ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Serbien: Gesundheitssystem vor dem Kollaps

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Serbien: Gesundheitssystem vor dem Kollaps

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1606 / B-1377 / C-1280

Blettner, Annette

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LNSLNS Sozialistische Misswirtschaft, Krieg und Sanktionen des Westens haben dazu geführt, dass Serbiens Gesundheitswesen hoffnungslos
hinter europäischen Standards hinterherhinkt.

Hilflos röchelnd ringt der alte Mann auf der Intensivstation des „Klinischen Zentrums“ Belgrad nach Atem. Offenbar braucht er Sauerstoff. „Wir haben nur zwei funktionierende Beatmungsgeräte, und die sind schon im Einsatz“, sagt Dr. Dusko Jovanovic, Chirurg und Verwaltungsdirektor des größten Krankenhauses von Belgrad. Der noch junge Arzt zuckt hilflos mit den Schultern. „Immer wieder sterben Patienten, weil lebensnotwendige Geräte kaputt sind und Medikamente fehlen.“
Der Arzt zeigt auf ein paar Plastikbehälter, in denen außer Verbandsmaterial, ein paar chirurgischen Nadeln und wenigen Medikamenten gähnende Leere herrscht. „Weil wirklich alles fehlt, geben wir den Patienten nach ihrer Einlieferung Listen mit den benötigten Sachen: Lebensmittel, Decken, Medikamente, chirurgisches Nahtmaterial, einfach alles, was sie für ihren Aufenthalt in der Klinik brauchen. Die Verwandten besorgen das dann normalerweise auf dem Schwarzmarkt.“ Erst kürzlich, so Dr. Jovanovic, sei nachts ein Patient mit offenem Magengeschwür eingeliefert worden. „Wir mussten ihn sofort operieren, hatten aber kein chirurgisches Nahtmaterial mehr.“ Eine Schwester habe normales Nähgarn besorgt, und der Patient sei notdürftig zusammengeflickt worden.
Der Arzt berichtet von an Diabetes erkrankten Patienten, denen in der Not aus Tieren hergestelltes Insulin verabreicht wurde, mit zum Teil tödlichen Folgen. Krebspatienten erhielten Überdosen aus überalterten Röntgengeräten. Im letzten Winter brach in der ungeheizten Klinik eine Grippeepidemie aus. Der Arzt zeigt auf eine Ecke an der Wand, an der ein paar billige Drucke serbischer Heiliger hängen. „Die haben wir hier aufgehängt“, sagt Dr. Jovanovic, „weil nur noch Gott uns helfen kann.“
Der junge Arzt ist noch nicht allzu lange im Amt. Nach der Revolution hatten Mitglieder der Demokratischen Opposition DOS im ganzen Land Krisenstäbe gebildet. Sie verjagten die einstigen Gefolgsleute Milosevics, die das Land in mehr als zehnjähriger Misswirtschaft in den Ruin getrieben hatten. Die Krisenstäbe besetzten Schlüsselpositionen in Verwaltung und Wirtschaft neu – und fanden Anzeichen massiver Korruption. „Die Katastrophe, die der ehemalige Ge­sund­heits­mi­nis­ter Milovan Bojic hinterlassen hat, ist größer als erwartet“, sagt Dr. Jovanovic. Im Klinischen Zentrum von Belgrad stieß der neue Verwaltungschef nicht nur auf leere Kassen, sondern auch noch auf Schulden und unbezahlte Rechnungen von mehr als 21 Millionen DM.
Milosevic und seine Entourage sollen einer Studie des Bundesnachrichtendienstes zufolge bis zu 100 Millionen DM aus Serbien auf Konten in Russland, China, Zypern, Griechenland, Libanon und Südafrika transferiert haben. Sozialistische Misswirtschaft, die Sanktionen des Westens, der NATO-Krieg und vier Kriege mit daraus resultierenden 750 000 Flüchtlingen und Vertriebenen im Land haben Serbien an den Rand des Kollapses gebracht. Es fehlt an Brennstoff, Lebensmitteln und Medikamenten.
Fast die Hälfte der Schulkinder gilt heute als mangelernährt, die Sterblichkeitsrate ist um 37 Prozent gestiegen. Die Geburtenrate ist seit dem letzten Weltkrieg erstmals wieder niedriger als die Sterberate. Gleichzeitig sei die Lebenserwartung gefallen. Ein Resultat der Verarmung der Gesellschaft.
Tag und Nacht schuften für einen Hungerlohn
„Vor zwölf Jahren verdiente ich 2 500 DM im Monat, jetzt sind es 100 DM“, sagt Zeljka Ilic, Ärztin und Röntgenologin am Institut für Nuklearwissenschaften. Ilic war Ge­sund­heits­mi­nis­terin in der Übergangsregierung unter Präsident Vojislav Kostunica. „1993, während der galoppierenden Inflation, konnte ich von meinem Gehalt nur noch zwei Dosen Fisch und eine Tube Zahnpasta kaufen.“ Zeljka zeigt verschämt auf die zerschlissenen Sessel in ihrem Wohnzimmer. „Seit zehn Jahren haben wir hier nichts mehr verändert. Wir verzichteten auf jeden Luxus, kauften keine Bücher, gingen nicht mehr aus, lebten nur noch von der Substanz. Freunde von uns rollten ihre Teppiche zusammen und verscherbelten sie auf dem Schwarzmarkt, andere tauschten Schmuck gegen Lebensmittel.“
