ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Fortbildung: Richtige Fragen stellen

BRIEFE

Fortbildung: Richtige Fragen stellen

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1676 / B-1331 / C-1199

Klemperer, David

Zu dem Beitrag „Zertifiziert und freiwillig“ von Thomas Gerst in Heft 20/2001:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Rezertifizierung ist in Deutschland noch immer ein Reizwort. Es besteht der Eindruck, dass die Diskussionen um die Rezertifizierung ein höheres Maß an Sachlichkeit vertragen könnten.
Dabei hat die Bundes­ärzte­kammer bereits 1993 mit den „Leitsätzen und Empfehlungen zur ärztlichen Fortbildung“ eine gute Grundlage gelegt. Darin heißt es, dass Fortbildung ein Instrument der Qualitätssicherung sei und ihr wichtigstes Ziel die Verbesserung des ärztlichen Handelns. Daran sollten Bemühungen wie Fortbildungszertifikat und Zertifizierung von Fortbildungsveranstaltungen gemessen werden.
Als Instrument der Qualitätssicherung sollte ein System der Fortbildung den Zweck verfolgen, sich an der Lösung von Qualitätsproblemen zu beteiligen. Folgende Probleme verlangen dabei nach Antworten:
- Die Kompetenz der Ärzte lässt im Verlaufe des Berufslebens nach.
- Nicht alle Ärzte bieten hervorragende Qualität. Anzunehmen ist vielmehr eine Normalverteilung ärztlicher Qualität mit einem Anteil von Ärzten im sehr guten und sehr schlechten Bereich.
- Ein kleiner Teil von Ärzten ist den Anforderungen des Berufs und den berechtigten Erwartungen der Patienten nicht gewachsen. Diese kleine Zahl von Ärzten kann großen Schaden anrichten.
- Es werden von Ärzten Maßnahmen durchgeführt, die den Patienten mehr Schaden als Nutzen versprechen, und es werden den Patienten Maßnahmen vorenthalten, die mehr Nutzen als Schaden versprechen. Die Defizite der Schmerztherapie bei Tumorpatienten gehen beispielsweise so weit, dass von zwei Optionen – Gabe beziehungsweise Nichtgabe von Opioiden bei bestehender Indikation – fast regelhaft die falsche bevorzugt wird.
- Der Transfer von gesicherten nutzbringenden neuen Erkenntnissen in die Praxis dauert unverhältnismäßig lange, nämlich Jahre bis Jahrzehnte, was natürlich auf Kosten der Patienten geht.
Dies alles sind keine auf Deutschland beschränkten Phänomene. Daher ist es interessant zu beobachten, welche Entwicklung die Fortbildungssysteme anderer Länder nehmen. In den USA und in Kanada hat man in den letzten 30-40 Jahren reichhaltige Erfahrungen mit Fortbildungssystemen gesammelt, die sich auf das freiwillige oder obligate Sammeln von Fortbildungspunkten mit oder ohne regelmäßige Prüfungen gründen. Im Ergebnis zeigte sich, dass auf diese Weise keine ausreichende Verbesserung der Qualität ärztlichen Handelns erzielt wird. Daher wird dort und in England derzeit mit hoher Intensität an der Weiterentwicklung der Fortbildungssysteme gearbeitet. Die Sicherheit der Patienten und die Qualität der tatsächlichen ärztlichen Berufsausübung stehen dabei im Focus.
Einige Anforderungen an zeitgemäße Lösungen sind bereits deutlich. Fortbildung muss unter dem Aspekt einer kontinuierlichen professionellen Entwicklung konzipiert werden. Die eingesetzten Lehr- und Lernmethoden müssen einen nachweisbaren Effekt auf den Wissenserwerb und auf die Veränderung der Vorgehensweisen haben. Der einzelne Arzt steuert seine Fortbildung selbst. Er lernt mit den Methoden, die seinen Lernbedürfnissen am besten entsprechen. Fortbildung bezieht über den Erwerb kognitiven Wissens hinaus bisher wenig beachtete Dimensionen der ärztlichen Berufsausübung ein, wie die ärztliche Haltung, kommunikative Fähigkeiten und auch handwerkliches Geschick. Keiner Diskussion bedarf andernorts die Frage nach der Verbindlichkeit der Fortbildungsverpflichtung. Es besteht ein Konsens, dass die Teilnahme an Fortbildung nicht im Belieben des Arztes liegen kann. Vielmehr wird es als Bringschuld jedes Arztes angesehen, die Erfolge seiner Fortbildungsanstrengungen mit validen Methoden gegenüber einer externen Stelle darzulegen. Dies kann man als Rezertifizierung bezeichnen.
Sicherlich lassen die in anderen Ländern gefundenen Lösungen noch Fragen offen und sind auch nicht 1:1 auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Entscheidend ist es aber, die richtigen Fragen zu stellen. Ein wenig Fortbildung in Fragen der Fortbildung würde der deutschen Ärzteschaft gut tun.
Dr. med. David Klemperer, c/o Der Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales, Birkenstraße 34, 28195 Bremen

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema