ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Stammzellen: Was Forscher wollen, was sie dürfen

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Stammzellen: Was Forscher wollen, was sie dürfen

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1672 / B-1436 / C-1331

Bartmann, Peter

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LNSLNS Die Biomedizin weckt die Hoffnung auf neue Therapieformen. Vor allem aber löst sie ethisch begründete Vorbehalte aus.


Reinhard Merkel ließ es wie Zauberei aussehen: Entnähme man einem frühen menschlichen Embryo eine totipotente Zelle mit einer Pipette, so erklärte der Hamburger Rechtsphilosoph, und setze sie anschließend wieder an ihren Platz zurück, dann unterscheide sich dieser Zustand in nichts von der Ausgangssituation. Nach dem Gesetz habe man aber das Vergehen einer „missbräuchlichen Verwendung eines menschlichen Embryonen“ begangen. Auch sei der Straftatbestand des „Klonens“ erfüllt. Und durch die Rückführung der Zelle habe man von zwei Embryonen einen spurlos verschwinden lassen. Mit der Absurdität dieses Exempels brachte Merkel seine Kritik am Embryonenschutzgesetz (ESchG) zum Ausdruck.
Blastomerenzelle = Embryo
„Stammzellen und therapeutisches Klonen – Biomedizin ohne Grenzen?“ hieß die Tagung in Düsseldorf, mit der das Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen eine aktuelle gesellschaftliche Diskussion aufgriff. Die Tübinger Bioethikerin Eve-Marie Engels, Mitglied im Nationalen Ethikrat, und der Rechtswissenschaftler Rüdiger Wolfrum, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), stellten in ihren Beiträgen juristische und ethische Probleme der Embryonenforschung heraus. Engels erläuterte, jede menschliche totipotente Zelle trage die Anlage, zu einem vollständigen Menschen heranzureifen, sei also bereits ein Embryo. Dies treffe auch für eine Blastomerenzelle zu. Aus dem Keimling entnommen, könne sie unter geeigneten Bedingungen zu einem menschlichen Individuum heranwachsen. Totipotente menschliche Zellen dürfen in Deutschland kraft des ESchG ausschließlich zu ihrem eigenen Nutzen, etwa in der In-vitro-Fertilisation (IVF), verwendet werden.
Die Entnahme von pluripotenten Stammzellen aus dem weiteren Entwicklungsstadium der Blastozyste sei ebenso untersagt wie eine Embryonenherstellung zu diesem Zweck, sagte Engels. Zwar habe eine pluripotente Zelle den Status eingebüßt, ein vollständiger Embryo zu sein, ihre Gewinnung, so Engels weiter, sei jedoch nicht ohne Zerstörung oder Schädigung des Embryos möglich. Ebenfalls verboten sei die Benutzung bereits existierender, so genannter überzähliger Embryonen aus der IVF zur Entnahme von Stammzellen. Der Import von im Ausland hergestellten, pluripotenten embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) sei ethisch bedenklich, jedoch gesetzgeberisch nicht verboten. Nun würden Entwicklungen in der Biomedizin, etwa das therapeutische Klonen, die Frage aufwerfen, ob das ESchG geändert werden solle.
Wolfrum erklärte, er halte eine Änderung des Gesetzes vorerst nicht für erforderlich. Die DFG lehne therapeutisches ebenso wie reproduktives Klonen nach wie vor ab. Vorrangig solle weiterhin die ethisch unbedenklichere Forschung an adulten Stammzellen (AS-Zellen) gefördert werden. Falls sich die Notwendigkeit einer Forschung an ES-Zellen bestätigen sollte und die bisherigen Möglichkeiten dafür nicht ausreichen, schlage die DFG eine „zeitlich befristete“ Lockerung des ESchG vor.
