ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Elternzeit : Papa ante portas

POLITIK

Elternzeit : Papa ante portas

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1594 / B-1366 / C-1269

Krüger, Mark

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eine Kampagne des Bundesfamilienministeriums wirbt für das neue Bundes-Erziehungsgeld-Gesetz.

Mehr Spielraum für Väter“ heißt eine Kampagne des Bundesfamilienministeriums, die seit Anfang März läuft. Sie soll junge Väter zu Erziehungsurlaub und Teilzeitarbeit ermuntern. Anzeigen und Werbespots in Zeitschriften, im Kino und Fernsehen werben für das neue Bundeserziehungsgeldgesetz, das zum 1. Januar 2001 in Kraft getreten ist. Der nur als Pappfigur dargestellte Vater im Kinderzimmer oder in anderen alltäglichen Situationen bildet zusammen mit dem Slogan „Wäre es nicht schön, wirklich dabei zu sein?“ das Hauptmotiv der Aktion.
Papa ante portas – auf dem Weg zu einem neuen Väterbild? Diese Frage versuchten Teilnehmer einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung Anfang April zu beantworten. Bei einem herrschenden Patriarchat und einem perfektionistischen Bild der Mutter- und Vaterrolle seit mehr als 150 Jahren müsse der Weg zu einem neuen Vaterbild auch über das Mutterbild gehen, meinte Rainer Volz vom Sozialwissenschaftlichen Institut der evangelischen Kirche Deutschlands. Ein neues Männerbild liege möglicherweise zwischen dem „tough guy“-Typ und dem „Softie“ der Achtziger, wo „weniger Mann ist mehr Mensch“ noch als Parole gegolten habe. Es sei auch zu bedenken, dass einem Hausmann von vielen anderen Männern unterstellt werde, erläuterte der Referent, er sei ein „Weichei“. In der Vorstellungswelt vieler Männer rückten Hausmänner zudem näher an die Homosexualität, vermutete Volz.
Der Schauspieler Rainer Hunold, selbst Adoptivvater von zwei kleinen Kindern, fand sich beim Abholen des Kindes von der Schule (wörtlich) „allein unter schnatternden Müttern“: fehlende Gesprächsthemen oder ein echtes Integrationsproblem? Der größere Komfort für die Familie durch das meistens höhere Einkommen des Mannes sei für viele eine Entscheidungshilfe bei der Frage, wer zunächst zu Hause bleibe, wie sie es auch für ihn und seine Frau gewesen sei.
Gisela Erler, Familienforscherin und Unternehmensberaterin von pme Familienservice Berlin, sagte, die Türen für die Männer würden noch aufgehen. Keine Karriere würde durch teilweises Fortbleiben beschädigt, aber eine Verzögerung müsse man(n) in Kauf nehmen. Allerdings würden 70 Prozent der Männer ohnedies nicht am Arbeitsplatz aufsteigen, meinte sie.
Mehr Flexibilität der Arbeitszeitorganisation forderte Dr. Christoph Zschocke, Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Junger Unternehmer. Für ihn stelle sich die Frage, wer denn heute überhaupt Verantwortung tragen oder für Kinder zurückstecken wolle. Die Selbstverwirklichung gehe doch in vielen Fällen vor.
Es seien keine weiteren teuren Managerseminare nötig, Kompetenz könne man(n) auch zu Hause mit den Kindern erwerben, erklärte Dr. Christine Bergmann, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Väter wollten keine Randfiguren mehr sein. Sie hofft, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Zukunft selbstverständlich sein werde.
Ministerium für Geschlechts- und Generationenfragen
Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum zeigten, dass dieses Thema viele Aspekte hat. So meldeten sich Väter zu Wort, die seit Jahren bemüht sind, ihre Kinder überhaupt sehen zu dürfen. Auch die Kritik, dass im Namen des Ministeriums, das die Kampagne startete, die Väter fehlen würden, entbehrt nicht jeder Grundlage. Der Bremer Soziologe Prof. Dr. Gerhard Amendt forderte kürzlich die Umwandlung des Familienministeriums in ein Bundesministerium für Geschlechter- und Generationenfragen. In diesem Ministerium sollen nach Ansicht von Amendt alle Konfliktlagen zusammengefasst werden, die Männer wie Frauen daran hindern, sich im privaten und öffentlichen Leben in gegenseitiger Anerkennung zu begegnen.
Kann die Kampagne des Bundesministeriums die in sie gesetzten Ansprüche überhaupt erfüllen? Berechtigt ist sie zumindest, denn nur 1,5 Prozent der Väter haben in den vergangenen Jahren die bestehende gesetzliche Regelung des Erziehungsurlaubs genutzt. Bleibt die Frage, ob der Bildschirmschoner zum Herunterladen (www.mehr-spielraum-fuer-vaeter.de) die Väter am Arbeitsplatz wirklich überzeugt oder ob der Pappkamerad lächelnd alleine zu Hause bei Kind und Mutter bleibt. Leitbilder zu suchen ist eine Sache, uralte Rollen aufzubrechen eine andere. Mark Krüger
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema