ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Unverträglichkeit gegenüber Dentalmaterialien: Einseitige Sichtweise

MEDIZIN: Diskussion

Unverträglichkeit gegenüber Dentalmaterialien: Einseitige Sichtweise

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1699 / B-1457 / C-1337

Engelhardt, Klaus

zu dem Beitrag Bei Verdacht ist interdisziplinäre Abstimmung erforderlich von Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Hans Jörg Staehle in Heft 49/2000
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LNSLNS Sehr anschaulich beschreibt der Autor in seiner Veröffentlichung, wie jeden Tag Scharen von „verängstigten Menschen“ in die Praxen stürmen, um ihre wehrlosen Dentisten zu nötigen, „überstürzt zahnärztliche Eingriffe“ vorzunehmen. Verantwortlich hierfür seien zahlreiche ärztliche und nichtärztliche Scharlatane, die, von reiner Geldgier motiviert, mittels abstruser und unseriöser Diagnosemethoden versuchten, derart hilflose und bemitleidenswerte Patientenkreaturen jahrelang an sich zu binden. Als Folge davon seien – nach der statistischen Quelle des Verfassers – immerhin 60 Prozent der Bevölkerung von dem Irrglauben besessen, sie seien durch ihre Dentalmaterialien in irgendeiner Weise gesundheitlich beeinträchtigt.
Generell ist an dieser Stelle anzumerken, dass die hier suggerierte Aussage, knapp zwei Drittel der Bevölkerung seien sozusagen medizinisch naiv, dumm und ohne Gespür für das, was ihrem Wohlbefinden schade oder nütze, im krassen Gegensatz zur alltäglichen Erfahrung steht und schon gar nicht zu der Schlussfolgerung verleiten darf, all diese Patienten seien auf das Thema zahnärztliche Wirkstoffe im Stile einer überwertigen Idee auf fast paranoide Weise iatrogen fixiert. Der Autor bleibt die zur Objektivierung seiner These notwendige „zweite Hälfte“ der Statistik schuldig, die beweisen müsste, dass der überwiegende Anteil dieser 60 Prozent Patienten auch tatsächlich frei ist von gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch ihre Dentalmaterialien. Dazu genügt etwa die einfache Aufzählung von 24 Literaturbelegen (dem gegenüber recherchierte Hamre in seinem Buch über die Amalgamproblematik weit über 1 000 Literaturstellen [3]), die die Unschädlichkeit des Amalgams belegen sollen (womit sich der Autor auf der wissenschaftlichen Zeitachse ins prähistorische Abseits katapultiert), ebenso wenig wie die Anführung eines einzigen Beispiels als Beleg für seine Vorwürfe. Dieses Beispiel erweist sich zu allem Überfluss als inhaltlich widersprüchlich, da die „ohne zwingende Notwendigkeit vorgenommene prothetische Versorgung“ offensichtlich gerade nicht durch einen Vertreter der verschiedenen, pauschal geschmähten Testverfahren veranlasst worden war.
Derartige, im Stile eines Advokats der seriösen Wissenschaften und Anwalt der Opfer verfasste Veröffentlichungen passen zur verbreiteten, die Erkenntnisse der modernen Physik leugnenden „wissenschaftlichen“ Weltanschauung. Anstelle einer vorurteilsfreien Überprüfung komplementärer Methoden werden geradezu gebetsmühlenartig Verdammungen all dieser Verfahren wiederholt. Hierdurch wird jedoch ein spannender und für den Menschen gewinnbringender Dialog durch einfache Ausblendung eines nicht ins eigene Weltbild passenden Teils der Wirklichkeit a priori verhindert.

Literatur
1. Canguilhem G: Das Normale und das Pathologische. Frankfurt a.M.: Ulstein, 1977.
2. Feyerabend P: Wissenschaft als Kunst. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1984.
3. Hamre HJ: Amalgam. Stuttgart: Hippokrates Verlag, 1997.

Dr. med. Klaus Engelhardt
Kalchreuther Straße 105
90411 Nürnberg

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