ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Notfallmedizin: Veränderte Einsatzrealität

THEMEN DER ZEIT

Notfallmedizin: Veränderte Einsatzrealität

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1605 / B-1376 / C-1279

Pajonk, Frank-Gerald; Madler, Christian

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LNSLNS Psychiatrische Notfälle sind die dritthäufigste Einsatzursache für Not-
ärzte. Die Kenntnisse im Umgang mit psychisch Kranken sind gering.

Die Notfallmedizin befindet sich im Umbruch. Psychiatrische Erkrankungen und psychosoziale Aspekte prägen zunehmend die Einsatzrealität vieler Notarztdienste. Diese Situation hat zu einem Überdenken bisheriger Strukturen und Konzepte geführt. Auf notfallmedizinischen Kongressen stehen diese Fragestellungen immer häufiger auf der Tagesordnung.* Die in den letzten Jahren gestiegene Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen und Publikationen zu psychiatrischen Notfällen und psychosozialen Fragen in der Notfallmedizin hat zu einem enormen Wissenszuwachs geführt, der Konsequenzen nach sich ziehen muss.
Die Arbeitsgruppe „Psychiatrie und Rettungswesen“ am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf fand heraus, dass psychiatrische Notfälle die dritthäufigste Einsatzursache mit rund zehn Prozent aller Notarzteinsätze darstellen. Betroffen sind überwiegend junge männliche Patienten (Durchschnittsalter circa 43 Jahre), bei denen häufig eine Intoxikation oder ein Substanzmittelabusus vorliegt. Bei diesen Patienten bestehen zwar oftmals keine Störungen der Vitalfunktionen im klassischen notfallmedizinischen Verständnis. Doch bedingt durch fehlende Kooperationsfähigkeit, Suizidalität, Aggressivität und Gewalttätigkeit, stellen sie eine große Problemgruppe hinsichtlich Versorgung, Transport und stationärer Unterbringung dar. Andererseits sind die Kenntnisse zu psychiatrischer Diagnostik und Therapie sowie zum Umgang mit diesen Patientengruppen bei Notärzten und Rettungsdienstfachpersonal gering, wie verschiedene Studien zeigen konnten (Pajonk et al., 1998, 2000, 2001).
Eine besondere Problemgruppe stellen suizidale Patienten dar, die 25 bis 35 Prozent aller psychiatrischen Notfallpatienten ausmachen. Um auch für psychiatrische Patienten eine qualitativ hochwertige Versorgung im Notarztdienst zu gewährleisten, müssen verstärkt Fort- und Weiterbildungsprogramme durchgeführt werden, wie sie auch von der Mehrzahl der Notärzte gewünscht und gefordert werden.
Zudem müssen rettungsdienstliche Strukturen auf ihre Akzeptanz und Effektivität geprüft werden. Zu diskutieren ist eine engere Verzahnung einzelner Dienste. Dabei könnten Rettungsleitstellen zukünftig die Aufgaben eines „sociomedical call center’s“ erfüllen und die Koordination von miteinander vernetzten Diensten übernehmen, das heißt beispielsweise zwischen kassenärztlichem Bereitschaftsdienst, Kriseninterventionsdienst, psychosozialen Diensten, Drogenberatung und Psychologischen Psychotherapeuten. Obwohl dies nicht kostenneutral zu gestalten ist, könnte damit die dringend erforderliche Verbesserung der Qualität und Effizienz in der Versorgung psychiatrischer und psychosozialer Notfälle erreicht werden. Neben der Verhütung von Folgeschäden infolge nicht beziehungsweise nicht fach- oder nicht zeitgerecht durchgeführter Maßnahmen könnten psychiatrische Einrichtungen zielgerichteter in Anspruch genommen werden – das kann die Kosten verringern.
Erste Analysen der Einsatzdaten des Notarztdienstes Kaiserslautern (Luiz et al. 2000) zeigen eine enge Korrelation zwischen Inzidenz und Art des Einsatzgeschehens und sozialen Strukturen (zum Beispiel Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerrate). Diese rettungsdienstlichen Einsatzdaten könnten einen zeitnahen und sensitiven Indikator für soziale Veränderungen und die Effektivität komplementärer sozialer und medizinischer Institutionen darstellen. Optimale Voraussetzungen zur Durchführung solcher Analysen gibt es dort, wo sowohl eine große Einsatzfrequenz, eine einheitliche medizinische Supervision des Notarzt- und Rettungsdienstes als auch der Einsatz adäquater Dokumentationsinstrumente gegeben sind. Es bleibt zu hoffen, dass die Entscheidungsträger dieses bislang weitgehend ungenutzte Potenzial der Notfallmedizin, Beiträge zur Versorgungsforschung und Strukturplanung im Gesundheitswesen leisten zu können, erschließen und entsprechende sozialepidemiologische Forschungsvorhaben als förderungswürdig erachten.

Dr. med. Frank-Gerald Pajonk
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
E-Mail: pajonk@uke.uni-hamburg.de

Prof. Dr. med. Christian Madler
Institut für Anästhesiologie und Notfallmedizin I
Westpfalz-Klinikum
Hellmut-Hartert-Straße 1, 67655 Kaiserslautern


* Auf der 48. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin Nürnberg war eine Hauptsitzung diesem Wandel des Einsatzspektrums gewidmet. Auch auf dem 2. Südwestdeutschen Notfallsymposium, das unter dem Thema „Notfallmedizin – von der Rettungsmedizin zur Akutmedizin“ am 19./20. Oktober 2001 in Kaiserslautern stattfindet, werden die psychosoziale Dimension der Notfallmedizin und ihre künftige Rolle in der Akutversorgung breiten Raum einnehmen.


Ergebnis einer Studie bei Hamburger Notärzten: Nur 42 Prozent stellten bei psychiatrischen Patienten die richtige Diagnose; 66 Prozent hatten eine richtige stationäre Einweisung erwirkt.
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