ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Hörgeräteversorgung: Der „Goldrausch“ ist vorbei

THEMEN DER ZEIT

Hörgeräteversorgung: Der „Goldrausch“ ist vorbei

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1600 / B-1372 / C-1274

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zwei große Krankenkassenverbände setzen sich dafür ein,
dass die Informationsarbeit über alternative Versorgungs-
und Bezugsmöglichkeiten für Hörgeräte intensiviert wird.


Krankenkassen stehen selten im Verdacht, Ärzte zu bevorzugen. Da überrascht es schon, wenn der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in getrennten Studien zu dem Ergebnis kommen, dass die durch Empfehlung des HNO-Arztes ausgelöste Direktversorgung mit Hörgeräten keine Qualitätseinbußen, eine hohe Verbraucherzufriedenheit und geringere Zuzahlungen mit sich bringt als die traditionelle Versorgung über den Hörgeräteakustiker. Die Hörgeräteversorgung über den Arzt biete ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis als die traditionelle Versorgung über den Akustiker und sei somit die überlegene Alternative. Trotzdem wird derzeit erst jedes zehnte Hörgerät direkt über den HNO-Arzt vertrieben. Die Informationsarbeit über alternative Versorgungs- und Bezugsmöglichkeiten für Hörgeräte müsse unbedingt intensiviert werden, fordern die beiden Kassenverbände.
Die 400 in der WIdO-Untersuchung befragten Versicherten bezahlten beim Hörgeräteakustiker durchschnittlich rund 1 200 DM je Hörgerät aus der eigenen Tasche hinzu; beim HNO-Arzt waren es nur rund 360 DM. Die Studie des BKK-Bundesverbandes – die in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände erstellt wurde – basiert auf der Befragung von 3 825 Versicherten und kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Die Versicherten leisteten beim Hörgeräteakustiker eine durchschnittliche Zuzahlung in Höhe von 1 015 DM je Hörgerät und beim HNO-Arzt in Höhe von 591 DM. Vor dem Hintergrund, dass in Deutschland jährlich mehr als 500 000 Hörgeräte verkauft und angepasst werden, ergäbe sich bei einer weiteren Verbreitung des verkürzten Versorgungswegs eine erhebliche finanzielle Entlastung für die Versicherten, aber auch für die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV). Das derzeitige GKV-Ausgabevolumen für die Hörgeräteversorgung beläuft sich auf mehr als 700 Millionen DM jährlich.
Die Hörgeräteakustiker sehen ihre Felle davonschwimmen. Jahrzehntelang waren sie die einzigen, die Schwerhörige mit Hörgeräten versorgen durften. Ein lukratives Geschäft: Ein Preisvergleich für das Hörgerät VIVA 703 der Firma Siemens (siehe Tabelle) belegt die enormen Preisunterschiede zwischen verschiedenen Hörgeräteakustikern – ein deutlicher Beleg dafür, dass diese aufgrund des fehlenden Wettbewerbs ihre Preise nahezu willkürlich festlegen können. Es sei kein Wunder, „dass der Hörgeräteakustiker in der Regel ein größeres Auto fährt als der HNO-Arzt“, kommentiert ein Insider die Einkommensverhältnisse, die sich offenbar herumgesprochen haben: Nach AOK-Recherchen stieg die Zahl der Hörgeräteakustiker zwischen 1994 und 1998 von 556 auf 1 600 – ein Anstieg um 188 Prozent!
Die verkürzte Versorgung ist rechtens
Als Reaktion auf die neue Konkurrenz durch die Direktanbieter beschritten zahlreiche Hörgeräteakustiker – unterstützt durch ihre Bundesinnung in Mainz – den Klageweg: Die verkürzte Versorgung verstoße gegen die ärztliche Berufsordnung, gegen das Wettbewerbsrecht und gegen die Handwerksordnung. Die Klagen wurden allesamt abgelehnt.
