ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Spanien: Mit Don Quijote zu Pedro Almodóvar

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Spanien: Mit Don Quijote zu Pedro Almodóvar

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1631 / B-1403 / C-1304

Motz, Roland

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LNSLNS Schnurstracks führt die Autobahn von Madrid in den Süden. Es ist glühend heiß, auch jetzt schon im Frühling. Sobald der Königsweg zu den andalusischen Stränden außer Sichtweite gerät, hört der Verkehr schlagartig auf. Unendliche Weite, ab und zu einmal von einer Burg unterbrochen, Getreidefelder, hin und wieder wie Soldaten in Reih und Glied stehende Olivenbäume, von der Sonne niedergeduckte Rebstöcke. Wir sind mitten in der Mancha kurz vor Consuegra – Don-Quijote-Land.
Plötzlich geraten elf Windmühlen auf einem Hügel neben einer Burgruine ins Blickfeld. Wir erreichen den unterhalb des Bergrückens gelegenen blitzsauberen Ort. „Se vende – zu verkaufen“, steht an jedem dritten Haus. Fast alle Gebäude sind weiß getüncht und haben rote Tonziegeldächer. Kein Mensch ist auf der Straße. Es sieht nicht so aus, als ob in letzter Zeit jemand gekauft hätte. Wir folgen einem Schild zu den ebenfalls frisch geweißten Mühlen. Vor „El Sancho“ verkauft eine Frau Honig und Gewürze. Wie an einer Perlenkette aufgereiht, stehen die Windmühlen von Consuegro hintereinander. Ein erhabenes Bild, um sich den ungeheuerlichen Kampf vorzustellen, den Don Quijote je auszufechten hatte.
Don Quijote:
Träumer und Idealist
„Denn dort siehst du, Freund Sancho Panza, wie dreißig Riesen oder etliche mehr zum Vorschein kommen; mit denen gedenke ich einen Kampf zu fechten und ihnen allen das Leben zu nehmen. Es geschieht Gott ein großer Dienst damit, solch übles Gezücht vom Angesicht der Erde zu vertilgen.“ „Bedenket doch, Euer Gnaden“, entgegnete Sancho, „die dort sich zeigen, sind keine Riesen, sondern Windmühlen.“
„Wohl ist,s ersichtlich“, erwiderte Don Quijote, „dass du in Abenteuerdingen nicht sonderlich bewandert bist; es sind Riesen, und wenn du Furcht hast, mach, dich fort und verrichte dein Gebet, während ich zu einem grimmigen und ungleichen Kampf mit ihnen schreite.“
Übel zugerichtet landet der große Träumer und Idealist im Graben. Es ist der Anfang einer Serie von Niederlagen des Träumers gegen die raue Wirklichkeit, mit der sich Don Quijote die Herzen seiner Leser erobert hat.
Am südwestlichen Rand der Mancha liegt Almagro. Die verschlafene Kleinstadt mit ihren zahlreichen Palästen ist nach ihrem berühmtesten Sohn benannt. Diego de Almagro war einer der ganz Großen der spanischen Conquista und gilt als der Entdecker von Chile. Das unübersehbare Denkmal vor der Plaza zeigt einen Mann „von edler Gesinnung und vornehmem Denken, aber von so niedriger Herkunft, dass mit ihm sein Geschlecht begann und endigte“. Schon bei der Gefangennahme des Inkaherrschers Atahualpa stellte er die gepriesenen Charaktereigenschaften unter Beweis, indem er seinen gefallenen Partner Francisco Pizarro davon abhielt, den Indios weiterhin hinterherzureiten und ihnen die Hände abzuhacken, die man doch zu eigenem Nutzen noch wirken lassen könne. 1538 kehrte er einäugig, halbverhungert, verbittert und ohne Gold aus der schrecklichen Wüste Atacama zurück und entschloss sich zum Kampf um die peruanische Beute gegen Pizarro. Doch in der Entscheidungsschlacht verliert Almagro seinen Kopf. Francisco Pizarros Kopf hingegen ziert seit 1992 die spanischen 1 000-Peseten-Scheine.
Eine glücklichere Hand mit dem Geld und einen klareren Kopf, dieses zu vermehren, hatte Jakob Fugger der Reiche. Almagro verdankt seinen vergangenen Wohlstand den Fuggern und diese wiederum einen Teil ihres Reichtums dem ständig über dem spanischen Imperium drohenden Staatsbankrott. Alles Gold und Silber aus Mexiko und Peru reichte nicht aus, um die Ausgaben zu decken. Die reichste Nation ihrer Zeit musste sich ständig Geld ausleihen. Die Fugger erhielten als Gegenleistung die Schürfrechte an den Quecksilber- und Zinnminen
in der Umgebung von Almagro sowie umfangreiche Handelskonzessionen mit der Neuen Welt. Sie bauten die Stadt zu ihrer Handelsmetropole mit Übersee aus.
Plaza Mayor:
Flämisch geprägt
Wenn man durch die engen Gassen der Kleinstadt schlendert, kommt man bald am Lagerhaus und dem kleinen, aber feinen Palacio der „Fucares“ vorbei, wie die Augsburger in Spanien bezeichnet werden. Das Wort gilt noch immer als Synonym für reiche Leute. Am beeindruckendsten ist jedoch die flämisch ge-prägte Plaza Mayor, die gar nicht in die Mancha passen will. Mit seinen zweigeschossigen grünen Fachwerkgalerien über den Arkaden wirkt der lang gezogene, rechteckige Platz wie ein überdimensionaler und dennoch gemütlicher Innenhof – der ideale Ort, um auf den Stühlen vor der Bar einen Aperitivo zu sich zu nehmen und dem gemächlichen Treiben zuzuschauen. Die Kneipe heißt „Don Quichote“. In den schattigen Laubengängen klöppeln Frauen vor sich hin.
Gegenüber der Bar „Don Quichote“ liegt der Eingang zum Corral de Comedias. Seit Beginn des 17. Jahrhunderts werden in dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude Aufführungen geboten. Der Staat subventioniert das einzige noch erhaltene spanische Renaissance-Theater.
Baumlose Hügel, karstige Steppen begleiten uns auf dem Weg nach Calzada de Calatrava. Hebt man den Blick, flimmert die Landschaft unwirklich leblos in der trockenen Luft. Kaum Autoverkehr. Ein entgegenkommender Lastwagen hupt aus Langeweile. Öde, staubig und leer liegt das Land vor unseren Augen. Roland Motz

Don-Quijote-Land: Windmühlen, wie an einer Perlenschnur aufgereiht
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