In der Frage des Lebensschutzes des Embryos sieht Wolfrum eine Ähnlichkeit zur Abtreibungsfrage, auch wenn bei der Stammzellforschung dem Lebensrecht des Embryos kein direktes, den vitalen mütterlichen Bedürfnissen gleichwertiges Äquivalent entgegengestellt werden könne. „Der Preis einer eingeschränkten Eröffnung dieser Forschung unter wissenschaftlicher und ethischer Kontrolle kann gemessen an dem Schutz, den der Embryo im deutschen Recht de facto genießt, gering gehalten werden“, heißt es in seinem Thesenpapier. In der Diskussion wurde eingewendet, dass auch eine geringfügige Einschränkung des Lebensschutzes zwangsläufig seine Vernichtung zur Folge habe. Merkel ging so weit, „ein echtes subjektives Grundrecht des Embryos auf Lebens- und Würdeschutz“ generell in Abrede zu stellen.
Visionen
Einen ähnlichen Standpunkt vertrat der britische Genomforscher Austin Smith. Nach seiner Ansicht ist der Fetus bis zur Geburt noch kein Mensch, sondern lediglich als „Teil des menschlichen Lebenszyklus“ zu betrachten. Der Embryo müsse jedoch allein schon wegen seines gewaltigen Potenzials besonders geachtet und geschätzt werden. ES-Zellen, möglicherweise der „biomedizinische Rohstoff des 21. Jahrhunderts“, seien aus der inneren Zellmasse von Blastozysten leicht zu gewinnen.
ES-Zellen seien fähig, sich in identische Zellen zu teilen und schier grenzenlos zu vermehren. Zugleich zeigten sie eine ausgeprägte Plastizität. Smith hofft, aus ihnen transplantierbare Ersatzgewebe zu züchten. Nach Stimulation mit Wachstumsfaktoren könnten sie in den Händen von Transplantationsmedizinern zu ausgezeichneten Werkzeugen werden. Bei zahlreichen bislang unheilbaren Krankheiten wie Herzinfarkt, Parkinsonismus, multipler Sklerose, Typ-1-Diabetes oder Mukoviszidose seien künftig neue, sehr effektive Behandlungsmöglichkeiten denkbar. Schon bald könnten ES-Zellen in der pharmazeutischen Forschung eingesetzt werden.
Smith führte aus, dass adulte Stammzellen sich weniger gut zur Weiterentwicklung der Gentherapie eigneten. Unter In-vitro-Bedingungen seien sie nicht so problemlos zu vermehren wie ES-Zellen. Ob die angestrebten Differenzierungsprozesse bei ES-Zellen tatsächlich gut steuerbar und eine etwaige Onkogenität beherrschbar seien, müsse vordringlich erforscht werden. Restriktionen auf nationaler Ebene dürften die internationale Zusammenarbeit nicht behindern, so Smith.
Auftragsforschung
Der Bonner Neuropathologe Oliver Brüstle kritisierte die bisherigen Forschungsbedingungen in Deutschland. In einem früheren Projekt hatte Brüstle tierische ES-Zellen zu Vorläuferzellen gezüchtet und in die Gehirne von Mäusen mit einer Markscheidenerkrankung transplantiert. Dort war der Zellersatz zu Myelin-bildenden Stützzellen gereift. Um weitere Forschungen auch mit menschlichen ES-Zellen durchzuführen, sei er aufgrund der Gesetzeslage in Deutschland jedoch auf Importe aus dem Ausland angewiesen, sagte Brüstle. Zelllinien, aber auch Verfahren und selbst die Forschungsergebnisse, müssten dem ausländischen Partner zurückgegeben werden. „Krass gesagt, das ist Auftragsforschung für das Ausland“, beschrieb er die Situation. Auch um nicht in den Ruf einer – so Brüstle – „Doppelmoral“ zu geraten, möchte er die rechtlichen Grundlagen für die Stammzellforschung in Deutschland neu geregelt wissen.
