch dieses auf das Gehirn höchst ungünstig einwirken. Die sonst im Fahrdienst beschäftigten Schaffner, Bremser, Postbeamten usw. erleiden, entsprechend der besseren Federung der Wagen und teilweisen Polsterung der Sitze, zwar weniger intensive Erschütterungen des Rückenmarkes, werden dafür aber desto übler durch das schnurrende Zittern der Bremsen und das Rasseln, Klappern und Stoßen der Wagenkuppelungen belästigt, welches sich direkt auf die Wirbelsäule überträgt. Hierzu gesellt sich häufige Übermüdung, die mit dem fortgesetzten Reisen verbundene starke nervöse Erregung, sowie ein meist zum Bedürfnis gewordener Genuß geistiger Getränke. Alle diese schädlichen Einflüsse rufen nun bei solchen Leuten, die infolge ihres Berufes oder sonst zwingender Verhältnisse denselben fortwährend ausgesetzt sind, mit der Zeit eine nach individuellen Verschiedenheiten mehr oder weniger ausgesprochene Reizung gewisser Nervenzentren im Gehirn oder Rückenmark hervor, auf Grund derer sich allmählich die eigenartigen charakteristischen Erscheinungen entwickeln, die man als „railway-spine“ bezeichnet.
Die Krankheit beginnt meistens mit einem anfangs kaum merklichen, mit der Zeit sich steigernden Gefühl von Mattigkeit und Abgeschlagenheit, das sich besonders in den unteren Extremitäten in erhöhtem Grade geltend macht. Der Gang wird erschwert, schleppend, und die Kranken haben vielfach das Gefühl, als ob ihnen ein Gewicht an den Füßen hänge. [. . .] Mit der Zeit stellen sich auch Lähmungen ein, die sich besonders auf die Muskulatur des Rumpfes und der Extremitäten erstrecken. Die Beugung und Streckung der Arme und Beine, sowie die Drehbewegungen des Rumpfes und die Neigung und Drehung des Kopfes sind infolgedessen ungemein erschwert und mit Schmerzen verbunden. So sieht man denn häufig, daß die Kranken den Rumpf ängstlich gerade halten, mit steifgehaltenem Rükken sich vorwärts bewegen, beim Niedersetzen sowohl wie beim Aufrichten zuerst mit den Händen eine Stütze zu gewinnen suchen und sich vorsichtig und langsam aus einer Lage in die andere bringen.
In den vorgeschritteneren Stadien der Krankheit treten neben den Bewegungsstörungen auch Störungen der Gefühls- und Sinnesfunktionen auf. [. . .]
Die Sinnesstörungen äußern sich durch Flimmern vor den Augen, Blendungsgefühl, Farbensehen, Verschleierung des Gesichtsfeldes, Durcheinanderschwimmen der Buchstaben beim Lesen, fliegende Flecken und Druck in den Augen, durch Sausen, Zischen, Pfeifen und Brausen in den Ohren, als ob Wasser kochte oder als ob ein Strom in der Nähe rauschte, durch pappigen oder fortdauernd salzigen Geschmack im Munde usw. Weiterhin machen sich auch Sprachstörungen geltend. Die Sprache wird verlangsamt und schleppend. Der Kranke verliert mitten im Satz den Faden, als ob er das, was er sagen wollte, vergessen habe, oder er spricht wie jemand, der in höchster Angst etwas erzählen will und die Worte nur stoßweise hervorbringt.
Das Merkwürdige bei all diesen Erscheinungen ist, daß der allgemeine Ernährungszustand in der Mehrzahl der Fälle nicht Not zu leiden pflegt, so daß derartig erkrankte Personen wegen ihres gesunden, oft selbst blühenden Aussehens von Laien überhaupt nicht für krank gehalten werden. Indessen kommt es auch in einzelnen Fällen zu Abmagerung und Verfall der Körperkräfte, ja unter Umständen zu vollständiger Entkräftung, woran die Kranken dann meist zu Grunde gehen.
Die Eisenbahnkrankheit äußert sich aber auch noch durch andere Erscheinungen, bei welchen neben den bereits erwähnten Erscheinungen auch die psychische Sphäre mehr oder weniger in
Mitleidenschaft gezogen ist. Diese Krankheitsformen sind meist die Folgen von Eisenbahnunfällen. Der Schreck auf der einen Seite, Erschütterungen, Quetschungen und Verletzungen des Zentralnervensystems oder seiner Umhüllungen auf der anderen Seite, spielen hierbei die gewichtigste Rolle. [. . .]
Nach einem überstandenen Eisenbahnunfalle findet man bei den verletzten Personen, abgesehen von den chirurgischen Schädigungen, entweder eine ausgeprägte, todähnliche Betäubung von mehrstündi-
ger oder selbst mehrtägiger Dauer, die unter Umständen unmittelbar zum Tode führt, oder, was häufiger der Fall ist, nur ein kurzwährendes Stadium der Bewußtlosigkeit oder Benommenheit. [. . .]
Bei der Behandlung der Eisenbahnkrankheit hat man das Augenmerk in erster Linie auf die Beseitigung der ursächlichen Momente zu richten, erst dann kann man zur Behandlung der nervösen Erscheinungen übergehen. In jedem Falle ist es also geboten, die Kranken sofort ihrer gewohnten Beschäftigung zu entziehen, nur in leichteren Fällen, besonders dort, wo die melancholischen Verstimmungen mehr im Vordergrunde stehen, ist eine leichte Beschäftigung nicht außer acht zu lassen. In den ausgebildeten Fällen ist die Ruhe, wie sie die Waldeinsamkeit oder der Aufenthalt in einem ruhig und idyllisch gelegenen Badeorte oder einem wenig besuchten Seebad bieten, für die Kranken am wohltuendsten, haben sie doch selbst das Bedürfnis, sich zurückzuziehen, und diesem soll möglichst Rechnung getragen werden.
Eine entsprechende Ernährung, Enthaltung von allen geistigen Getränken und die Sorge für einen gesunden und stärkenden Nachtschlaf werden ebenfalls zur Besserung ihr gutes Teil mit beitragen. Auch von den kohlensäurehaltigen Stahlbädern Cudowa und Schwalbach will man günstige Wirkungen gesehen haben. Einfache kalte Abreibungen sollten in allen Fällen versucht werden, wie denn auch im allgemeinen durch
die Kaltwasserbehandlung entschieden gute Resultate erzielt worden sind. Gegen die funktionellen Lähmungen, die besonders die Muskeln der Extremitäten und des Rumpfes betreffen, wird als bewährtestes Mittel die Massage gerühmt.
Von anzuwendenden Medikamenten sind an erster Stelle die Brompräparate zu nennen. Die subjektiven Beschwerden, die Schmerzen, die Verstimmung und die Angstzustände erfahren unter der Anwendung von Bromkali oder Bromnatrium, dessen Dosierung selbstverständlich dem Arzt zu überlassen ist, eine wesentliche Linderung. Nur soll man das Medikament nicht dauernd anwenden und sich vor Mißbrauch hüten.
Gegen die Schlaflosigkeit soll man sich weniger der medikamentösen, als der Wasserbehandlung bedienen. Ein vor dem Zubettgehen genommenes laues Bad von 26 bis 28 Grad oder eine feuchtwarme Einpackung des Körpers werden zur Herbeiführung eines gesunden Schlafes selten ihren Zweck verfehlen. Dr. Schütte

Dieser Text stammt aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Gesammelt von: Hans-Joachim Maes
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