Viele Ärzte drehten ihrem Land den Rücken und suchten ihr Glück im Ausland. Andere verlangten im ansonsten kostenfreien Gesundheitssystem illegal für jede Sonderleistung private Honorare. Die wenigen Ärzte, die weiterhin ihre Patienten kostenlos behandelten, schufteten Tag und Nacht für einen Hungerlohn und verarmten. So zum Beispiel Dr. Slobodan Ilic, Zeljkas Mann. „Manchmal“, erinnert sich der Chirurg, „behandelte ich über 100 Patienten pro Nacht und bekam dafür ganze drei Mark.“
Wer blieb und das System kritisierte, verlor seinen Arbeitsplatz. Auch Zeljka Ilic wurde mehrfach am helllichten Tage von der Polizei verhaftet. In der oppositionellen Tageszeitung Danas bezichtigte sie Ge­sund­heits­mi­nis­ter Milovan Bojic des Diebstahls und Betrugs, unter anderem durch die Belieferung der Krankenhäuser mit Billigpräparaten aus China, die nicht dem europäischen Standard entsprachen. „Für alles hatte ich Beweise, aber sie eröffneten trotzdem einen Prozess gegen mich, der noch läuft.“
Doch seit der Revolution plagen die 45-jährige Ärztin andere Sorgen. Tag und Nacht ist sie auf den Beinen, macht Bestandsaufnahmen und erstellt so genannte Dringlichkeitslisten. „Das Gesundheitssystem hinkt heute 25 Jahre hinter dem europäischen Standard her.“ Hilfe würde dringend gebraucht, aber gleichzeitig hat Ilic Angst davor, dass ausländische Pharmakonzerne Serbien als preiswerte Mülldeponie für abgelaufene Medikamente und veraltete Geräte nutzen könnten.
„Nur kurzfristig darf das Land am Tropf der internationalen Gemeinschaft hängen“, sagt Ilic. Bald schon könne mit der Produktion von Medikamenten in Serbiens Fabriken begonnen werden, sobald die Sanktionen komplett aufgehoben würden und notwendige Rohstoffe ins Land kämen.
Hilfe im Land leistet bereits das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Es beliefert 35 Kliniken im ganzen Land regelmäßig mit chirurgischem Material, und in zwölf Apotheken des Roten Kreuzes werden 46 Basismedikamente an chronisch Kranke, Flüchtlinge, Vertriebene und Alte und Kranke verteilt. „Damit können wir aber nur 30 Prozent des tatsächlichen Bedarfs abdecken“, sagt Eliane Marmy, zuständige Mitarbeiterin für Gesundheitsfragen beim IKRK.
Für die Ärmsten der Armen, für Invalide, Kranke, allein erziehende Mütter mit Kleinkindern, hat das Rote Kreuz über 100 so genannte Suppenküchen eingerichtet. Rund 70 000 Serben, die unter der Armutsgrenze von 40 DM im Monat liegen, erhalten hier täglich eine warme Mahlzeit. Einer von ihnen ist Jovo Veris. Der zahnlose Mann mit vor Dreck starrenden Hosen und viel zu weitem Jackett ist nach schwerer Herzkrankheit im Vorruhestand. Seine Rente von nicht mal 20 DM pro Monat reicht gerade für Miete, Strom und Wasser. „Den Ofen heize ich mit gesammeltem Holz, und beim Roten Kreuz bekomme ich meine einzige Mahlzeit am Tag“, sagt Jovo. „Zumeist gibt es Gemüse und Kartoffeln oder Nudeln. Nur samstags gibt es Fleisch in Dosen.“
Weitere rund 30 000 Bedürftige erhalten in Sammelstellen monatlich Öl, Zucker, Bohnen und Mehl. „Knapp 10 Prozent der Bevölkerung erhalten bei uns Hilfe, Nahrung und Medikamente. Viele weitere hätten es noch nötig“, sagt Biljana Spasic vom Roten Kreuz in Belgrad. Die Helferin berichtet von TBC-Erkrankungen, von Läusen und Flöhen, Folgen der Verarmung. „Hygiene ist ein großes Problem. Seife und Waschpulver kosten bei uns ein Vermögen.“
Auch dem serbischen Regierungschef, Zoran Djindjic, liegt die rasche und unbürokratische Hilfe für die Menschen in Serbien am Herzen. „Meine größte Sorge ist, dass nicht schnell genug Hilfe ins Land kommt. Und dass diese Hilfe gerecht verteilt wird. Davon wird es abhängig sein, ob sich die Demokratie in Serbien durchsetzen kann.“ Annette Blettner


Spendenkonto:
Caritas für das Bistum Essen
Bank im Bistum Essen
Kto.: 14 400
BLZ: 360 602 95
Kennwort: Serbienhilfe


In mehr als 100 so genannten Suppenküchen versorgt das Rote Kreuz die Ärmsten der Armen täglich mit einer warmen Mahlzeit.
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