ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Ärztliche Psychotherapie: Stiefkind der Medizin

POLITIK

Ärztliche Psychotherapie: Stiefkind der Medizin

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1659 / B-1424 / C-1320

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie
feierte 75-jähriges Jubiläum. Die Lobby der Psychosomatiker setzt sich für eine „Medizin mit Seele“ ein.

Vor 75 Jahren hätten die Differenzen innerhalb der Psychotherapie fast den Gründungskongress der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie e.V. (AÄGP) verhindert. Meinungsdispute aufgrund verschiedener Schulen und der Führungsanpruch einzelner Gruppen verzögerten den Kongress. Dabei war das Ziel damals, eine einheitliche Interessenvertretung der ärztlichen Psychotherapeuten zu gründen. Von den psychiatrischen Berufsverbänden fühlten sie sich nicht mehr vertreten.
„Wir sind heute weiter von dem Ziel der Einheit entfernt als vor 75 Jahren“, sagte Prof. Dr. med. Klaus Lieberz, 2. Vorsitzender der AÄGP, anlässlich des Jubiläumskongresses in Berlin. Inzwischen gebe es mehr als 600 verschiedene Psychotherapien und auch berufspolitisch eine „unübersehbare Vielzahl an Grüppchen“. Fachlich hält er diese Differenzierung für sinnvoll, „um die Spreu vom Weizen zu trennen“. Berufspolitisch dagegen sei die Integration notwendig.
Die AÄGP ist die Lobby der Psychosomatik in der Medizin. Die „Seele in der Medizin“ dürfe nicht zu kurz kommen, fordert der erste Vorsitzende Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Wolfgang Tress. Die psychischen Anteile einer Erkrankung sollen in der Hektik des Medizinbetriebs wahrgenommen und mit einem bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnis behandelt werden. Im Laufe der 75 Jahre hat sich die AÄGP beispielsweise dafür eingesetzt, dass der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin eingeführt wurde oder dass Fachärzte Kompetenz in psychosomatischer Grundversorgung erwerben können. Der Erwerb der Fachkunde werde von Hausärzten allerdings immer noch zu wenig in Anspruch genommen, obwohl dem ärztlichen Gespräch eine große Bedeutung in der Erkennung psychischer Erkrankungen zukomme, bedauerte Dr. med Rita Kielhorn, Fachärztin für Allgemeinmedizin, AÄGP. Im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin beispielsweise hätten nur 50 Prozent der Allgemeinmediziner/Internisten die Fachkunde in Psychosomatischer Grundversorgung erworben – dagegen 90 Prozent der Gynäkologen.
Mit drei weiteren rein ärztlich-psychotherapeutischen Berufsverbänden (Textkasten) haben sich die rund 1 300 Psychosomatiker der AÄGP zur Arbeitsgemeinschaft Ärztliche Psychosomatik und Psychotherapie zusammengeschlossen. Gemeinsam mit den neun Fachgesellschaften, die im Februar den Kooperationsvertrag unterzeichneten, spricht die AÄGP – nach eigenen Angaben – heute für rund 7 000 Kliniker und Niedergelassene.
Die Psychotherapie hat einen schweren Stand in der Medizin. „Der Boden der Medizin ist für uns immer ein steiniger gewesen, und er wird noch steiniger“, betonte Prof. Dr. med. Sven Olaf Hoffmann, Klinik für Psychosomatische Medizin der Universität Mainz. Um eine weitere Isolierung zu verhindern, dürften die Psychotherapeuten sich nicht zu weit von der somatischen Medizin entfernen, das heißt sie müssen ihr medizinisches Wissen pflegen. Zwingend notwendig sei auch die ständige schulenübergreifende psychotherapeutische Weiterbildung: Grundlage müsse ein „personeninteressiertes Herangehen“ sein, keine Selektion der Patienten nach der einmal erlernten Technik.
Konkurrenz der Psychologen
Gegenüber den psychologischen Psychotherapeuten fühlen sich die ärztlichen Psychotherapeuten benachteiligt. „Die Sicherung der Psychologen ist durch das Psychotherapeutengesetz weiter fortgeschritten, als die Sicherung der Ärzte“, beklagte Hoffmann. Verständnis für die psychologischen Kollegen wecken, wollte der Pädagoge Prof. Dr. Jürgen Körner, Institut für Sozial- und Kleinkinderpädagogie der Freien Universität Berlin. Die Psychologen hätten zwar sehr von der „Professionalisierung der Ärzte profitiert“, doch die Abhängigkeit von den Strukturen der KVen – Niederlassungsbeschränkung, EBM und GOÄ – hätten sie sich so nicht vorgestellt. „Wir sind ziemlich naiv gewesen“.
Körner appellierte an die Gemeinsamkeiten der Psychotherapie; schließlich lägen die Wurzeln der Psychologie in der Philosopie. Von diesen der Ethik verpflichteten Wurzeln dürften sich Ärzte und Psychologen gerade in einer Zeit „zweckrationellen und wertenfremdeten Handelns“ nicht entfernen. Beide Berufe könnten voneinander lernen und die Schwierigkeiten „zusammen durchstehen“. Petra Bühring



Kooperierende Verbände:
- Vereinigung psychotherapeutisch tätiger Kassenärzte (VPK)
- Deutsche Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin (DGPM)
- Berufsverband der Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin e.V. (BPM)
Fachgesellschaften im wissenschaftlichen Beirat der AÄGP (seit Februar 2001):
- Akademie für Sexualmedizin
- Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheikunde
- Arbeitskreis psychosomatische Dermatologie, Sektion der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft
- Deutsche Balint-Gesellschaft
- Deutsche Gesellschaft für Ärztliche Hypnose und Autogenes Training
- Ärztliche Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie
- Ärztliche Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychotherapie
- Deutsche Gesellschaft für Ärztliche Verhaltenstherapie
- Verein Ärztlicher Gestaltpsychotherapeuten e.V.
- Arbeitskreis für psychosomatische Urologie in der Deutschen Gesellschaft für Urologie
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