ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2001Interview - Erziehung im Wandel: „Die Eltern verweigern zu erziehen“

VARIA: Bildung und Erziehung

Interview - Erziehung im Wandel: „Die Eltern verweigern zu erziehen“

Dtsch Arztebl 2001; 98(24): A-1637 / B-1405 / C-1290

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Wilhelm Rotthaus, Rheinische Kliniken Viersen, kommt Tag für Tag mit verschiedenen Formern erzieherischen Scheiterns in Kontakt: Während Kinder früher durch einengende autoritäre Erziehung in ihrer Entwicklung behindert wurden, lernen sie heute kaum noch Grenzen kennen. Verunsicherte Eltern verweigern die Erziehung oder geben sie auf; Kinder schlagen ihre Eltern. Grund: Eine gewandelte Gesellschaft, in der die Differenz zwischen Erwachsenem und Kind, die Grundlage der
herkömmlichen Erziehung, weitgehend verschwunden ist. Zeit für eine neue Erziehung.


DÄ: Dr. Rotthaus, Sie haben vor zwei Jahren ein Buch mit dem Titel „Wozu erziehen?“ geschrieben.* Ist Erziehung überflüssig?
Rotthaus: Der Titel greift einerseits die Frage vieler Eltern auf: Weshalb soll ich überhaupt (noch) erziehen? Er spricht andererseits die Frage an, ob Eltern heute klare Erziehungsziele haben und welche Ziele bedeutsam sind.
Wir beobachten in der konkreten Arbeit eine völlig andere Situation als beispielsweise vor noch 30 Jahren: Während uns damals Kinder vorgestellt wurden, die durch eine autoritär einengende
Erziehung in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt waren, begegnen wir heute Kindern, die kaum Grenzen kennen gelernt haben. Aus Mangel an Orientie-rung sind sie in Entwicklungskrisen geraten. Dem entspricht, dass wir zunehmend Eltern begegnen, die hochgradig verunsichert sind darüber, ob sie erziehen wollen und können und wie sie es denn „richtig“ machen. Viele Eltern schwanken unschlüssig zwischen der Idee, ihren Kindern eine glückliche, unbeschwerte Kindheit schaffen zu wollen, und dem Wunsch nach guten Leistungen in Schule oder Sport. Andere Eltern appellieren an die Einsicht ihrer Kinder, das doch freiwillig zu tun, was klar zu fordern und durchzusetzen sie sich nicht trauen oder sich nicht in der Lage sehen. Manche Eltern wollen der beste Freund oder die beste Freundin ihres Kindes sein, andere resignieren und geben Erziehung auf mit der Begründung, dass ihre Kinder sowieso nicht das tun, was sie wollen.
In der Literatur schlägt sich diese Situation ebenfalls nieder: Der Pädagogikprofessor Hermann Giesecke rief schon um 1985 das „Ende der Erziehung“ aus. Er schlug vor, Kinder als kleine Erwachsene zu behandeln, wie das noch im Mittelalter üblich war. Neil Postman sprach 1995 ebenfalls vom Ende der Erziehung, forderte aber ihre Restauration. Ich denke, dass wir auf Erziehung nicht verzichten können, dass wir aber eine neue Erziehung brauchen, die die geänderten gesellschaftlichen Bedingungen berücksichtigt.

DÄ: Warum sind viele Eltern so verunsichert und erziehen lieber nicht?
Rotthaus: Die gesellschaftlichen Bedingungen für Erziehung haben sich geändert. Die Differenz zwischen dem erzogenen „fertigen“ Erwachsenen und dem noch nicht erzogenen, noch nicht ausgebildeten Kind ist sehr viel geringer geworden. Der Schonraum, der für Kindheit charakteristisch war und in dem Kindern Informationen so behutsam zugängig gemacht werden sollten, dass sie für sie verkraftbar waren, ist wegen der Entwicklung der Medien weitgehend verloren gegangen. Die typischen Merkmale von Kindheit wie Kinderspiele, Kinderkleidung gibt es kaum noch. Während also Kindheit weitgehend verschwunden ist, legen auf der anderen Seite auch die Erwachsenen auf ihr Erwachsensein nicht mehr so großen Wert. Erwachsensein dadurch zu definieren, dass der Erwachsene „ausgelernt“ hat – wie es vor 30 oder 40 Jahren galt –, wirkt heute schon grotesk. Auch der Erwachsene, der auf einem Tretroller durch Köln fährt, wäre früher kaum denkbar gewesen. Gleichgültig, wie man diese Entwicklung bewertet: Die Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen, die die Grundlage für die herkömmliche Erziehung war, hat sich deutlich verringert. Dies dürfte der wesentliche Grund für die Erziehungsunsicherheit und -verweigerung vieler Eltern sein.

DÄ: Hängt das Phänomen, dass Kinder ihre Eltern schlagen, auch mit der Erziehungsverweigerung zusammen?
Rotthaus: Wir werden immer häufiger von Eltern aufgesucht, die von ihren Kindern geschlagen werden. Gewalt in Familien resultiert häufig aus Überforderung und Verzweiflung. Aufgrund der Erziehungsunsicherheit ihrer Eltern werden Kinder oftmals die heimlichen Herrscher in der Familie. Die Eltern übernehmen die Rolle von Erfüllungsgehilfen für die Wünsche ihrer Kinder und werden letztlich geradezu zu Bittstellern vor ihren Kindern. In solchen Fällen führen die Überforderung der Kinder ebenso wie Resignation, Verzweiflung und Wut der Eltern nicht selten zu Gewalt von beiden Seiten.

DÄ: Was schlagen Sie vor?
Rotthaus: Wir müssen die Erziehung auf die Grundlage einer neuen Kind-Erwachsenen-Beziehung stellen, die sich dadurch auszeichnet, dass wir Kinder als gleichwertig ansehen und sie in ihren Bedürfnissen, Wahrnehmungen und Gedanken ernst nehmen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass sie vieles noch nicht können und noch nicht wissen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Erwachsenen sie in die Gesellschaft einführen, ihnen Anleitung und Unterstützung geben.
Zudem hat sich die Kindheit verkürzt: Etwa mit dem Ende der Grundschulzeit werden Kinder heute zu Jugendlichen. Das bedeutet, dass Kinder in einer kürzeren Zeit dazu erzogen werden müssen, in vielen Fragen ihres Lebens selbst Verantwortung zu übernehmen. Man darf sie nicht länger künstlich kindlich halten, wie es in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten getan wurde. Schließlich müssen wir lernen, das Kind nicht als Objekt für die Erziehung, sondern als Subjekt seiner eigenen Entwicklung zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus erzieherisch zu handeln. DÄ-Fragen: Petra Bühring


Dr. Wilhelm Rotthaus, Kinder- und Jugendpsychiater: „Wir brauchen eine neue Erziehung, die die geänderten gesellschaftlichen Bedingungen berücksichtigt.“


*Wilhelm Rotthaus: Wozu erziehen? – Entwurf einer systemischen Erziehung. Carl-Auer-Systeme-Verlag, Heidelberg, 1998
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema