ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Die neuen Heilmittel-Richtlinien: Transparenz, Qualität und Wirtschaftlichkeit

POLITIK

Die neuen Heilmittel-Richtlinien: Transparenz, Qualität und Wirtschaftlichkeit

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1655 / B-1421 / C-1317

Richter-Reichhelm, Manfred

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LNSLNS Die Kassenärztliche Bundesvereinigung verspricht sich von dem neuen Verfahren eine Stärkung der ärztlichen Kompetenz bei der Heilmittelversorgung.


Am 1. Juli treten neue Heilmittel-Richtlinien in Kraft. Sie sind das Ergebnis eines langen Beratungsprozesses im Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen, der folgendem gesetzlichen Auftrag nachkommen musste:
- in Katalogen die verordnungsfähigen Heilmittel festzulegen,
- die Heilmittel Indikationen zuzuordnen,
- die Besonderheiten bei Wiederholungsverordnungen zu regeln sowie
- Inhalt und Umfang der Zusammenarbeit des verordnenden Vertragsarztes mit dem jeweiligen Heilmittelerbringer festzulegen.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung begrüßt diese Richtlinien, weil sie die ärztliche Kompetenz bei der Versorgung der Patienten mit Heilmitteln stärkt. Die auf den Versorgungsbedarf im einzelnen Fall ausgerichteten Heilmittelkataloge versetzen den Arzt in die Lage, die Wirtschaftlichkeit seiner Verordnungsweise zu belegen, und bieten somit ein Instrument, sich vor individuellen Regressen zu schützen. Weil die neuen Richtlinien die Versorgungsprozesse transparent machen, eröffnen sie auch die Chance, die Budgetierung der Heilmittelversorgung dauerhaft zu überwinden. Die anfängliche Mühe, sich mit den Neuheiten dieser Richtlinien vertraut zu machen, dürfte sich daher in vielfacher Hinsicht auszahlen.
Die Heilmittel-Richtlinien verfolgen das Ziel, Qualität und Wirtschaftlichkeit der Heilmittelversorgung zu verbessern. Dabei lautet das Grundprinzip: das Heilmittel des Regelfalls. Hierzu gehört die eindeutige Definition der verordnungsfähigen Heilmittel in den indikationsorientierten Heilmittelkatalogen für die physikalische Therapie, die Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie sowie die Ergotherapie, ihre Zuordnung zu Indikationen und Funktionsstörungen, die Ausrichtung der Verordnung auf ein Therapieziel, die Zuordnung der Häufigkeit der zu verordnenden Therapie und nicht zuletzt die Organisation der Zusammenarbeit zwischen verordnendem Vertragsarzt und dem Heilmitteltherapeuten.
Die Verordnung im Rahmen des Heilmittels des Regelfalls ist auf der Grundlage einer eindeutigen Indikationsstellung grundsätzlich als wirtschaftlich zu betrachten, da die in den Heilmittel-
katalogen beschriebenen einzelnen Prozessschritte auf Erfahrungen beruhen, die in der vertragsärztlichen Praxis gewonnen worden sind. Die Verordnung von Heilmitteln außerhalb des Regelfalls muss folgerichtig begründet und von der zuständigen Krankenkasse genehmigt werden.
Mit diesem grundlegend neuen Konzept der Heilmittelverordnung übernehmen die Vertragsärzte die Verantwortung für eine richtlinienkonforme, wirtschaftliche Versorgung ihrer Patienten auf diesem Sektor. Mit den Richtlinien ist der Arzt bei seinen indikationsgerechten, wirtschaftlichen Verordnungen auf der sicheren Seite. Zugleich wird für Patienten, Krankenkassen und Politik erkennbar, was unter einer ausreichenden, zweckmäßigen und wirtschaftlichen Versorgung mit Heilmitteln zu verstehen ist. In Zukunft sind die Verantwortlichkeiten klar. Die Budgetierung, die insbesondere bei der Heilmittelversorgung zu erheblichen Verwerfungen und Rationierungen geführt hat, kann hierdurch ad absurdum geführt werden.
Der Kabinettsentwurf des Arzneimittelbudget-Ablösungsgesetzes (ABAG), das die Ablösung der Kollektivbudgets vorsieht, ist diesen Überlegungen insoweit bereits gefolgt. Er sieht die Trennung der Ausgabenvolumina zwischen Arznei- und Heilmitteln vor und verweist auf die spezifischen Versorgungsbedingungen im Heilmittelbereich.
Wie sich die Versorgung mit Heilmitteln und die damit verbundenen Aus-
gaben nunmehr entwickeln werden, muss sorgfältig beobachtet werden. Selbstverständlich sind diese Richtlinien – bei allen Verbesserungen für die Vertragsärzte – kein Freibrief für ein ungesteuertes beliebiges Verordnungsverhalten.
Die Verbände der Heilmittelerbringer verbinden mit den Richt-linien gegenüber den Ärzten hohe Erwartungen. Doch hier ist eine deutliche Warnung angebracht: Auch bei Wegfall des Kollektivregresses bleibt die individuelle Verantwortung des Vertragsarztes für die Wirtschaftlichkeit seiner Verordnung!
Die KBV und die Spitzenverbände der Krankenkassen haben im Übrigen eine Begleitstudie vereinbart, um die finanziellen Auswirkungen der neuen Richtlinien zu untersuchen. Ausgabenveränderungen, die ursächlich auf die Richtlinien zurückzuführen sind, sollen im Rahmen der Vereinbarung von Budgets – zukünftig Ausgabenvolumina – berücksichtigt werden. Dabei haben sich die Spitzenverbände der Krankenkassen verpflichtet, bestehende Verträge zu AOTR und EAP nicht zu kündigen beziehungsweise die Mittel hierfür für die Heilmittelversorgung zur Verfügung zu stellen.
Ein Wort zu den Irritationen im Zusammenhang mit der Erstellung der neuen Richtlinien: Jeder Vertragsarzt, der die Indikation zur Heilmitteltherapie stellen kann, kann Heilmittel verordnen. Hierzu kann er sich auch den Befund beschaffen, der für seine Therapieentscheidung erforderlich ist.
Es ist unbestritten, dass die Einführung der neu gestalteten Richtlinien vom Vertragsarzt eine gedankliche und organisatorische Umstellung erfordert. Jeder verordnende Kassenarzt muss sich mit den Heilmittelkatalogen und den dort beschriebenen Verordnungsprozessen vertraut machen und die dort jeweils beschriebenen Prozessschritte im Rahmen seiner Verordnungen berücksichtigen.
Verordnung soll zielgerichtet und bedarfsgerecht sein
Die Verordnung erfolgt künftig auf drei neuen (Muster 13 und 18) beziehungsweise neu gestalteten (Muster 14) Vordrucken. Diese sind nicht nur die Grundlage für die Erbringung der verordneten Heilmittel. Sie dienen zudem als begründende Unterlagen für die Abrechnung des Therapeuten gegenüber der zuständigen Krankenkasse, und sie regeln künftig auch die Zusammenarbeit zwischen dem verordnenden Vertragsarzt und dem Heilmitteltherapeuten.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Kassenärztlichen Vereinigungen haben mit vielfältigen Informationen und in zahlreichen Veranstaltungen auf die Grundzüge und Inhalte der neuen Heilmittel-Richtlinien hingewiesen. Den Vertragsärzten soll damit der Zugang zu den Richtlinien erleichtert werden, damit letztendlich im Sinne einer bedarfsgerechten Patientenversorgung Heilmittel zielgerichtet verordnet werden können.
Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm
Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung


Richter-Reichhelm: „Mehr Kompetenz bei der Versorgung“
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