THEMEN DER ZEIT

World Health Organization (WHO): . . . mit Entsetzen Scherz

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1664 / B-1409 / C-1316

Maes, Hans-Joachim

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Eine Analyse der Zahlen zum Rauchertod zeigt: Die Welt­gesund­heits­organi­sation geht fahrlässig mit Gesundheitsdaten um.


Die „Welt­gesund­heits­organi­sation“ (WHO) bezeichnet sich als die „führende Agentur für ,Public Health‘“ der Welt (1). Wie verlässlich sind ihre Daten? Bei der Fülle dessen, was die WHO verlautbart, kann es kein umfassendes Urteil geben. Im folgenden wird der Versuch gemacht, die Qualität von WHO-Aussagen zum Bereich „Rauchen“ zu bewerten. Dies geschieht, weil WHO und deren „Tobacco Free Initiative“ (TFI) dem Thema größte Bedeutung zumessen (2) und Aussagen der WHO in diesem Zusammenhang große Beachtung finden:
- Angaben der WHO über gesundheitliche Folgen des Rauchens, insbesondere spektakulär vorgetragene Todesdaten („alle 8 Sekunden ein Rauchertod“ [3] oder: „Die Industrie muss jeden Tag 11 000 Tabaktote ersetzen.“ [4]) werden in Medien weltweit verbreitet.
- Institutionen wie die „Weltbank“, auch Fachgesellschaften hierzulande, haben sich solche WHO-Daten zu Eigen gemacht; die Daten wurden die Basis für eine Fülle von Studien (5), nicht zuletzt aber auch von politischen Forderungen (6).
Wie zuverlässig ist also die Datenbasis, auf der solche Schlussfolgerungen aufbauen? Eine Analyse:
Auswahl des Analysematerials
WHO/TFI haben im Oktober 2000 „Public Hearings“ zur „FCTC“ (Framework Convention on Tobacco Control) abgehalten; über Ungereimtheiten in diesem Zusammenhang hat der Autor berichtet (DÄ, Heft 49/2000). WHO/TFI hatten zu den „Public Hearings“ eigene Materialien zusammengestellt und im Internet verfügbar gemacht. Auch diese Präsentation war nicht frei von Merkwürdigkeiten. So waren Angaben über das Entstehungsdatum der Texte nicht korrekt: Die Texte stammen nicht aus den Jahren „1999 und 2000“, sondern erfassten auch Texte ab 1996. Es handelt sich insgesamt um 94 Texte; davon waren 12 Doubletten. Auf technische Fehler mag zurückzuführen sein, dass fünf Texte nicht ladbar waren; bedauerlich, dass WHO/TFI diese auf Anforderung nicht verfügbar machten (7). Jedenfalls: In der Mehrzahl der verbliebenen 77 Texte fanden sich Angaben zu:
- Raucherpopulationen, weltweit und regional,
- Zahl der Rauchertoten,
- Prognosen der Entwicklung der Zahl der Rauchertoten, weltweit und regional,
- Angaben über das Verhältnis Tabakkonsumenten/Tabaktote.
Feststellungen
1. Quellennachweise
In den 53 analysierten Texten wurden – außer Hinweisen, bei WHO/TFI seien weitere Informationen erhältlich – nur in drei Fällen Quellen benannt. Das ist erstaunlich, sind doch überall gravierende Aussagen enthalten. Die drei Texte mit Quellenhinweisen sind:
- „Fact Sheet 197“ vom Mai 1998. Es sind zwei Marketing-Studien genannt, die für ein kanadisches Tabakunternehmen im Oktober 1977 und Mai 1982 hergestellt worden sein sollen. Eine Erläuterung, warum diese 16 beziehungsweise 21 Jahre alten Quellen relevant seien, war nicht enthalten (8).