Brüstle stellte dar, warum sich ES-Zellen für die Forschung besser eigneten als AS-Zellen. Einzelne Gene könnten aus dem Kernmaterial gezielt eliminiert und ein Zellersatz zu Transplantationszwecken einfacher hergestellt werden. AS-Zellen seien wenig proliferativ, ihre Anreicherung in der Zellkultur bislang selten gelungen und die gezielte Umzüchtung (Transdifferenzierung) noch wenig überzeugend.
Als ein wichtiger Vorteil der AS-Zellen müsse jedoch deren immunologische Kompatibilität gesehen werden, da ihr Spender zugleich Empfänger sei. Ebenso dürfe nicht verkannt werden, dass die Forschung mit ES-Zellen gewisse Risiken berge. Diese beträfen ihre Zelltyp-Spezifizierung und den Reinheitsgrad der verwendeten Kulturen, was vielleicht zu Teratomen (Missbildungen) führen könnte.
Einen Konflikt zwischen den Forschungen an ES-Zellen und AS-Zellen gibt es nach Brüstles Einschätzung nicht. Die meisten Stammzellforscher seien an beiden Richtungen interessiert, um sie miteinander zu vergleichen. Gewarnt werden müsse allerdings vor allzu optimistischen Erwartungen. Vor dem Einsatz beim Menschen seien viele abgestufte Vorversuche notwendig, und früheste Therapieerfolge erst in fünf bis zehn Jahren zu erwarten.
Auswirkungen auf die Gesellschaft
Ein entschiedenes Plädoyer für eine Beschränkung der Forschung auf AS-Zellen unternahm der amerikanische Wissenschaftsautor Jeremy Rifkin. Er wies auf Entwicklungen hin, zu denen die neuen Biowissenschaften in den angelsächsischen Ländern bereits geführt hätten. Dort seien Patente nicht nur auf Laborverfahren und Gensequenzen, sondern auch auf Stammzelllinien und Hybridlebewesen vergeben worden. Viele Biotechnologieunternehmen versuchten, sich mit den Entwicklungen in der Biomedizin „eine goldene Nase“ zu verdienen. Diese kommerziellen Interessen würden im Ringen um eine ethische und rechtliche Basis für die Embryonenforschung leider allzu oft übersehen.
Rifkin behauptete, die Gesellschaft setze sich ohne Not der Gefahr einer neuen, kommerziell orientierten Form der Eugenik aus. Viele Gefahren („slippery slopes“) drohten allein schon durch die immanente Dynamik der biomedizinischen Technologie. Jeder Schritt fordere und rechtfertige den nächsten. Aber diese Entwicklungen seien später nicht mehr rückgängig zu machen.
Zu wenig beachtet werde weiterhin, dass der Verlust genetisch bedingter rezessiver Eigenschaften sich in der Evolution des Menschen nachteilig auswirken könnte. Noch schwerer wiege, dass der Versuch einer Perfektionierung des Menschen durch Genmanipulation und Klonierung unweigerlich zu einem Verlust an Empathie, zu Geringerschätzung von Abweichung und Behinderung führe.
Nach Rifkins Worten würden gesellschaftliche Auseinandersetzungen heute weniger durch Positionen wie „rechts“ oder „links“ als durch den Widerspruch zwischen „utilitaristischen und intrinsischen“ Werten geprägt. Solange es für die Biowissenschaftler aussichtsreiche und ethisch unbedenklichere Alternativen wie die Forschung an AS-Zellen gebe, sei nicht einzusehen, Embryonen als Rohstofflieferanten für zukünftige Therapieformen zu instrumentalisieren.
Ärzte seien gut beraten, sich auf den hippokratischen Eid mit seinem „primum nihil nocere“ (vor allem nicht schaden) zurück zu besinnen. Dr. med. Peter Bartmann


Blastozyste mit Embryoblast, von Stammzellforschern als „innere Zellmasse“ bezeichnet.
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