ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001SPD und Bündnis 90/Die Grünen: Auf dem Weg zum Mammographie-Gesetz

POLITIK

SPD und Bündnis 90/Die Grünen: Auf dem Weg zum Mammographie-Gesetz

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1593 / B-1365 / C-1268

Koch, Klaus

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LNSLNS Die Regierungsfraktionen haben sich auf einen Antrag zur „Frauenspezifischen Gesundheitsversorgung“ geeinigt, der auf die Einführung eines flächendeckenden Mammographie-Screening-Programms zielt.

Es kommt selten vor, dass Wissenschaftler die Politik zur Hilfe rufen, um interne Probleme zu lösen. Doch in diesem Fall war es so: Bereits vor einem Jahr hat die Deutsche Röntgengesellschaft ein „Mammographiegesetz“ gefordert, um den Umgang mit der Röntgenuntersuchung der Brust zu regeln. Vorletzte Woche hat sich die Arbeitsgruppe Gesundheit der Regierungsfraktionen von SPD und Bünd-
nis 90/Die Grünen auf einen gemeinsamen Antrag zur „Frauenspezifischen Gesundheitsversorgung“ geeinigt, der im Kern auf ein Mammographie-Gesetz zielt. Die Gesamtfraktion soll in den nächsten Wochen über den Antrag entscheiden. FDP und CDU erarbeiten derzeit ähnliche Anträge. „Wir wollen mehr Qualität bei Früherkennung, Versorgung und Forschung erreichen“, sagt Helga Kühn-Mengel (SPD), eine der Initiatorinnen des Antrags.
Konkretes Ziel ist aber die Einführung eines flächendeckenden Mammographie-Screening-Programms nach den Qualitätsnormen einer europäischen Leitlinie. Nach den Vorstellungen der Regierungsfraktionen sollen alle deutschen Frauen im Alter zwischen 50 und 70 alle zwei Jahre zu einer Röntgenuntersuchung der Brust eingeladen werden. Solche Screening-Programme sind in Schweden, England und den Niederlanden seit Jahren etabliert.
Die Hoffnung ist, die Sterblichkeit an dem häufigsten Tumor der Frau zu senken: Nach internationalen Studien können Mammographien, wenn sie unter strengen Qualitätsregeln eingesetzt werden, Mammakarzinome häufiger in einem kurablen Stadium entdecken. Nach Schätzung des Robert Koch-Institutes erkranken jährlich etwa 47 000 Frauen an dem Tumor, 17 000 bis 18 000 sterben an ihm. Die Fraktionen rechnen mit einer Verringerung der Zahl „um etwa 3 500 Todesfälle pro Jahr“.
Die Deutsche Krebshilfe begrüßt den Antrag: Er werde helfen, „die notwendigen Maßnahmen rasch umzusetzen“. Gemeint sind damit vor allem Maßnahmen zur Qualitätssicherung, wie sie eine Europäische Leitlinie formuliert: spezielle Schulung und Zertifizierung der Radiologen, Begutachtung von 5 000 Mammographien pro Jahr als Mindeststandard pro Auswerter, tägliche Kontrolle der Mammographiegeräte, Doppelbefundung aller Bilder, Einbindung des Programms in ein Krebsregister.
Radiologen planen „Gütesiegel“ als Qualitätskontrolle
Initiativen, bessere Mammographie-Standards in Deutschland durchzusetzen, gibt es auf vielen Ebenen. In Bremen und Wiesbaden haben in den letzten Wochen zwei der drei vom Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen initiierte Modellprojekte begonnen, in denen erprobt werden soll, ob und wie sich solch ein qualitätsgesichertes Screening im deutschen Gesundheitswesen einführen lässt; ein viertes Projekt wurde jetzt neu ausgeschrieben.
Gleichzeitig wollen die Deutsche Röntgengesellschaft und der Berufsverband der Radiologen noch dieses Jahr eine Art „Gütesiegel“ einführen, für Ärzte, die freiwillig Qualitätskontrollen akzeptieren. Das „Zertifikat“ soll Frauen die Möglichkeit geben, das Bemühen um Qualität zum Kriterium der Arztwahl zu machen. Aber auch für Radiologen und Gynäkologen, die an diesem Programm nicht teilnehmen wollen, wird es neue Hürden geben. Derzeit berät der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen über eine Novellierung der „Vereinbarung zur Strahlendiagnostik und -therapie“.
Danach müssten sich Kassenärzte, die Mammographien abrechnen wollen, in Zukunft einer Prüfung unterwerfen. Zudem würden sie jedes Jahr eine Auswahl eigener Röntgenaufnahmen zur Kontrolle der technischen und diagnostischen Qualität einsenden müssen. Dennoch: Keine dieser Initiativen erreicht die in den europäischen Leitlinien geforderten Kriterien.
Fachleute sind sich einig, dass die fehlende Akzeptanz systematischer Leitlinien dazu beträgt, dass Deutschland bei der Versorgung von Patientinnen mit Brustkrebs international einen spürbaren Rückstand hat. Bis zu Beginn der 90er-Jahre stieg in den meisten Industrieländern das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, langsam aber stetig an. Doch in den USA und Großbritannien kehrte sich der Trend dann um. Obwohl in den USA die Rate der diagnostizierten Mammakarzinome weiter steigt, fällt die Mortalitätsrate um neun Prozent. Dieser „Knick“ ist in Deutschland ausgeblieben.
Vor diesem Hintergrund haben Ärzte, Politiker und Selbsthilfegruppen eine „Plattform Onkologie“ gegründet. Die Initiative will, so schildert Prof. Rolf Kreienberg (Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft) bei der Auftatktveranstaltung in Berlin, Konzepte entwickeln, um Qualitätsmängel zu beheben. Klaus Koch
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