- In „Press Release WHO/4 vom 30. Januar 1999, in dem über die „Partnerschaft“ der WHO mit Pharmaunternehmen berichtet wird, die Produkte der „Nikotin-Ersatz-Therapie“ anbieten, wurden neben WHO/TFI-Vertretern als weitere Informanten benannt:
– die Public Relations-Managerin eines Unternehmens,
– der Direktor für Produktentwicklung eines anderen Unternehmens,
– der Markenmanager eines dritten Unternehmens (9).
- Einmal wurde ein bibliografischer Hinweis auf ein zitiertes Buch mit Bestelldaten gegeben (10).
2. Angaben zu Raucherpopulationen: Schwankend
Die Angaben von WHO/TFI schwanken um jeweils 100 Millionen Raucher. Einige wenige Beispiele:
– Mai 1996: Raucher weltweit: 1.1 Milliarden
– August 1997: Raucher weltweit: 1.2 Milliarden; Anstieg bis zum Jahr 2025 auf 1.5 Milliarden
– 27. Mai 1999: Raucher weltweit: 1.1 Milliarden
– 25. Oktober 1999: Raucher: 1.2 Milliarden; Anstieg auf 1.6 Milliarden im ersten Quartal des nächsten Jahrhunderts
– 30. Mai 2000: Raucher weltweit: 1.2 Milliarden (11).
3. Angaben zu Rauchertoten: Erhebliche Differenzen
Die Angaben schwanken enorm. Aus den heutigen vier Millionen Rauchertoten/ Jahr (überwiegende Nennung) würden:
- mehr als 100 Millionen Tote in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts (Angabe: April 1999) (12)
- zwei Millionen Tote in China (Angabe: August 1997) (13)
- drei Millionen Tote in China (Angabe: 3. März 1999) (14)
- hundert Millionen Tote allein in China (Angabe: April 1999) (15)
- einige hunderte Millionen Tote nach 2030 (Angabe: April 1999) (16)
- fünfhundert Millionen Tote (Angaben: Mai 1998; April 1999) (17)
- eine Milliarde Tote (Angabe: 8. August 2000) (18).
Pauschal heißt es mehrfach, „250 Millionen heute lebende Kinder“ würden getötet (Angaben im Mai 1998, April 1999 und 14. August 2000) (19).
Retrospektiv werden für das gesamte 20. Jahrhundert 100 Millionen Rauchertote angegeben (20). An anderer Stelle heißt es, 60 Millionen Tote habe es allein in den „entwickelten Staaten“ in den Jahren 1950 bis 2000 gegeben (21). Würde man solches tatsächlich ernst nehmen, müsste man zum Beispiel untersuchen, was denn nach 1950 zu einer Explosion der Zahl der Rauchertoten geführt hat.
Vergleicht man einige der aktuellen WHO/TFI-Daten miteinander, so kommt man zu verblüffenden Ergebnissen:
- 1999 gab es laut WHO/TFI weltweit 4 Millionen Rauchertote. Im Jahr 2001 seien es bereits 10 Millionen (22).
Andererseits: Für die 25 Jahre von 2001 bis 2025 werden insgesamt 10 Millionen Rauchertote angegeben (23). An anderer Stelle heißt es, es seien „mehr als 100 Millionen Tote“ allein in den ersten beiden Jahrzehnten (24).
- 1997 bezifferte die WHO die Rauchertoten in China auf 750 000 Personen (25). Bis zum März 1999 hat sich laut WHO/TFI diese Zahl auf 75 000 verringert (26). Aus dieser – verglichen mit der zehnfach höheren Zahl des Jahres 1997 – geringen Population errechnen WHO/ TFI einen gewaltigen Anstieg der Toten auf 3 Millionen (27). Der wiederum werde sich, WHO/TFI an anderer Stelle, auf hundert Millionen Tote belaufen (28).
4. Angaben zum Verhältnis Raucher/ letaler Ausgang: Widersprüchlich
WHO/TFI-Aussagen über den Anteil der Raucher, die am Rauchen sterben werden, sind widersprüchlich. Gelegentlich sind widersprüchliche Aussagen selbst innerhalb eines Textes enthalten, etwa die Angabe, jeder zweite Raucher sterbe am Rauchen, gefolgt von Zahlen, die nur jeden dritten Raucher zum Opfer erklären (29).
