ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Kinder als Ersthelfer: Weniger Berührungsängste

THEMEN DER ZEIT

Kinder als Ersthelfer: Weniger Berührungsängste

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1667 / B-1430 / C-1326

Kühn, Beate

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LNSLNS In Westfalen-Lippe geben Ärzte und
Grundschullehrer gemeinsam Unterricht in Erster Hilfe.


Auf den Gesichtern kleben Pflaster, und die Gelenke sind dick mit Binden umwickelt: Die Schüler der Klasse 4a der Martin-Luther-Schule in Münster üben spielerisch, wie sie bei einem Unfall selbst Erste Hilfe leisten können, und sind emsig bei der Sache.
In Deutschland verunglücken jährlich knapp zwei Millionen Kinder unter 15 Jahren so schwer, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. 3500 von ihnen behalten schwere Behinderungen, 700 sterben. Nicht immer ist bei einem Unfall sofort ein Erwachsener zur Stelle, der helfen kann. Deshalb ist es sinnvoll, den Kindern zu zeigen, was sie selbst tun können und wie sie mit Verletzten umgehen sollten. Das Unterrichtsprojekt „Kinder lernen helfen“ trägt diesem Bedarf Rechnung. Vor zwei Jahren wurde es für Schüler der Klassenstufen drei und vier entwickelt und bisher an 40 Schulen in Westfalen-Lippe durchgeführt. Die Maßnahme ist kein Ersatz für bereits vorhandene Erste-Hilfe-Einrichtungen, sondern eine Ergänzung. Darauf weist Josef Micha, Geschäftsführer des Gemeindeunfallversicherungsverbandes Westfalen-Lippe (GUVV), hin.
Das Konzept basiert auf einer engen Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Lehrern. 22 Ärztinnen und Ärzte aus der Region wurden bereits für den Unterricht gewonnen. Das Lehrmaterial wird vom GUVV zur Verfügung gestellt. Den Eltern wird auf einem Elternabend das Projekt erläutert. Auch bei ihnen soll ein Problembe-wusstsein geweckt werden.
Um die Kinder auf den Ersthelfer-Unterricht vorzubereiten, führen die Klassenlehrer mit den Schülern eine Projektwoche durch, in der zum Beispiel ein Treffen mit der Polizei oder der Besuch einer Feuerwache organisiert werden kann. In der ersten der insgesamt drei Unterrichtseinheiten vermitteln Arzt und Lehrer den Schülern Vorstellungen von der Verdauung, der Atmung und dem Blutkreislauf. Die anatomischen Gegebenheiten werden an einem Torso demonstriert. Außerdem bekommen die Schüler Gelegenheit, sich gegenseitig mit einem Stethoskop abzuhören und den Puls zu fühlen. „Besonders interessant finden es die Kinder, einen Arzt ausfragen zu können, der „ganz normal“ aussieht“, so Priv.-Doz. Dr. med Gisbert Knichwitz, Anästhesist an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und Leiter des Projekts.
In den übrigen Unterrichtseinheiten lernen die Kinder, dass sie kompetent genug sind, um selbst Erste Hilfe zu organisieren und auch zu leisten. Reanimationen stehen natürlich nicht auf dem Plan, dafür aber die Erstversorgung von Schnittverletzungen oder Verbrennungen sowie die stabile Seitenlage. „Es ist vor allem wichtig, dass Kinder angstfrei mit Unfallsituationen umgehen können“, betont Knichwitz. Sie können dann als erstes Glied der Rettungskette wertvolle Arbeit leisten.
Gute Ergebnisse
Dr. med. Trude Butterfaß-Bahloul freut sich über den Eifer, mit dem die Klasse sich am Unterricht beteiligt. „Man darf die Kinder aber nicht überfordern und muss auch einmal den einen oder anderen Punkt weglassen.“ Trotzdem werden bei den Kindern wichtige Verhaltensregeln im Gedächtnis bleiben, die sie in der Schule, im Straßenverkehr oder zu Hause bestimmt brauchen können. Außerdem erhalten sie im Unterricht das Taschenbuch „Erste Hilfe für Kinder“ und können darin nachschlagen, was in bestimmten Unfallsituationen zu tun ist.
Nach Durchführung des Ersthelfer-Unterrichts geben Lehrer und Arzt eine kritische Bewertung bei der Ärztekammer ab. Die bisherige Auswertung der Evaluationsbögen hat dem Unterrichtskonzept gute Noten bescheinigt. Die bisher erreichten 40 Schulen sind jedoch „ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Die Fortführung des Projekts im nächsten Schuljahr ist bereits geplant. Beate Kühn


Das Taschenbuch „Erste Hilfe für Kinder“ von Kristina Franke (Coppenrath Verlag) soll die Schüler nicht nur im Unterricht begleiten.


Ansprechpartnerin:
Susanne Hofmann, Ärztekammer Westfalen-Lippe, Gartenstraße 210–214, 48147 Münster, Telefon: 02 51/9 29-20 43, E-Mail: susanne.hofmann@aekwl.de
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