ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1996Pädiatrische Kardiologie: Interventionelle Verfahren gewinnen an Bedeutung

POLITIK: Medizinreport

Pädiatrische Kardiologie: Interventionelle Verfahren gewinnen an Bedeutung

Porcher-Spark, Annette

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LNSLNS In Deutschland werden jährlich 7 000 bis 8 000 angeborene Herzfehler diagnostiziert. Durch die großen Fortschritte in der Pädiatrischen Kardiologie und der Herzchirurgie in den vergangenen 20 Jahren erreichen heute 75 Prozent dieser Kinder das frühe Erwachsenenalter, während 1970 noch etwa drei Viertel der Betroffenen vor Erreichen des 18. Lebensjahres starben.
Darauf hat Prof. Herbert Ulmer von der Universität Heidelberg auf der Jahrestagung der Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin in Würzburg hingewiesen. Bei etwa 70 Prozent der betroffenen Kinder wird nach den Worten des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie heute bereits im ersten Lebensjahr eine Korrekturoperation durchgeführt: 40 Prozent werden sogar schon als Säuglinge operiert. In etwa 30 Prozent der Fälle sind eine oder mehrere Folgeoperationen im späteren Kindesalter notwendig.
Durch die rasante Entwicklung immer speziellerer Techniken in der Kardiologie wurde die Pädiatrische Kardiologie zum ersten etablierten Teilgebiet der Kinderheilkunde. Nach Angaben der Bundes­ärzte­kammer arbeiteten 1995 in Deutschland 134 Kinderkardiologen in Kliniken; 51 waren in niedergelassenen Praxen tätig. Zu den Aufgaben dieses Fachgebietes gehören Primärdiagnostik, Operationsvorbereitung, perioperative Intensivbehandlung und die Langzeitbetreuung der Patienten, die aufgrund der zunehmenden Zahl von überlebenden Jugendlichen mit komplexen Herzfehlern in Zukunft erheblich an Bedeutung gewinnen wird. Auch die pränatale Diagnostik sowie die Behandlung von fetalen Herzfehlern und Herzrhythmusstörungen in Zusammenarbeit mit den Pränatalmedizinern ist eine Domäne der Pädiatrischen Kardiologen. Die wachsenden technischen Möglichkeiten haben dazu beigetragen, daß Herzkatheterungen in der Pädiatrie außer zur Diagnostik in zunehmendem Umfang auch zur Therapie eingesetzt werden können. So seien heute etwa 20 Prozent aller angeborenen Herzfehler mit interventionellem Verfahren gut zu behandeln, erklärte Prof. Peter Schneider vom Herzzentrum Leipzig. Die Vorteile der Methode gegenüber operativen Eingriffen liegen nach den Worten des Experten auf der Hand: Geringere Invasivität, weniger Blutbedarf, kürzerer Kranken­haus­auf­enthalt und oft günstigere Kosten.
Nach ersten Anfängen bereits Mitte der sechziger Jahre gewann die interventionelle Kinderkardiologie in den achtziger Jahren zunehmend an Bedeutung. Die Dilatation mit Hilfe von Ballonkathetern etablierte sich weltweit relativ rasch als Methode der Wahl bei der Behandlung von valvulären Pulmonalstenosen. Auch bei der Therapie von Re-Stenosen nach der operativen Korrektur von Isthmusstenosen (Recoarctation) bewährte sich die Katheterinvention: Erfolge sind nach Angaben von Schneider bei etwa drei Viertel der Patienten zu erwarten. Geteilt sind die Meinungen in Fachkreisen zur Zeit noch über die interventionelle Methode zum Verschluß eines persistierenden Ductus arteriosis (Duktusokklusion) nach Rashkind. In den USA sei dieses Verfahren, bei dem ein Okkluder (ein "Doppelschirmchen") durch eine Katheterhülse transportiert und im Duktus plaziert wird, zum Beispiel nicht zugelassen, berichtete der Kinderkardiologe.
Auch für die Behandlung von Aortenklappenstenosen, Vorhofseptumdefekten und Kammerseptumdefekten wurden interventionelle Behandlungen entwickelt und klinisch erprobt. Wichtige Impulse erhielt die interventionelle Therapie in den neunziger Jahren durch den zunehmenden Einsatz von Stents, mit denen es oft besser gelang, verengte Gefäßstrecken offenzuhalten, als durch Operationen oder Ballondilatationen.
Durch die Entwicklung neuer, immer speziellerer Techniken wie zum Beispiel Fistelverschlüsse durch Spiralen, Öffnung von Klappenatresien durch Ablationskatheter wurde es möglich, auch seltenere Herzfehler interventionell zu behandeln. Aufgrund der großen Fortschritte im Bereich Computerisierung und Miniaturisierung könnten nach Ansicht von Schneider viele der zur Zeit noch bestehenden technischen Probleme der interventionellen Methode gelöst werden. Leider sei das Interesse der Industrie an derartigen Neuentwicklungen relativ gering. Als ein weiteres Problem für die Zukunft der Kinderkardiologie in Deutschland nannten die Experten die ungerechte Bewertung dieser Leistungen durch die Kostenträger: Der höhere Aufwand an Zeit, Personal und Material bei Herzkatheteruntersuchungen bei Kindern werde bei der Bewertung überhaupt nicht berücksichtigt.
Annette Porcher-Spark

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