ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001BSE und Ernährung: Gründe für mehr Gelassenheit

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BSE und Ernährung: Gründe für mehr Gelassenheit

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1604 / B-1375 / C-1278

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Ein halbes Jahr nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland ist die anfängliche Panik einer realistischen Risikoabwägung gewichen.

Es besteht kein Zweifel: Die BSE- „Katastrophe“ hat den Speiseplan vieler Menschen in Deutschland verändert. Wenn eine Umfrage in niedersächsischen Krankenhäusern repräsentativ ist, wird heute auch an den meisten Klinikküchen rindfleischlos gekocht. 96,4 Prozent der Krankenhäuser gaben an, den Verbrauch von Rind seit Bekanntwerden des ersten BSE-Falles in Deutschland reduziert zu haben, wobei 80,4 Prozent völlig auf Rindfleisch verzichten. Da bisher nur 85 von 300 Kliniken die Umfrage, die bei einer Tagung in der Ärztekammer Niedersachsen vorgestellt wurde, beantwortet haben, ist ein Selektionsbias nicht auszuschließen – man darf aber von einem rindfleischlosen Trend in den Klinikküchen ausgehen.
Ob dies sinnvoll ist, wird von vielen Wissenschaftlern jedoch bezweifelt. Prof. Peter Schauder von der Akademie für Ernährungsmedizin in Hannover meinte, dass der unkritische Verzicht auf Rindfleisch die Fehlernährung auf anderen Gebieten eher verstärkt habe. BSE sei auf keinen Fall ein Grund, völlig auf Fleisch zu verzichten: „Ich kenne kein schlechteres Argument für den Vegetarismus als BSE.“ Neben dieser pauschalen Aussage bot die Veranstaltung jedoch einige Anregungen für eine persönliche Risikoabschätzung.
Es beginnt damit, dass noch keineswegs sicher ist, dass der Verzehr von BSE-kontaminiertem Fleisch die Ursache der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (vCJD) ist. Selbst der „Entdecker“ der Prionen, Prof. Stanley Prusiner, setzt in seiner jüngsten Übersicht zum Thema (NEJM 2001; 344: 1516–26) noch ein Fragezeichen hinter diese pathogenetische Hypothese. Für einen Zusammenhang spräche die geographische Verteilung von vCJD und BSE, die beide zuerst in Großbritannien auftraten und dort die meisten Opfer forderten. Es gebe jedoch keine diätetischen Unterschiede zwischen den Erkrankten und Nichterkrankten. Für Prusiner ist es unerklärlich, warum vor allem Jugendliche und junge Erwachsene erkranken, aber nicht ältere Erwachsene. Gleichwohl hält Prusiner einen Zusammenhang für wahrscheinlich.
Schnelltest-Engpass behoben
Auch Prof. Walter Schulz-Schäffer von der Abteilung für Neuropathologie an der Universität Göttingen, wo sämtliche Fälle von (konventioneller) CJD in Deutschland zentral ausgewertet werden, ist von einer Übertragbarkeit von BSE auf den Menschen überzeugt. Das akute Risiko einer Ansteckung hält er jedoch für gering. Als Argument nannte er die geringe Infektiosität von Prionen bei oraler Ingestion. In Tierversuchen sind bei der oralen Aufnahme 106 mal höhere Dosen (infektiöse Einheiten) notwendig als bei einer intrazerebralen Injektion.
Die Menge der mit rindfleischhaltiger Nahrung aufgenommenen Erreger sei jedoch gering, solange kein Material aus Gehirn oder Rückenmark in die Nahrungskette gelangt. Gehirn und Rückenmark enthalten 106 bis 109 infektiöse Einheiten pro Gramm, im Muskelgewebe seien es höchstens 102 pro Gramm. Bisher gebe es keinen Hinweis darauf, dass der Verzehr von Rindfleisch die Krankheit übertragen habe.
Auch Dr. Martin Groschup von der Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen (Insel Riems) rät zur Gelassenheit, zumal die nach dem ersten BSE-Fall beschlossenen Maßnahmen offenbar greifen. Bis Ende Mai 2001 waren 67 Fälle von BSE-Erkrankungen in Deutschland gemeldet. Zu diesem Zeitpunkt wurden 650 000 Schnelltests durchgeführt, davon 580 000 in Schlachthöfen und 70 000 im Rahmen des Monitorings klinisch auffälliger oder notgeschlachteter Tiere. Der anfängliche Engpass bei den Schnelltests sei inzwischen behoben. Es gebe eine Überkapazität von 30 bis 40 Prozent. Der zunehmende Wettbewerb habe sogar zu einem „Probentourismus“ geführt. Nicht selten würden Gewebeproben aus Bayern jetzt in Hamburg und umgekehrt untersucht.
Eine Epidemie wie in Großbritannien sei in Deutschland nicht zu befürchten. Auch in Großbritannien scheint das Problem weitgehend gelöst, trotz 1 537 neuer BSE-Erkrankungen im Jahr 2000. Wie Groschup ausführte, datieren die Infektionen bis auf zwei aus der Zeit vor dem Verbot des Tiermehlbesitzes im März 1996. Bei den beiden späteren Infektionen handele es sich vermutlich um eine vertikale Übertragung von der Mutterkuh auf das Rind.
In Deutschland hat es bisher keinen Fall einer vCJD gegeben. In Großbritannien sind es derzeit 99 Fälle. Sie sind in Relation mit kumulativ 180 000 BSE-Erkrankungen bei Rindern zu setzen. Im günstigsten Fall wird in Großbritannien mit etwa 300 vCJD-Erkrankungen gerechnet. Das Szenario geht davon aus, dass sich die heutigen Patienten auf dem Höhepunkt der Epidemie 1992 angesteckt haben, als es 37 280 BSE-Erkrankungen bei Rindern gab.
Im ungünstigsten Fall wird in Großbritannien mit 300 000 Erkrankungen gerechnet. Dieses Modell geht davon aus, dass sich die heutigen Patienten bereits 1987 oder vorher angesteckt haben, als es in Großbritannien bereits 446 BSE-Fälle gab. In diesem Fall müsste die Zahl der vCJD-Patienten in den nächsten Jahren ebenso sprunghaft steigen wie die BSE-Zahlen Ende der 80er-Jahre. Sofern Deutschland von einem derartigen Anstieg der BSE-Erkrankungen bei Rindern verschont bleibt, ist auch nicht mit einem „Worst-case“-Szenario in Deutschland zu rechnen. Rüdiger Meyer
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