In den WHO/TFI-Texten finden sich einerseits Angaben, aus denen geschlossen werden kann (soll/muss): Jeder Raucher stirbt am Rauchen. WHO-Generaldirektorin Dr. Gro Harlem Brundtland formulierte zum Beispiel: „Die Zigarette ist das einzige Produkt, das, wenn benutzt wie gewünscht, seinen Konsumenten tötet (30)“. Eine Variante dieser Formulierung lautet, die Zigarette „hält den Benutzer lebenslang abhängig, bevor sie die Person umbringt (31).“
Andererseits wird von der Hälfte, manchmal von einem Drittel, manchmal von einem Viertel aller Raucher gesprochen, die durch Rauchen umkämen. Zitat: „Im Durchschnitt haben lebenslange Raucher eine 50 Prozent-Chance, am Rauchen zu sterben. Und die Hälfte von diesen wird im mittleren Alter sterben (Alter 35 bis 69), mehr als 20 Jahre normaler Lebenserwartung verlierend (32).“ !
Generaldirektorin Dr. Brundtland hat sich mehrfach festgelegt: auf jene oben genannten „offenbar 100 Prozent“, aber ebenso auch „auf die Hälfte“. Bei der Begrüßung der Teilnehmer des „First Meeting of Intergovernmental Negotiating Body“ (das die FCTC beraten soll) erklärte sie am 16. Oktober 2000 in Genf: „Tabak bleibt das einzige legale Konsumprodukt, das die Hälfte seiner regelmäßigen Benutzer umbringt (33).“
Festlegungen der Generaldirektorin auf absolute Todeszahlen sind ebenfalls von wechselnden Inhalten geprägt. So nannte Frau Brundtland mehrfach vier Millionen Rauchertote jährlich. Aber am 7. März 2000 , bei einem Empfang für Botschafter aus Entwicklungsländern, reduzierte sie die Zahl um 1 Million auf nunmehr 3 Millionen Tote für das Jahr 2000. Bei der Prognose für 2030 ließ sie ebenfalls 1 Million Tote verschwinden und kam jetzt auf 9 (statt 10) Millionen Tote (34).
Regionale Vorhersagen von WHO/ TFI bezüglich der Rauchertoten werden ebenfalls flexibel gehandhabt. Welcher Anteil der Raucher in China wird am Rauchen sterben? Alle, wie man schließen könnte? Die Hälfte, wie es Generaldirektorin Brundtland auch formuliert hatte? Mehr? Weniger? Antwort: mal so, mal so.
Mal: Ein Viertel aller chinesischen Raucher sterben. „Basierend auf den gegenwärtigen Trends werden von allen Kindern und jungen Leuten unter 20, die heute in China leben, 200 Millionen Raucher werden, und schließlich werden 50 Millionen von ihnen vorzeitig wegen des Tabakgebrauchs sterben (36).“
Mal: Ein Drittel aller chinesischen Raucher sterben. „Von den 300 Millionen chinesischen Männern, die jetzt im Alter von 0 bis 29 Jahre sind, werden schließlich 100 Millionen durch Tabak getötet werden (37).“
Im Oktober 1999 nannte Dr. Brundtland ebenfalls ein Drittel der chinesischen Raucher als Todeskandidaten: „In China werden, wenn die gegenwärtigen Rauchgewohnheiten anhalten, über ein Drittel der 300 Millionen Chinesen, die jetzt 0 bis 29 Jahre alt sind, schließlich durch Tabak getötet. Das ist einer von drei (38).“
Dass Angaben zu China recht pauschal sind, sei nur nebenbei erwähnt. Mal werden von WHO/TFI Frauen einbezogen, mal nicht. Mal wird nur von „Männern“ geschrieben und nicht, ob die denn auch Raucher sind. Als ein WHO/TFI-Funktionär am 4. September 2000 eine Rede hielt, wurde lediglich „China“ als Veranstaltungsort angegeben (39) – als gebe es in China keine nennenswerten Orte.
5. Angaben zum Zeitpunkt der Tode: unlogisch
Die WHO/TFI-Angabe von Millionen Rauchertoten/Jahr, ansteigend auf 10 Millionen Rauchertote/Jahr (vorausgesagt für 2020, 2025, 2030) wird begleitet von der Angabe, „70 Prozent“ – manchmal „mehr als 70 Prozent“ – der Todesfälle ereigneten sich in den Entwicklungsländern. Die Hälfte der Todesfälle wiederum ereigne sich im „mittleren Lebensalter“ von 35–69 Jahren. Zur Bekräftigung formulierte die WHO im Mai 1996: „Die größte Ungewissheit ist nicht, ob sich diese Tode ereignen werden, sondern wann exakt (40).“
Hat sich durch die bisherige Beschreibung der WHO/TFI-Daten der Eindruck eingestellt, dass eine gewisse Konfusion bei WHO/TFI geherrscht haben muss, so erfährt die Sache jetzt die Krönung.
Es sterben, lauf WHO/TFI, viele Menschen am Tabak bereits im „mittleren Alter“ von 35 bis 69 Jahren; meist wird formuliert, die Hälfte aller Tode finde bereits in diesem Zeitraum statt; die andere Hälfte verteile sich auf das „höhere Lebensalter“ von 70 und mehr. Auch Generaldirektorin Brundtland hatte in ihrer Rede vor den Botschaftern aus Entwicklungsländern gesagt: „Einer von drei chinesischen Männern unter 30 wird schließlich an tabakbezogenen Krankheiten sterben – nicht im hohen Alter, sondern im mittleren Alter, nachdem sie erhebliche Kosten für ihre Gesundheitsversorgung verursacht haben (41).“
Doch in keinem der „Entwicklungsländer“ wird das „mittlere Alter“ von 69 Jahren überhaupt erreicht: die Menschen sterben früher, in China die Männer mit 68,1 Jahren, in der Russischen Föderation mit 62,7 Jahren, in den meisten der Entwicklungsländer erheblich früher, manchmal Jahrzehnte vor Erreichen des Endpunktes „69 Jahre“ des „mittleren Alters“. Im WHO-Mitgliedstaat Sierra Leone erreichen Männer nicht einmal das Anfangsalter von 35: Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer liegt dort bei nur 33,2 Jahren, für Frauen bei 35,4 Jahren (42).
Die Quelle für die Daten zur Lebenserwartung liefert die WHO selbst: WHO, World Health Report 2000 (43).
Fazit: Daten von WHO/TFI zum Thema sind nicht akzeptabel: Wer mit Totenzahlen spielt, mal hier ein paar hundert Millionen Tote zulegt, weil es dem spezifischen Publikum gefallen mag, mal dort Millionen Tote abzieht, der treibt mit dem Entsetzen Scherz.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 1664–1666 [Heft 25]

Die Ziffern in Klammern beziehen sich auf Literaturverzeichnis und Quellenhinweise, die beim Verfasser erhältlich sind. Diese sowie weitere Materialien sind beim Autor über Internet (www.wissdok.com) abrufbar, darunter zum Beispiel eine Tabelle zu Tabakkonsum und Mortalität gemäß WHO/TFI oder eine Aufstellung der Lebenserwartung in den WHO-Mitgliedstaaten.

Anschrift des Verfassers:
Hans-Joachim Maes
W+D Wissenschaft und Dokumentation GmbH
Saatwinkler Damm 42 a, 13627 Berlin


WHO-Generaldirektorin Brundtland (hier am 31. Mai 2001, dem Weltnichtrauchertag, vor einem offenbar zusammengeklebten Poster): wieviel Raucher-Tote?
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