Im Juni 2000 bestätigte auch der Bundesgerichtshofes (BGH) in Karlsruhe, dass es HNO-Ärzten nicht verboten ist, Hörgeräte über den verkürzten Versorgungsweg an ihre Patienten abzugeben. Die zusätzliche Geldquelle für die HNO-Ärzte – die ärztlichen Leistungen bei der Abnahme des Ohrabdrucks und der Anpassung des Hörgeräts können außerhalb des gedeckelten GKV-Budgets abgerechnet werden – sei rechtens:
- HNO-Ärzte übten nicht das Handwerk eines Hörgeräteakustikers aus. Die von ihnen erbrachten Leistungen gehörten zum beruflichen Bereich des Arztes.
- Die Zusammenarbeit mit den Direktanbietern bedeute kein berufsordnungswidriges Verhalten, weil die Vergütung nicht als Provision für die Verordnung des Hörgerätes zu werten sei, sondern als Pauschalbetrag für alle zusätzlichen Leistungen, die der Arzt bei der Zusammenarbeit mit der Firma erbringt.
- Der Umstand, dass der Arzt bei einer Entscheidung des Patienten für den verkürzten Versorgungsweg eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit erhalte und deswegen dazu neigen könnte, dem Patienten eine Versorgung auf diesem Weg nahe zu legen, rechtfertige nicht, ihm die Zusammenarbeit mit einem Direktanbieter allgemein zu verbieten. Ein Wettbewerbsverstoß liege nicht vor.
Als abzusehen war, dass die Gerichte nicht in ihrem Sinne urteilen würden, wendeten sich Lobbyisten der Hörgeräteakustiker an die Politik. So hatte der Bundesrat im November 2000 über einen Antrag des Landes Baden-Württemberg zu entscheiden, in dem gefordert wurde, die Tätigkeit von Ärzten und Gesundheitshandwerkern stärker voneinander abzugrenzen. Die vom Antragsteller beklagte zunehmende Praxis der Hilfsmittelabgabe durch Ärzte sollte durch eine Ergänzung des § 126 SGB V unterbunden werden. Initiator des Antrags war der baden-württembergische Sozialminister Dr. rer. nat. Friedhelm Repnik (CDU). Der Bundesrat lehnte den Antrag ab. Im März 2001 war ein ähnlicher Antrag Anlass für eine Expertenanhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Initiator diesmal: der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Lohmann aus Lüdenscheid/Westfalen. Der Gesundheitsausschuss lehnte den Antrag ab.
Warum sich CDU-Politiker so sehr für die Hörgeräteakustiker einsetzten, lässt sich nur mutmaßen. Tatsache ist, dass der Mitinhaber der Hörgerätekette Geers in Dortmund ein einflussreicher Parteifreund ist. Immerhin war Dr. jur. Volker Geers 1999 CDU-Kandidat in der Stichwahl zum Oberbürgermeister in Dortmund. Zudem hat er über sein Rechtsanwaltsbüro für die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker Prozesse zur Bekämpfung des verkürzten Versorgungswegs geführt.
Preise korrigieren
Unter Berücksichtigung des BGH-Urteils, der Entscheidungen auf politischer Ebene sowie des Rückenwindes von den Kassen ist damit zu rechnen, dass künftig weitere Firmen Hörgeräte auf dem verkürzten Versorgungsweg anbieten und der Anteil der Direktversorgung steigt. Die Hörgeräteakustiker werden sich (endlich) der Konkurrenz stellen und ihre Preise nach unten korrigieren müssen. Die Versicherten dürfen sich auf niedrigere Zuzahlungen freuen, den Ärzten bietet sich die Möglichkeit, eine neue Dienstleistung zu offerieren. Jens Flintrop


´Tabelle  
Hörgeräte: Zuzahlung unterschiedlich hoch*
Anpassdauer Festbetrag private Zuzahlung Gesamtkosten
in Stunden in DM in DM in DM
Hamburg 4 727 692 1 419
Westfalen-Lippe 2 760 756 1 516
Westfalen-Lippe 1 760 826 1 586
Niedersachsen 5 760 1 030 1 790
Hessen 1 760 1 076 1 836
Hessen 5 760 1 165 1 925
Hessen 1 760 1 180 1 940
Niedersachsen 1,5 760 1 215 1 975
* Festbetraggruppe 2: 727 bis 760 DM (je nach Bundesland unterschiedlich) Quelle: AOK


Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema