ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Mobilfunkgeräte: Entwarnung mit Vorbehalt

THEMEN DER ZEIT

Mobilfunkgeräte: Entwarnung mit Vorbehalt

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1670 / B-1434 / C-1329

Anheier, Tanja

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LNSLNS Mehr als 4 000 Studien untersuchten die biologischen Wirkungen von Mobilfunkstrahlung.

Das universale, mobile Telekommunikationssystem (UMTS) soll den derzeitigen „Handy-Boom“ aufrecht erhalten und erweitern. 2003 soll das neue mobile Zeitalter anbrechen. Dann möchte man ungefähr 60 000 neue UMTS-Anlagen installiert haben, die einen lückenlosen Handy-Empfang garantieren. Trotz der Euphorie bezüglich der neuen Technologie bezweifeln viele Wissenschaftler die Unbedenklichkeit dieses Systems für die menschliche Gesundheit.
Schon lange ist bekannt, dass starke elektromagnetische Felder schädigende Wirkungen auf biologische Systeme und somit auch auf den Menschen aufweisen. Ferner weiß man, dass jegliche Nutzung elektrischer Energie mit der Emission elektrischer, magnetischer und elektromagnetischer Felder verbunden ist. Mittlerweile liegen mehr als
4 000 Studien zu diesem Thema vor. Die Ergebnisse sind jedoch widersprüchlich; die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen ist fraglich. Aufsehen erregten Verhaltensauffälligkeiten und Missbildungen bei Rindern in Betrieben, die sich in der Nähe von Mobilfunksendemasten (DÄ, Heft 36/2000) befinden.
Fehlbildungen durch ein Virus oder durch Strahlung?
Daraufhin hatten Veterinäre der Universitäten Gießen und München sowie Geoingenieure einer Münchener Firma zwei Jahre lang 38 Rinderzuchtbetriebe in Bayern und Hessen untersucht und tatsächlich bei 15 dieser Betriebe eine Missbildungsrate, die dreimal so hoch wie der Landesdurchschnitt war, festgestellt. Ende letzten Jahres stellte sich allerdings heraus, dass zur gleichen Zeit in der untersuchten Gegend ein Virus grassierte, welches die Bovine Virusdiarrhoe auslöst. Die Experten gehen davon aus, dass dieses Virus und nicht die Mobilfunkanlagen Ursache der Fehlbildungen gewesen ist: Trotzdem bestünde die Möglichkeit, dass Mobilfunknetze ebenfalls mit Auffälligkeiten bei Rindern korrelieren könnten.
Die meisten Institutionen entwarnen: „Nach den derzeitigen wissenschaftlichten Erkenntnissen besteht bei Einhaltung der Grenzwerte keine Gefährdung des Mobilfunknutzers, dennoch ist eine biologische Wirkung nicht gänzlich ausgeschlossen“, so das Bundesforschungsamt für Strahlenschutz. Durch die begrenzte Sendeleistung der Mobilfunkstationen seien schädigende thermische Wirkungen bei der Verwendung des Mobiltelefons wissenschaftlich ausgeschlossen.
Nachdenklich stimmt allerdings eine wissenschaftliche Studie der Universitätsklinik Essen, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. 118 Patienten mit einem Uvealmelanom wurden mit einer Kontrollgruppe von 475 nicht an Augenkrebs leidenden Menschen bezüglich ihrer Handy-Nutzung verglichen. Für den besonders mit Funkwellen exponierten Personenkreis ergab sich ein 3,3-fach erhöhtes Risiko für die Erkrankung. Ob dieses Ergebnis darauf zurückzuführen ist, dass die Wasserbestandteile des Auges die Aufnahme elektromagnetischer Wellen unterstützen und daher bereits geringe Felder eine schädliche Wärmeentwicklung hervorrufen können, ist noch nicht geklärt.
Elektromagnetische Wechselfelder
Nicht bewiesen ist auch die Existenz athermischer Effekte, die möglicherweise schon unterhalb der international anerkannten Grenzwerte auftreten könnten. Einen Wirkungsmechanismus vermutet man in der Beeinflussung der Zellkommunikation. Experimente haben gezeigt, dass elektromagnetische Wechselfelder reduzierend auf die Produktion des Hormons Melatonin wirken können. Da dieses den Schlafrhythmus des Menschen regelt und außerdem das Wachstum östrogenabhängiger Tumoren hemmt, könnten Handys sowohl Schlafstörungen verursachen als auch krebsfördernd wirken. Bei einer Untersuchung von 17 000 Frauen stellte man 1996 in den USA tatsächlich ein leicht erhöhtes Brustkrebsrisiko für die Frauen fest, die an ihren Arbeitsplätzen starken Magnetfeldern ausgesetzt waren.
Als weitere athermische Effekte werden die Beeinflussung der Kalziumhomöostase, der Membranpermeabilität und der Leitfähigkeit zwischen Zellen sowie der Einfluss auf Immunsystem, Herzschlag und Blut-Hirnschranke diskutiert. Sicher ist, dass Handys keinen Einfluss auf den Herzschlag haben. Anders verhält es sich bei Herzschrittmachern. Inwiefern dies medizinische Relevanz hat, ist ungeklärt. Bezüglich des Membranverhaltens verschiedener Zellen unter Feldeinfluss sind die Studienergebnisse widersprüchlich; genauso wie bei der Diskussion um die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke und die Auswirkungen von Mobilfunkgeräten auf das Immunsystem.
Beruhigend wirkt dagegen ein im Februar veröffentlichtes Forschungsergebnis des staatlichen Krebsinstituts Kopenhagen. Beim Vergleich des Krebsregisters mit den Nutzungsdaten der Mobilfunkgesellschaften zeigte sich, dass der Anteil der Krebserkrankungen bei den 400 000 Handy-Nutzern ungefähr genauso groß war wie in der Gesamtbevölkerung.
Dennoch lassen sich Gesundheitsrisiken – das sagen Wissenschaftler einstimmig – nicht hundertprozentig ausschließen. Besonders bei Kindern, deren Schädeldecke teilweise noch weich und deren Nervengewebe noch nicht vollständig ausgebildet ist, sollte man vorbeugend den Handygebrauch einschränken. Die Vermeidung der Feldbelastung mit Hilfe einer Handyfreisprechanlage ist britischen Forschern zufolge fraglich. Sie haben durch Messungen zeigen können, dass durch die Anlage, die per Kabel und Kopfhörer mit dem Mobilfunkgerät verbunden ist, die Intensität der Mikrowellenstrahlung am Ohr um bis zu 250 Prozent stärker sein kann als beim normalen Handygebrauch. Die hochfrequenten Wellen würden durch das Kabel der Freisprecheinrichtung direkt ins Ohr und in den Kopf geleitet.
Schutz vor den elektromagnetischen Feldern verspricht einen Gummiröhre einer britischen Firma, deren Produktion im Februar 2001 begann. Ein damit ausgestattetes Handy empfängt und sendet zwar weiter seine Signale, doch die Entstehung eines energiereichen elektromagnetischen Feldes in Kopfnähe wird verhindert. Damit der Verbraucher sein Handy-Risiko einschätzen kann, haben sich die Mobilfunkanbieter noch für dieses Jahr dazu verpflichtet, die spezifischen Absorptionsraten ihrer Geräte mit anzugeben. Derzeit gibt es nur Empfehlungswerte für die maximale Energie, die je Maßeinheit Körpergewebe absorbiert werden sollte. Tanja Anheier

Sendemasten sind die Pfeiler der mobilen Telekommunikation .
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