ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Aids/Südafrika: Einseitige Sichtweise

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Aids/Südafrika: Einseitige Sichtweise

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1608 / B-1379 / C-1282

Michel, Martin C.

Zu dem Beitrag „David gegen Goliath“ von Heike Korzilius in Heft 17/2001:
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LNSLNS Den Bericht habe ich mit Interesse gelesen, fand ihn aber recht einseitig. Man mag darüber streiten, ob das Verhalten der pharmazeutischen Industrie in Sachen Aids-Medikamente für Afrika den deutschen Vorstellungen von sozialer Marktwirtschaft entspricht. Absurd ist es aber, in dem von uns gewählten Wirtschaftssystem einem Unternehmen „Gewinnsucht“ moralisch vorzuwerfen.
Darüber hinaus wurden zwei wesentliche Aspekte im Bericht außer Acht gelassen. Zum einen hatte es in der Vergangenheit Angebote der pharmazeutischen Industrie gegeben, Schwarz-Afrika Aids-Medikamente zu deutlich reduzierten Preisen anzubieten. Verständliche Bedingung der Firmen war es jedoch, dass es nicht zu einem organisierten Re-Import in den reichen Norden käme. Dieses Vorgehen ist am Einspruch der Welthandelsorganisation gescheitert, die Grundprinzipien des freien Handels hier über die Nothilfe für die Aids-Patienten in Afrika stellte.
Noch wichtiger scheint mir die Tatsache, dass das Ausmaß der Aids-Epidemie in Südafrika in wesentlichen Teilen von der dortigen Regierung hausgemacht ist. Diese hat jahrelang lautstark abgestritten, dass die Aids-Erkrankung durch eine HIV-Infektion hervorgerufen wird. Dementsprechend wurden nationale Maßnahmen zur Eindämmung der HIV-Übertragung sträflich vernachlässigt. Ohne diese unverständliche Negierung der Pathogenese der Erkrankung stände Südafrika heute wohl kaum vor einem Aids-Problem dieses Ausmaßes. Die jetzt erzielte Einigung, die eine deutlich preisreduzierte Abgabe von antiviralen Medikamenten an Aids-Patienten in Südafrika ermöglicht, ist im Interesse der Patienten dort sicher zu begrüßen. Primär die pharmazeutische Industrie als Verursacher des Problems an den Pranger zu stellen erscheint mir aber eine zu einseitige Sichtweise der komplexen Situation in Südafrika.
Prof. Dr. med. Martin C. Michel, Medizinische Klinik, Universitätsklinikum Essen, Hufelandstraße 55, 45147 Essen
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