ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Schilddrüse: Wechselwirkungen mit Pille und Hormonen

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Schilddrüse: Wechselwirkungen mit Pille und Hormonen

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1633 / B-1388 / C-1239

Leinmüller, Renate

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LNSLNS In der Perimenopause verursachen latente Fehlfunktionen der Schilddrüse ähnliche Symptome wie der Abfall der Sexualhormone, was eine Zuordnung – und damit erfolgreiche Therapie – schwierig machen kann. Dies ist jedoch nicht der einzige Verknüpfungspunkt, denn weibliche Sexualsteroide beeinflussen auch das Wachstum gut- und bösartiger Schilddrüsentumoren. Dysfunktionen der Schilddrüse beeinträchtigen die Fertilität, gefährden Feten im Mutterleib, können aber auch im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft auftreten.
Maligne Schilddrüsen-Veränderungen sind bei Männern deutlich seltener als bei Frauen, im reproduktiven Alter weisen Frauen drei bis vier Mal häufiger differenzierte Schilddrüsenkarzinome auf (Grafik). Die naheliegende Vermutung, weibliche Sexualhormone könnten wachstumsstimulierend wirken, scheint inzwischen gut belegt. Ob orale Kontrazeptiva oder aber eine Hormonsubstitution in der Perimenopause in diesem Zusammenhang das Entartungsrisiko erhöhen, wurde beim 19. Wiesbadener Schilddrüsengespräch diskutiert.
Wie Prof. Karl-Michael Derwahl (Berlin) darlegte, fördern sowohl Estrogene als auch Progesteron dosisabhängig in vitro das Wachstum von Schilddrüsen-Tumorzellen, beide wirken synergistisch. Nach heutigem Kenntnisstand sei davon auszugehen, dass jedoch nicht die Entstehung von Schilddrüsentumoren, sondern das Wachstum präexistenter Veränderungen gefördert werde. Die Hormonersatztherapie stufte Derwahl in diesem Zusammenhang aufgrund der niedrigen Estrogendosen als unproblematisch ein, während die Datenlage bei oralen Kontrazeptiva offensichtlich keinen „kollektiven Freispruch“ erlaubt.
„Ob für Frauen mit Schilddrüsenknoten und speziell differenzierten Karzinomen niedrig dosierte Estrogene aus Mikropillen kontraindiziert sind, lässt sich im Sinne der evidenzbasierten Medizin noch nicht beantworten.“ Die Experten konnten sich bei der von der Firma Merck ausgerichteten Veranstaltung darauf einigen, in jedem Fall eine stete Überwachung zu fordern.
Bei Mädchen oder jungen Frauen nach Radiojodtherapie sahen die Referenten den kategorischen Verzicht auf orale Kontrazeptiva als zweischneidig angesichts des Risikos einer ungewollten Schwangerschaft an. Wenn orale Kontrazeption, dann auf jeden Fall mit niedrig dosierten Präparaten, begleitet von Ultraschallkontrollen.
Von erheblicher praktischer Relevanz in der Perimenopause ist die Tatsache, dass latente Fehlfunktionen der Schilddrüse ähnliche Symptome verursachen wie der Abfall der Sexualhormone, was eine Zuordnung erschwert. Wenn beispielsweise eine Hormonsubstitution nicht den gewünschten positiven Effekt zeigt, empfiehlt Prof. Georg Brabant (Hannover), vor einer Umstellung die Schilddrüse zu überprüfen.
Da Sexualsteroide die Bindungsproteine für Schilddrüsenhormone etwas ansteigen lassen und damit die Hormonwirkung abschwächen, ist bei Patientinnen unter thyreostatischer Therapie – speziell unter Thyroxin – eine Anpassung notwendig, und zwar sowohl bei der physiologischen hormonellen Umstellung im Klimakterium als auch zu Beginn einer Substitution. Denn schon kleine Auslenkungen der Schilddrüsenfunktion im Sinne einer subklinischen Hyperthyreose erhöhen laut Brabant das Risiko eines Vorhofflimmerns bei Älteren um den Faktor 3 und können eine Osteoporose verschlechtern. Dr. Renate Leinmüller
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